Viel Lärm um die letzte Ruhe: Waldfriedhof in Bergheim sorgt für Diskussionen

Genau an dieser Stelle soll der Waldfriedhof in Bergheim entstehen. Foto: Christine Hornischer

Augsburg-Land - Auf den Augsburger Friedhöfen gibt es bereits Bestattungen unter Bäumen. Bald soll es auch im Wald möglich sein, und zwar westlich des Ortskerns von Bergheim. Auch Urnenbestattungen sollen in diesem "Ruheforst" möglich sein. Als Träger von Friedhöfen unterstützt die Stadt Augsburg das Haus Fugger Babenhausen bei der Errichtung des Naturfriedhofs. Die Fugger arbeiten nach Angaben der Stadt mit der "RuheForst GmbH" zusammen, die bundesweit bereits 62 Friedhofsstandorte betreibt. Der Waldfriedhof in Bergheim soll im Frühjahr 2016 eröffnet werden.

Als Alternative zu herkömmlichen Bestattungsarten gehen die Stadt Augsburg und das Haus Fugger Babenhausen, in dessen Besitz der besagte Wald ist, neue Wege: Die Möglichkeit, in der natürlichen Umgebung des Waldes beigesetzt zu werden, ist für viele Menschen eine würdevolle Form des Abschieds. Ruhe, Harmonie und ständiger Wandel der Natur spenden Trost für Angehörige und Freunde. Entsprechend wird die letzte Ruhestätte nicht Grab, sondern "RuheBiotop" genannt.

Doch das finden nicht alle gut. Aus Angst vor "Bestattungstourismus in Bergheim" hat sich eine Interessengemeinschaft gebildet. Norbert Stölzel, der Initiator der Gegenbewegung, stellte sein Haus in Bergheim in der Oberschönenfelderstraße (direkte Nachbarschaft zum Waldfriedhof) für ein erstes Treffen von Interessenten der Gegenbewegung zur Verfügung. Sein Keller platzte aus allen Nähten, denn es waren rund 40 Leute gekommen, um sich über das brisante Thema auszutauschen.

Viele Gegenargumente

Gegen den Waldfriedhof sprächen das zusätzliche Verkehrsaufkommen, eine Gefährdung des Grundwassers und aufgrund der Ausforstung die Gefahr von Überschwemmungen. Das Gelände sei für ältere Menschen zudem nicht erklimmbar, auch Natur- und Artenschutz seien gefährdet, trug Stölzel seine Einwände vor. Die Anwesenden sahen noch weitere Probleme. So klagte beispielsweise eine Anwohnerin, dass in diesem Ruheforst ja kein WC vorgesehen sei und die Friedhofsbesucher somit entweder die Nachbarn aufsuchen oder "hinter einen Baum pinkeln" müssten.

Christine Stölzel brachte zur Sprache, dass die Kontaminierung von Asche erheblicher sei, als bisher gedacht. Eine wissenschaftliche Untersuchung sei in Auftrag gegeben. Falls die Asche gefährlich sei, müsse Umweltreferent Reiner Erben reagieren, so die engagierte Gattin des Initiators. Norbert Stölzel wiederholte auch in diesem Zusammenhang, dass er "alles tun werde, um den Standort Bergheim zu verhindern". Im Zweifel werde er Klage einreichen.

"Die Stadt hat so viele Wälder, warum nimmt sie nicht einen ihrer Eigenen?", fragte ein benachbarter Landwirt im Hinblick auf die Tatsache, dass die Stadt das Haus Fugger Babenhausen, in punkto Waldfriedhof unterstützt. Auch müsse sie bei einer etwaigen Insolvenz haften und zwar "mit dem Geld von uns Steuerzahlern", empörte sich eine junge Frau.

