Was wären wir ohne Demokratie?

Pfarrer Rainer Eppelmann spricht mit Schülern des Maria-Ward-Gymnasiums über seine Erlebnisse in der DDR


„Sie wären, als ich jung war in der DDR, in eine Veranstaltung wie diese nicht reingekommen!“ Die beiden jungen Frauen in der ersten Reihe sind erst ungläubig erstaunt und belustigt, dann werden die Minen ernst und sie beginnen zu verstehen. Sie tragen „kapitalistische, antiimperialistische Hosen“ - also Jeans. Wie viele der etwa 150 Oberstufenschüler des Maria Ward Gymnasiums und des Holbein Gymnasiums, vor denen am 15. November Pfarrer Rainer Eppelmann als Zeitzeuge sprach. Der Maria Ward-Saal wäre zu „seiner Zeit“ also ziemlich leer gewesen. Oder die jungen Leute hätten sich eben angepasst und sozialistischen Einheitslook getragen - bei den Hosen ebenso wie bei der Gesinnung, zumindest der öffentlich geäußerten.

Eppelmann, auf Initiative des Vereins Gegen Vergessen - Für Demokratie nach Augsburg gekommen, ist ein wichtiger Zeitzeuge. Nicht nur, weil er vieles zu erzählen hat von seiner Geburt in der heißen Phase der NS-Diktatur über eine Jugend in der DDR bis hin zum religiösen und politischen Engagement rund um die Wende - sondern vor allem, weil er seine Zuhörer da abholt, wo sie mit ihrer politischen Bildung stehen, und mit ins Boot nimmt. Im Falle der Gymnasiasten in ein Boot auf der zurzeit ziemlich stürmischen See aktueller politischer Ereignisse. „Ihr alle kennt wahrscheinlich nichts anders als das Leben in einer Demokratie. Man darf das aber nicht selbstverständlich nehmen. Demokratie oder Diktatur - welchen Unterschied macht das?“ Eben den, ob man Jeans tragen darf oder nicht. Ob man zu Musik tanzen muss, die man nicht mag und die der Staat vorschreibt. Ob man auf Geheiß des Lehrers von der ganzen Klasse ausgelacht wird, weil man sich zum christlichen Glauben bekennt. Über solche Beispiele, die nah an der Lebenswelt der Jugendlichen sind, kam Eppelmann zu dem, was einem noch so passieren konnte in der DDR und was er selbst erlitten hat: Keine Oberstufe besuchen und nicht studieren dürfen. Aus Willkür ins Gefängnis kommen. Bei einem Ausflug mit der Familie plötzlich das lose Lenkrad in der Hand haben und Jahre später in den eigenen Stasi-Akten nachlesen, dass es ein gezielter Anschlag war.

Die Schüler interessierten sich in der anschließenden Fragerunde für diese abenteuerlichen Aspekte von Eppelmanns Schicksal, stellten aber auch politische Fragen wie die nach einem möglichen Sinn und den Gefahren von Ideologien: „Glauben sie, dass die kommunistische Idee von Marx und Engels auch positiv umgesetzt werden könnte?“ Da ist Eppelmann nach 99 Jahren Geschichte des praktizierten Kommunismus mit Millionen Toten skeptisch. Aber er glaubt trotz Pegida, Erdoğan und Trump an die Stabilität unserer Demokratie und so endete die Veranstaltung mit dem Appell an die Jugendlichen, die große Chance unserer politischen Kultur beim Mitreden und beim Wählen zu nutzen, und Solidarität mit denjenigen zu zeigen, die zu uns kommen, weil es solche Chancen in ihren Heimatländern nicht gibt.
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