Weihnachten in der Notunterkunft: Evakuierung sorgt am Augsburger Rudolf-Diesel-Gymnasium für gemischte Stimmung

 

Ein gemütlicher Tag mit der Familie, leckeres Essen, Entspannung – so hatten sich die meisten der rund 100 versammelten Augsburger den ersten Weihnachtsfeiertag eigentlich vorgestellt. Stattdessen sitzen sie nun im Rudolf-Diesel-Gymnasium an Schülertischen, vor sich heißen Tee in Plastikbechern. Grund für die Planänderungen ist die Fliegerbombe, die vergangene Woche in der Jakobervorstadt gefunden wurde. Ihre Entschärfung machte eine Evakuierung von rund 32 000 Haushalten notwendig. Wer nicht bei Familie und Freunden untergekommen ist, findet Obdach in einer der Notunterkünfte, wie sie auch im Gymnasium in Hochzoll eingerichtet wurde. Die Augsburger gehen mit diesem außergewöhnlichen Feiertag ganz unterschiedlich um.

Clara S. und Valtrude S. sitzen gemeinsam an einem Tisch. Das laute Lachen der beiden hallt durch die Schulaula. „Wir haben uns vorhin erst kennengelernt“, erzählen sie. „Aber wir machen es uns hier schon lustig.“ Gerade betrachten die beiden die schwarzen Nummern, die jeder Registrierte am Eingang auf den Handrücken geschrieben bekommt. 28 und 30 heißt es auf den Händen der beiden älteren Damen. „Ob sie damit wohl unser Alter geschätzt haben“, witzelt Clara S.
Tatsächlich sollen die Nummern den Einsatzkräften vom Roten Kreuz dabei helfen, den Überblick zu behalten. „Wir versuchen möglichst genau zu wissen, wie viele Menschen in der Unterkunft sind“, erklärt Einsatzleiter Mario Pettinger. Um 12 Uhr liegt die Zahl bei knapp 100. Gerüstet ist die Aula des Gymnasiums für 250 Leute. Elf Einsatzkräfte aus Aichach sind momentan im Dienst, doch „wir haben noch zahlreiche weitere in der Hinterhand, falls es nötig ist“, beruhigt Pettinger.
„Ich finde es toll, wie hier alles organisiert ist, Hut ab vor den freiwilligen Helfern“, sagt Clara S. nun ganz ernst. „Man wird durch die Bombe schon aus dem Weihnachtszauber herausgerissen. Aber“, ergänzt sie, „es gibt nichts Schlimmeres als Menschen, die immer und über alles meckern.“

Verdrießliche Mienen

Während das optimistische Gespann auch weiterhin Grund für gute Laune findet, gibt es an anderen Tischen verdrießlichere Mienen. „Meine Frau und ich haben erst heute Morgen rausgefunden, dass wir auch betroffen sind“, berichtet etwa Dieter Faß, der mit seinem Hund „Mausi“ in der Aula sitzt. „Meine Frau hat sich sehr aufgeregt und wollte erst gar nicht gehen.“
Eine weitere Besucherin der Notunterkunft erzählt Ähnliches: Sie habe sich eigentlich weigern wollen, ihre Wohnung zu verlassen. „Mein Mann ist schwerbehindert und es ist sehr aufwendig, mit ihm einen ganzen Tag außer Haus zu verbringen.“ Erst als ihr mit der Polizei und einem Bußgeld von 1000 Euro gedroht worden sei, habe sie widerstrebend die Wohnung verlassen. Draußen wird unterdessen diskutiert, warum sich die Zeit bis zur Entschärfung der Bombe so in die Länge zieht. „Weil die Leute ihre Wohnungen nicht freiwillig verlassen“, mutmaßt ein junger Mann. „Deswegen sitzen wir hier so lange fest.“
Doch egal in welcher Stimmung die Menschen in die Notunterkunft gekommen sind, über den Einsatz der Helfer und das kostenlose Essen freuen sich eigentlich doch alle. In der Mensa, in der normalerweise die Schüler essen, gibt es heute Schnitzel mit Pommes für die Besucher der Notunterkunft.

"Two Sided" sorgt für Stimmung

Der Cateringservice, der sonst die Schule versorge, sei auch heute im Dienst, berichtet Herbert Hofmann, Schulleiter am Rudolf-Diesel-Gymnasium. Als er um Unterstützung für den Tag der Evakuierung gebten wurde, habe er sofort seine Unterstützung zugesichert. „Erst wurde wegen unserer Turnhalle angefragt. Aber wir dachten uns, die ist zu ungemütlich. Also haben unsere Schüler die Aula vorbereitet.“ Und nicht nur das: Ein paar Schüler sind auch am ersten Weihnachtsfeiertag ins Gymnasium gekommen. Sie sind Teil des Augsburger Start-Ups "Vateq Media" und kümmern sich um die Technik für einen Auftritt der Band „Two Sided“. „Die sollen hier für ein bisschen Stimmung sorgen“, erklärt einer der Schüler. Und das macht das Duett bestehend aus Sängerin und Gitarrenspieler. Zur Mischung aus Blues, Rock und Pop tanzen die kleinsten Besucher der Notunterkunft vor der Bühne und auch den Erwachsenen scheint die Abwechslung willkommen. Hatten sie sich zuvor noch die Zeit mit Gesprächen, Büchern und Zeitungen vertrieben, lauschen sie nun andächtig den Akustikklängen. So kommt doch noch ein bisschen festliche Stimmung auf.
Theoretisch ist das Gymnasium auch auf eine Übernachtung der ausquartierten Augsburger eingerichtet. „Die Turnhalle wird schon den ganzen Tag geheizt“, sagt Hofmann. „Und das Technische Hilfswerk würde uns mit Feldbetten versorgen.“ Dass es soweit nicht kommt, hoffen aber doch alle. „Es war schon ein mulmiges Gefühl, heute morgen meine ganzen Sachen zurückzulassen“, gibt Helmut Schmid aus Lechhausen zu. Sicherheitshalber habe er morgens noch zerbrechliche Sachen auf den Boden gestellt. Er sei aber positiv überrascht, über die Routine des Roten Kreuzes. „Die haben hier alles im Griff“, sagt er. „Es ist ruhig hier, gar keine Hysterie.“ Routiniert und ruhig soll er ja auch sein, der erste Weihnachtsfeiertag. Und auch wenn viele Augsburger ihn letztendlich lieber traditionell begangen hätten, er wird sicher den meisten im Gedächtnis bleiben. Denn außergewöhnlich war er allemal.

(Von Kristin Deibl)
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Sabine Presnitz aus Schwabmünchen | 27.12.2016 | 17:39  
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