Grund zur Besorgnis gäbe auch die schlechte Parkplatzsituation, so Stölzel. Es seien für den Waldfriedhof nur drei oder vier Parkplätze vorgesehen, "was definitiv zu wenig ist". Weiter berichtete er, dass Parkplätze "weiter weg" vorgesehen seien und ein Shuttle-Bus zum Friedhof fahren solle. "Dies ist kein Scherz", sagte der besorgte Steuerberater. Die Anwesenden waren sich einig darüber, dass "jedes Café eine Menge Auflagen" erfüllen müsse, der Waldfriedhof aber ohne genügend Parkplätze und WC gebaut werden dürfe. "Rätselhaft" drückte ein Interessent die Stimmung im Raum aus.

Ein alter Bergheimer wies darauf hin, dass sich der Bergheimer Schlittenberg, auf dem die Kinder jeden Winter rodeln, in direkter Nachbarschaft befinde. "Dürfen die Kinder dann keinen Krach mehr machen, weil sie sonst die Totenruhe stören?", fragte er ironisch. Die Ironie griff der Initiator auf und erzählte von einem GPS-System, das einen auf den Friedhof leite. "Per App zur Urne?" stellte er in den Raum. Auch sein Neologismus "Bestattungstourismus" käme nicht von ungefähr, so der leidenschaftlichlich argumentierende Mann. Auf dem Bergheimer Waldfriedhof dürften nämlich nicht nur Menschen aus der Region bestattet werden, sondern aus der ganzen Welt. Das Resumee des Abends lautete: Die Einzelkosten für eine Beerdigung seien im Waldfriedhof günstiger - aber auf Kosten aller.

Vorreiter in Schwaben

Nach Angaben von Helmut Riedl aus dem Amt für Grünordnung, Naturschutz und Friedhofswesen wäre Augsburg mit dem "Ruheforst" ein Vorreiter in Schwaben und Südbayern. In dem Waldstück in der Nähe der Oberschönenfelder Straße sollen unter 80 Bäumen jeweils zwölf Urnengrabplätze angeboten werden. Nach Riedls Worten wünschen viele Menschen eine naturnahe Bestattung. Die Stadt biete zwar Bestattungen unter Bäumen auf den Friedhöfen an. "Viele wollen jedoch Natur pur", sagt er.

Auch Umweltreferent Reiner Erben bestätigt: "Die Zahl der Urnenbeisetzungen steigt stetig (etwa 60 Prozent)." Erben verstehe nicht, warum die Einwände der Anwohner nicht in der Informationsveranstaltung der Stadt Ende des vergangenen Jahres in Bergheim laut wurden, auf der vor rund 150 Anwesenden das Vorhaben dargestellt und diskutiert wurde." Er wolle die Fragen nun in Einzelgesprächen klären.

Eine Gefährdung des Grundwassers durch die Asche sei nach Auskunft der Stadtwerke Wasser GmbH und des Wasserwirtschaftsamt nicht gegeben. "Aufgrund neu vorgebrachter Erkenntnisse zur Belastung von Aschen werden wir die Fragestellung an das Landesamt für Umwelt zur Beantwortung weiterleiten", verspricht der Umweltreferent. Und: "Mir als Grünem Referenten wie auch dem Eigentümer der Fläche liegt sehr am Herzen, dass diese Frage eindeutig geklärt wird und sichergestellt ist, dass keine Gefährdung für Mensch und Natur besteht." Eine endgültige Abklärung stehe aber seines Erachtens noch aus.

Von Bestattungstourismus zu sprechen sei bei dem sensiblen Thema nicht angezeigt, so Erben. Es gehe um die persönliche Vorstellung von Menschen über ihre Art von Bestattung nach ihrem Tod und um die Bewältigung der Trauer der Hinterbliebenen, die ihrer Form der Trauer hier in speziellem Maße Ausdruck verleihen möchten. Sicherlich könne auch ein Friedhof in Bergheim überörtliche Bedeutung haben, "wobei wir davon ausgehen, dass auch ein wesentlicher Teil der Begräbnisstätten von Menschen aus dem Großraum Augsburg belegt werden wird". Erste Anfragen seien bei der Stadt bereits eingegangen. (
Von Christine Hornischer )
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