Theatersanierung: Wir sind geteilter Meinung

Das Augsburger Theater ist ein Sanierungsfall. Doch wo soll das Geld für die Renovierung herkommen? Foto: Lea Geier

Bis zu 235 Millionen Euro soll die Sanierung des Augsburger Theaters kosten. Ist es das wert? Wir sagen: Jein. Zwei Kommentare zu einem umstrittenen Thema.

Mut zur Vernunft: Sperrt es zu - Ein Kommentar von Agnes Baumgartner


1956, also vor fast 60 Jahren, wurde das letzte Mal in das Theater Augsburg investiert. Fast sechs Jahrzehnte stand die Sanierung des Theaters zwar immer wieder auf der to-do-Liste der jeweiligen Stadtregierungen, die notwendigen Investitionen wurden aber dann doch auf ferne Zukunft verschoben, denn schon den laufenden Theaterbetrieb zu subventionieren war für die Stadtkasse Jahr für Jahr ein Kraftakt. Jetzt ist die ferne Zukunft da und 235 Millionen Euro werden für die Sanierung fällig.

Woher das Geld kommen soll? Der Stadtrat weiß es nicht.

Aus dem Jahr 1948 stammen die Werkbänke in der Grundschule Bärenkeller. „Daran haben wir ja schon gearbeitet!“, rief ein alter Mann bei einem Schulrundgang. Eltern erzählten, dass manche Kinder nichts trinken würden, um die stinkenden Toiletten nicht benutzen zu müssen. 26 Millionen Euro gibt der Stadtrat in diesem Jahr für seine Schulen aus, weitere 91 Millionen sollen folgen. Doch wo soll das Geld für beide Projekte herkommen, nachdem das Theater jetzt wohl mehr als doppelt so teuer wird?

Eine Kommune darf sich alles wünschen, aber kann sich nicht alles leisten. Das Theater Augsburg ist eine wunderbare Einrichtung, ein Drei-Sparten-Haus steht der drittgrößten Stadt Bayerns gut zu Gesicht – aber Augsburg hat hierfür nicht genug Geld, weder für die Sanierung noch für die Subventionen, die den kommenden Generationen aufgebürdet werden. Das ist traurige Realität. Doch kein Stadtrat hat den Mumm, diese Wahrheit laut auszusprechen. Es fehlt der Mut zur Vernunft – zu groß ist die Angst davor, von den Kulturmachern und Theaterbegeisterten kritisiert zu werden. Im März wird der Stadtrat darüber sprechen, wie 235 Millionen Euro aufgetrieben werden können, und irgendwie wird das Geld zusammengekratzt werden. Der Freistaat wird geben, das Umland vielleicht auch und Schulden kann man ja auch noch machen.

Der Weg nach München ist nicht weit. Er wäre den Theaterbegeisterten zumutbar. Theater kann man zusperren, das haben andere Kommunen schon vorgemacht. Schulen aber nicht.

Wir brauchen ein Theater in Augsburg - Ein Kommentar von Stefan Gruber


Braucht Augsburg ein Theater? Ja, unbedingt! Ein generelles Nein zu einem Theater hätte die Folge, dass auch andere Institutionen in logischer Folgerung gestrichen oder reduziert werden müssten, die der öffentlichen Hand Kosten verursachen: Stadien, FCA, Panther, Orte für Konzerte aller Art, Bäder, Museen, Zoo, Parks, neuen Pflasterungen von Fußgängerzonen...

Kultur dient dazu, sich zu unterhalten, sich zu informieren, sich zu bilden. Was würden wir für eine Generation großziehen, der zukünftig der Zugang zur Kultur verwehrt wäre. Was, wenn Normalo und Geringverdiener sich den Besuch nicht mehr leisten können, abgedrängt und von Bildung ausgeschlossen werden, nur weil Fördergelder und Zuschüsse zur Aufrechterhaltung fehlen, während Woche für Woche in Deutschland jährlich viele Millionen Euro ausgegeben werden für die Sicherung von Städten und deren Bewohner, weil kleine Gruppen von Sportfans randalieren, in Zügen begleitet, in die Stadien geleitet und abgeschottet werden müssen? Dafür setzen Polizisten für geringen Lohn sogar regelmäßig Leib und Leben aufs Spiel, damit der friedliche Bürger seinen Spass dort hat.

Würden diese Kosten für Sicherheit auf die Eintrittskarten umgelegt, könnte sich kaum mehr jemand eine Fußballkarte für den FCA leisten, ebenso wie eine nicht subventionierte Theaterkarte. Beim Sport bleibt die Aufrechnung aus – es zahlt ja der Staat, aber auch aus unseren Steuergeldern.

Unsere Freizeit ist, was das Leben lebenswert macht. Eine Stadt ist, was sie ihren Bürgern bietet, die Vielfalt in Sport und Kultur, an Bildungsmöglichkeit. Soll für zukünftige Generationen die Welt der Privatsender zur einzigen Kulturquelle werden?

Ob ein Augsburger Theater in der jetzigen Form aufrecht erhalten werden soll oder als Staatstheater, ist diskussionswürdig. Mit welchen zeitgerechten Angeboten alle Bürgerschichten angesprochen werden können, muss überdacht werden. Ob eine Sanierung in der nun diskutierten Form die richtige Lösung ist, ebenfalls. Vielleicht wäre der Ansatz, erst festzustellen, wie viel Geld kann für die Sanierung aufgebracht werden und was kann man damit erreichen, die bessere Herangehensweise als: Wir brauchen, wir wollen … lasst mal die Architekten machen.

Die Verwirklichung von Träumen, Selbstentfaltung, Vielfalt, Identifikation mit der Stadt in der man lebt, Gemeinschaftsgefühl mit anderen Menschen, all das ist Leben – das macht aus einer Stadt ein Zuhause, Heimat.

Kultur ist ein Zuschussgeschäft – und Zuschuss fängt bei Gebäuden und Infrastruktur an. Nehmt uns das, und der Augsburger hat jedes Recht, über seine Stadt zu schimpfen.

Augsburg braucht ein Theater. Auch wenn an allen Ecken und Enden der Stadt das Geld fehlt, um wichtige Einrichtungen wie Schulen zu sanieren. Wir brauchen zahlbare Lösungen, unsere Stadt lebenswert zu erhalten mit möglichst all den bisherigen Errungenschaften.
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