Weil Mann Türke ist: Vermieter weist Familie ab

Eine junge Mutter ist für ihre Familie auf Wohnungssuche. Mit der ersten Wohnung scheint es gleich zu klappen. Bis sie erwähnt, dass ihr Lebensgefährte Türke ist.

Noch immer ringt Natalie Weichenberger um Fassung. Eine passende Wohnung zu finden, ist ohnehin eine Aufgabe, die der Suche nach einem Sitzplatz an einem Werktagmorgen im Fuggerexpress gleichkommt. Nur ist sie halt existenzieller. Und so traf es Weichenberger wie ein Schlag, als das mit dem neuen Zuhause für ihre Familie doch nichts wurde. Als der Vermieter die Zusage zurücknahm. Wegen der türkischen Herkunft ihres Mannes.

Alles beginnt mit einer Arbeitsromanze. Fernfahrer Mikail lieferte Waren im Friedberger Geschäft ab, in dem Weichenberger als Verkäuferin arbeitete - zwischen den beiden funkte es. Die Dinge nahmen ihren Lauf, Natalie Weichenberger bekam ein Kind. Das Paar lebte in Mikails Wohnung bei Ansbach, nach Weichenbergers Mutterschutz wollen sie gemeinsam nach Friedberg ziehen, weil sie ihren Job wieder aufnehmen möchte. Der Plan endet jedoch vorerst im Reihenhaus von Weichenbergers Eltern.

Dort steht die 26-Jährige in der kleinen Küche. Die junge Frau mit den blonden Haaren und dem bunten Sommerschal um den Hals hält ihre Tochter im Arm. Neun Monate ist das Kind alt, gerade quängelt es ein wenig, die Zähne kommen. Ein kleines Problem, vergleicht man es mit der Geschichte ihrer Mama, die den Wohnungsbesichtigungstermin Ende Mai noch klar vor Augen sieht, das Gespräch von damals geistert noch durch ihren Kopf.

"Er meinte noch, dass er ein sozialer Mensch wäre"


Mit ihrer Mutter hatte sie sich auf den Weg in den Ortsteil Rederzhausen gemacht, erzählt sie. Der potenzielle Vermieter "war sehr nett. Er hat noch gemeint, dass er ein sozialer Mensch wäre und gerade Müttern und Kindern gerne helfe", erinnert sich Weichenberger. Alles lief normal, bis der Mann fragte: "Ist ihr Lebensgefährte auch Deutscher?" Türke sei er, entgegnete Weichenberger, deren Euphorie schwand. "Aber er spricht Fränkisch, isst Schweinefleisch und trägt Lederhosen, wenn er aufs Oktoberfest fährt", versucht die junge Mutter in der Küche ihrer Eltern zu rechtfertigen, was eigentlich keiner Rechtfertigung bedarf.

Dem Vermieter erzählte sie dasselbe. Er habe in der Arbeit "keine guten Erfahrungen mit dem Volk gemacht", erklärte er sein Misstrauen, ließ sich aber vorerst doch überzeugen. "Er sagte, er gibt uns eine Chance, hat per Handschlag zugesagt und versprochen, dass wir den Mietvertrag unterschreiben können, wenn er aus einer Woche Urlaub zurückkehrt", erzählt Weichenberger. Im Juli könnten sie bereits einziehen, versicherte er.

"Ziehen Sie in einen Wohnblock, da fällt ein türkischer Name nicht auf"


Das Paar kündigte seine Wohnung bei Ansbach, begann bereits damit, die Möbel auseinanderzunehmen. Bis der Vermieter seinen Urlaub beendet hatte - und Weichenberger merkte, dass sie sich "niemals mehr auf einen Händedruck verlassen" wird. Denn als sie den etwa 60-Jährigen anrief, revidierte der sein Versprechen. "Ich habe mir es anders überlegt", wiederholt die junge Frau sichtlich aufgewühlt, das Telefonat.

In der Umgebung des Hauses, "wohnt kein einziger Ausländer. Ein türkischer Name auf dem Klingelschild fällt da auf", erklärte er sich. Sein Ruf würde dadurch geschädigt, wenn ausgerechnet auf seinem Haus der erste fremde Name prange. Wenn jeden Tag Türken ein und aus gingen. "Dann hatte er noch einen ,guten Rat' für uns", fährt Weichenberger fort, "ziehen Sie in einen großen Wohnblock, da fällt ein türkischer Name nicht auf".

"Lernen sie Mikail doch erst einmal kennen", hatte die Mutter noch entgegnet. Dieses Mal änderte der Vermieter seine Meinung aber nicht - und die junge Familie muss nun improvisieren. Natalie Weichenberger ist bei ihren Eltern untergekommen. In dem Reihenhäuschen ist allerdings wenig Platz, selbst die Garage ist voll mit Möbeln aus der alten Bleibe. Mikail hat deshalb Ferntouren übernommen, nächtigt unterwegs im Laster und sieht seine Familie, wann immer die Route es erlaubt.

"Einstellung aus der Steinzeit"


Eine Dauerlösung ist das nicht. Den Wortbruch mit einem Anwalt anfechten, komme für Weichenberger dennoch nicht in Frage. Einerseits der Kosten wegen, andererseits "weil ich selbst im Fall eines Sieges vor Gericht nicht dort einziehen würde". Sie überlegt kurz. Dann sagt sie: "Es geht mir auch nicht gegen den Vermieter. Es geht mir darum, zu zeigen, was da draußen für Menschen rumlaufen. Mit einer Einstellung aus der Steinzeit."#

Weichenberger hat nun weitere Wohnungsbesichtigungen. Vorsorglich hat sie am Telefon erwähnt, dass sie mit einer kleinen Tochter und einem türkischen Lebensgefährten einzieht. Als sie einem der neuen potenziellen Vermieter ihre Vorsicht erklärte, habe der darüber ungläubig gelacht. "Kein Problem, kommen Sie vorbei."
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