Trauern um die einsamen Toten

Besonders neue Drogen und drogenähnliche Substanzen, sogenannten Badesalze und Kräutermischungen machen der Polizei und der Drogenhilfe Schwaben Sorgen. Foto: Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes

Es ist meist ein einsamer Tod, den sie sterben: die "Drogentoten", wie sie in den offiziellen Statistiken heißen. Lange Zeit wurde ihre Zahl geringer. Nun verzeichnet die Polizei wieder einen Anstieg in der Region.

Waren es 2012 noch 15, sind im vergangen Jahr 26 Menschen an den direkten Folgen ihres Drogenkonsums gestorben. Im laufenden Jahr sind bereits 13 Drogentote zu beklagen. Am 21. Juli ist ihr Gedenktag.

Das Jahr 2008 war in Hinsicht auf die Zahl der Drogentoten ein echter Schock. Im Zuständigkeitsbereich des Polizeipräsidiums Schwaben Nord waren damals 37 Menschen durch Rauschgift gestorben. Seither haben sich die Zahlen beruhigt. In der Stadt Augsburg hatte sich die Zahl der Drogentoten bei etwa zehn Betroffenen im Jahr eingependelt - bis vergangenes Jahr: 19 Menschen verloren 2014 ihr Leben an Rauschgift.

Mitverantwortlich für die dramatische Entwicklung sind die neuen Drogen auf dem Markt: Badesalze und Kräutermischungen, teils legal über das Internet verfügbar. Von einer sehr problematischen Entwicklung spricht in diesem Zusammenhang die Polizei.

Wie problematisch die Situation tatsächlich ist, weiß Andreas Köjer. Er ist Streetworker beim beim Kontaktladen KiZ der Drogenhilfe Schwaben und Badesalz und Co. stellen ihn vor schier unlösbare Aufgaben. "Wir haben kein Rezept dagegen." Dabei hat Badesalz ein enorm hohes Suchtpotenzial und ist dazu hochgradig toxisch.

Doch die Probleme für Köjer beginnen bereits bei der Beschaffung der Drogen. Weil diese einfach übers Internet zu bestellen sind, müssen die Drogensüchtigen gar nicht erst raus und sich in eine bestimmte Szene begeben, um ihren Dealer zu treffen - als Streetworker kommt Köjer so nicht an sie ran. Er versucht es mit Hausbesuchen. "Oder wenn sie auf Entgiftung sind. In der geschützten Umgebung ist oft einfacher an sie ran zu kommen", erzählt Köjer.

Problematisch ist auch die Art des Konsums. Badesalze können geschnupft, geraucht oder auch mit einer Spritze direkt in den Blutkreislauf "gedrückt" werden. Während sich in anderen Bundesländern das Rauchen durchgesetzt hat, wird in Augsburg vor allem "gedrückt". Weil die Wirkung der Badesalze nicht lange vorhält, müssen die Abhängigen häufiger nachlegen. Bis zu 15 Einstiche am Tag zählte Köjer bei einem seiner Schützlinge. Damit steigt die Gefahr von Komplikationen, die den intravenösen Konsum immer begleiten: Infektionen durch verschmutzte Spritzen, Vernarbung beziehungsweise Verstopfung der Venen und auch die Droge selbst, die nicht wie Heroin abgekocht wird vor der Injektion, sondern lediglich angerührt mit Wasser, kann Keime und Verunreinigungen in den Körper tragen.

Angesichts der Wirkung der Droge verblassen diese Gefahren freilich. Denn die eigentliche Bedrohung rührt daher, dass niemand vorher weiß, wie er auf Badesalz reagiert, was es mit ihm anstellt. Die Bandbreite reicht laut Köjer von Apathie bis Gewaltausbruch, von Angstzuständen bis Hyperaktivität. Ursache dafür ist die vollkommen willkürliche Zusammensetzung der Droge, die chemisch immer wieder ein bisschen verändert wird, um vom deutschen Betäubungsmittelgesetz nicht erfasst zu werden. Die Folge: Teilweise kommt dabei eine Substanz heraus, die bei Hautkontakt schwere Verätzungen auslöst. "Die wissen gar nicht, was sie sich in die Venen jagen", stellt Köjer nüchtern fest.

Da wundert es nicht, dass ein direkter Zusammenhang zwischen den neuen "Modedrogen" und dem Anstieg in der Statistik der Drogentoten von Polizei und Drogenhilfe hergestellt wird.

Um so mehr hofft Köjer auf den Drogentotengedenktag. "Wir wollen Öffentlichkeit schaffen, Aufmerksamkeit auf das Thema lenken." Denn der Streetworker ist überzeugt, dass Sucht eben kein "Randgruppen-Thema" ist. "Sucht ist keine Sache, die nur den anderen passiert." Köjer erinnert daran, dass auch Alkohol eine Droge sei, die Menschen letztlich zugrunde richten könne. Dafür soll der Gedenktag sensibilisieren.

Und noch einen Grund gibt es für den Tag. "Es gibt relativ wenig Trauermöglichkeiten für Angehörige", weiß Köjer. Am Gedenktag besteht für sie dazu die Gelegenheit. Auch der Austausch mit anderen Betroffenen ist möglich, hier kann laut Köjer aktive Trauerarbeit geleistet werden.

So gibt es letztlich den tröstenden Gedanken, dass viele der Drogentoten einsam gestorben sein mögen, vergessen sind sie nicht.

von Markus Hoeck
0
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.