Umzug in die Sicherheit: Installation in der Stadtbücherei Augsburg zeigt Wege aus häuslicher Gewalt

Birgit Gaile, Leiterin des Augsburger Frauenhauses, ist froh, dass die Ausstellung „Hol Dir Dein Leben zurück“ in der Neuen Stadtbücherei gezeigt wird.
 
Praktische Hilfestellungen und wertvolle Informationen: Die Texte der Ausstellung richten sich auch ganz direkt an Frauen, die unter häuslicher Gewalt leiden.

Die hellbraunen Quader türmen sich als Mauer in die Höhe. In schwarzen Buchstaben steht dort geschrieben: Demütigung – eine Erfahrung, der sich noch immer viele Frauen in den eigenen vier Wänden hilflos ausgeliefert fühlen. Die Installation „Hol Dir Dein Leben zurück“ will diesen Frauen Mut machen, sich nicht mit Gewalt und Angst zu arrangieren, sondern auszubrechen und Schutz zu suchen.

25. November, der Internationale Tag gegen Gewalt an Frauen. In der Neuen Stadtbücherei eröffnet Cynthia Matuszewski von der „Terre des Femmes“-Gruppe Augsburg die Ausstellung. Gewalt gegen Frauen in Deutschland ist so vielfältig, wie bestürzend. Für den späten Nachmittag kündigt Matuszewski eine Veranstaltung zum Thema „Genitalverstümmelung“ an, in der Stadtbücherei geht es um häusliche Gewalt.
Häuslich – das bedeutet in diesem Fall, dass sich die betroffenen Frauen in dem für sie eigentlich sichersten Ort, nämlich ihrem Zuhause, nicht mehr sicher fühlen können, führt Matuszewski an das Thema heran. Jede vierte Frau werde in den eigenen vier Wänden misshandelt, geschlagen oder gedemütigt.

Platzmangel im Frauenhaus Augsburg

Allein im Frauenhaus Augsburg, das zuständig ist für die Stadt Augsburg sowie die Landkreise Aichach-Friedberg, Augsburg und Landsberg, haben sich im vergangenen Jahr 457 Frauen telefonisch gemeldet. „Manche wollten sich nur informieren, andere mit einer konkreten Bitte um Hilfe“, sagt Birgit Gaile, die Leiterin des Frauenhauses. 108 Frauen und 116 Kinder fanden 2016 Schutz in ihrer Einrichtung. Geflüchtet waren sie fast immer vor Ehemann, Freund, Partner oder einem männlichen Verwandten. Aber: 112 Frauen konnten nicht unterkommen. „Wir haben zu wenig Platz“, stellt Gaile fest. Aktuell verfügt das Frauenhaus Augsburg über 42 Plätze. Ein Ausbau der bestehenden Immobilie würde schon helfen, erklärt Gaile. Doch momentan scheitert es an der Förderung. Auch für zusätzlich benötigtes Personal fehlt das Geld. Der Vorwurf zielt in Richtung des bayerischen Landtags. Seit 2016 liege dem Sozialministerium eine Studie vor, die den Bedarf aufzeige, berichtet Landtagsabgeordnete Christine Kamm (Grüne). Doch bisher sei noch kein Geld bereitgestellt worden. Für ganz Bayern wären es drei Millionen Euro. Zur Erinnerung: Allein für die Sanierung des Augsburger Theaters hat der Freistaat eine Summe von mehr als 100 Millionen Euro in Aussicht gestellt.

Auch hier mag die Installation, die bis zum 9. Dezember läuft, dazu beitragen, dass sich der politische Prozess beschleunigt. „Ich erhoffe mir eine Sensibilisierung der Öffentlichkeit“, sagt Gaile. Wer die beklemmend aufragende Wand aus Umzugskartons umrundet, findet sich plötzlich in einem geschützten Innenraum wieder. Hier beschäftigen sich Texte mit dem Leid betroffener Frauen, klären auf mit teils erschütternden Fakten: „Rund 20 Prozent aller Krankmeldungen von Frauen in Betrieben sind auf häusliche Gewalt zurückzuführen“, ist dort zu lesen. Aber es gibt auch konkrete Tipps für betroffene Frauen, etwa die Notfalltasche, um im Fall der Fälle schnell den bisherigen Wohnraum zu verlassen.

Häusliche Gewalt: Hörstationen berichten von einzelnen Fällen

Und dann hängen da noch zwei Kopfhörer. Besser als jede Statistik machen die Beiträge der Hörstationen deutlich, was für Schrecken sich hinter dem Begriff „häusliche Gewalt“ verbergen. Etwa wenn sich eine ehrenamtliche Helferin zurückerinnert an den Fall einer Mutter, die sich von ihrem Partner erfolgreich getrennt hatte und sich mit ihm in ihrer neuen Wohnung, in ihrem neuen sicheren Zuhause traf für ein klärendes Gespräch. Er vergewaltigte sie, misshandelte sie so schwer, dass sie ins Krankenhaus musste – teilweise sind die Beiträge nur schwer zu ertragen.

Aber Gaile will nicht allzu pessimistisch sein. Es habe sich viel getan, seit in den 1970er die Frauenhäuser entstanden. Etwa zuletzt die Verschärfung des Vergewaltigungsparagrafen. „Man hofft ja immer, dass man sich selber irgendwann abschafft“, sagt Gaile. Aber Frauenhäuser werde es auch langfristig noch geben. „Die Schutzräume werden einfach gebraucht“, ist Gailes traurige Gewissheit.

Info: Die Beratungsstelle „Via – Wege aus der Gewalt“ ist rund um die Uhr unter Telefon 0821/6502670 erreichbar, das Frauenhaus Augsburg unter 0821/2290099.
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