Wenn Kinder unter der Sucht der Eltern leiden

Situationen wie diese kennen auch Kinder aus der Therapiegruppe des Augsburger Vereins "Kiasu". Hier können sie sich über ihre Gefühle austauschen. Und sie merken, dass sie nicht allein sind: Rund 2,65 Millionen Mädchen und Jungen sind in Deutschland mit der Alkoholkrankheit eines oder sogar beider Elternteile konfrontiert. Foto: ambrozinio / 123rf.de

2,65 Millionen Kinder in Deutschland haben mindestens einen Elternteil, der alkoholabhängig ist. Um Kinder wie diese und Sprösslinge aus Familien mit anderem Suchthintergrund kümmert sich der Augsburger Verein Kiasu. Ihre Situation beschreiben die Kinder als "Scheiße" - dabei geht es um viel mehr.

In seiner Holzwerkstatt im Sensemble Theater in Augsburg wartet Bildhauer Sascha Kempter auf eine kleine Gruppe von Kindern. Sein Werkraum ist schon vorbereitet, denn bereits in der vergangenen Woche haben die Kinder ihre Baumstämme entrindet und Skizzen gezeichnet - sie wollen Masken aus dem Holz anfertigen. Die Kinder, die heute hier arbeiten werden, sind ganz normale Kinder zwischen acht und 14 Jahren. Aber sie haben alle eine große Last zu tragen: Einer ihrer Elternteile ist suchtkrank.

Die Heilpädagogin und systemische Beraterin (DGSF) Marion Freitag und die Sozialpädagogin und Suchttherapeutin Christiane Kling haben das Caritas-Projekt "Kiasu" (Kinder aus suchtbelasteten Familien) im Januar 2011 ins Leben gerufen. Einmal die Woche treffen sich dort Kinder und Jugendliche aus betroffenen Familien. Sie gehen ins Kino, machen Jonglierkurse, backen und kochen, besuchen den Zoo, arbeiten mit Holz und vor allem: Sie sprechen über Gefühle.

Mehr als "Scheiße": Kinder lernen Gefühle zu beschreiben


Denn das ist etwas, dass diese Kinder daheim nie richtig lernen, erklärt die Heilpädagogin Marion Freitag. "Es ist traurig. Diese Kinder und Jugendlichen können ihre Gefühle nicht einmal benennen. Sie sagen ,Scheiße' zu ihrer Situation, können sie aber nicht durch Gefühle beschreiben."

In Deutschland lebt jedes sechste Kind unter 18 Jahren in einer Familie mit stofflich abhängigen Eltern. Rund 2,65 Millionen Mädchen und Jungen sind mit der Alkoholkrankheit eines oder sogar beider Elternteile konfrontiert. Diese Zahlen sind erschreckend und umso wichtiger ist es, dass sich Vereine wie Kiasu dieser Kinder annehmen.

"In altersgerechten Gruppen können die Kinder einmal wöchentlich mit Gleichgesinnten und Experten über das Familiengeheimnis sprechen. Kiasu bietet damit einen aktiven Beitrag zur Prävention und Frühintervention, damit die Aussichten auf eine gesunde Entwicklung unserer Kinder erhöht werden", erklärt Freitag. Darüber hinaus leisten Freitag und Kling Elternarbeit, damit die Betreuung der Familien ganzheitlich ist. Die beiden Leiterinnen haben einen Honorarvertrag. Für die Aktionen, die sie mit den Kindern machen, und für Fahrtkosten sind sie auf Spenden angewiesen.

Normalerweise beginnt ein Treffen damit, dass die Kinder über ihre Gefühle sprechen. Dazu bekommen sie Gefühlskarten, die ausdrücken sollen, wie es ihnen geht. Heute aber starten sie gleich mit der Arbeit an den Masken. Sie kommen in den eineinhalb Stunden gut voran. Einige arbeiten sehr konzentriert, andere unterhalten sich lieber mit dem Nachbarn, manche stellen viele Fragen.

Gesprächsthemen: Alltag, Schule, aber auch die Sucht der Eltern


Wenn man die Kinder beobachtet, dann sieht man ihnen an, dass sie glücklich sind, hier betreut zu werden. Vor allem, dass sie hier Ansprache finden, denn das kennen viele Kinder nicht von Zuhause. Während Bildhauer Kempter den Kindern Anweisungen gibt und ihnen mit den Masken hilft, sind Kling und Freitag ständig da. Sie reden mit den Kindern: über Alltägliches, über ihren Schultag, aber auch über ihre Eltern und deren Sucht.

Nach einer Dreiviertelstunde ist die Konzentration der Kinder langsam dahin. Daher gibt es zwischendrin Kuchen, denn zwei Kinder hatten in den vergangenen Tagen Geburtstag.

Im Moment besteht die Gruppe aus 20 Kindern, die aber nicht alle bei jedem Treffen zwingend da sind. Die Gruppe ist normalerweise zweigeteilt, dann treffen sich die "Kleinen" (sechs bis zwölf) und "Großen" (bis 18) getrennt. Doch in welche Gruppe die Kinder gehen, das sei jedes Mal eine Einzelfallentscheidung, erklärt Freitag. "Wir machen stets ein Kennenlernen bevor wir die Kinder einteilen, weil oft die Kinder sozial-emotional jünger sind, als sie es vom Alter her sind."

Viele Kinder erleben in der Familie keine stabilen Beziehungen. Zuwendung und Liebe, Beständigkeit und Zuverlässigkeit, das kennen sie nicht von ihren Eltern. Häufig sind diese abends nicht Zuhause, sondern in der Kneipe und die Kinder müssen mit den starken Stimmungsschwankungen der Eltern klarkommen. "Kinder brauchen aber zumindest einen Erwachsenen, der ihnen Halt und Orientierung gibt", so die Heilpädagogin. Dafür sorgt die Kiasu-Gruppe.

Angst, dass ihre Klassenkameraden von der Sucht ihrer Eltern erfahren


Einen Jungen betreut Freitag sogar schon seit bald fünf Jahren. Trotz aller Probleme lieben diese Kinder ihre Eltern, eben weil es ihre Eltern sind. Und umso größer ist dann das Schamgefühl. Sie leben ständig in der Angst, dass ihre Klassenkameraden und Freunde von der Sucht ihrer Eltern erfahren. Das müssen sie bei "Kiasu" nicht verstecken. Denn hier sind alle Kinder gleich.

Insgesamt hat die Gruppe fünf Termine mit Kempter. Das Projekt steht unter dem Motto: "Man muss sein Leben aus dem Holz schnitzen, das man hat, auch wenn es Knorpel und Ecken hat. Gemeinsam können jedoch wunderbare Ideen und Dinge entstehen, die einen liebevoll begleiten." Das ist ein wichtiger Punkt, den die Kinder von Kling und Freitag vermittelt bekommen. Sie lernen hier, "dass sie ihr eigener Steuermann sein sollen und dürfen" und dass es viele Möglichkeiten gibt, eigene Wunden zu heilen und sich trotz allem selbst etwas Schönes aufbauen zu können. "Das gelingt uns aber nur, wenn wir genau hinschauen, genau zuhören und uns dafür Zeit nehmen", unterstreicht Freitag.

Die Kontaktdaten:

Marion Freitag, Telefon: 0821/31 56-413; Mobil: 0171/56 18 941

Christiane Kling, Telefon: 0821/31 56-413; Mobil: 0160 90 166 543

E-Mail: halt@caritas-augsburg.de
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