Wenn Menschen "Zeug" werden

Auf dem Gelände der alten Straßenbaumeisterei an der Berliner Allee soll bald die Erstaufnahmeeinrichtung stehen. Foto: oh

Zunächst sollte es der Airpark sein, nun ist es das Gelände der Straßenmeisterei an der Berliner Allee: Der neue Standort der Erstaufnahmeeinrichtung (EAE) für Flüchtlinge in Schwaben liegt mitten in einem Wohngebiet.

Die dort lebenden Bürger müssen sich mit dem Gedanken erst noch anfreunden, wie sich am Donnerstag bei einem Informationsabend im Herrenbachviertel zeigte.

Sie scheinen aufgekratzt, fast nervös, die Gäste, die sich nach und nach im kleinen Gemeindesaal der St.-Andreas-Gemeinde einfinden. Das Publikum ist bunt gemischt, nur die ganz Jungen fehlen. Schnell sind die gut 100 Stühle besetzt, der Rest muss stehen oder lehnt sich an die zur Seite gerückten Tische. Heute kann es lang werden, es gibt viele offene Fragen. Der Raum summt von den halblauten Gesprächen der 130 Menschen.

"Guten Abend", raunt Sozialreferent Stefan Kiefer ins Mikrofon und das Summen erstirbt. Froh sei er, dass so viele gekommen sind, um sich zu informieren. Um Offenheit wirbt er - es ist nicht das letzte Mal, dass er das tun muss.

Die Entscheidung der Staatsregierung, doch nicht das Angebot der Stadt anzunehmen und nicht in den Airpark gehen zu wollen, kam Anfang des Jahres überraschend. Nun also baut der Freistaat selbst auf eigenem Grund. Es ist das Areal der Straßenmeisterei. Mehr als drei Hektar groß, umgeben von prächtigen Grünanlagen zum Lech hin. Dort soll die EAE hinkommen. Kapazität: 500 Flüchtlinge. Kosten: im zweistelligen Millionenbereich.

Regierungspräsident Karl Michael Scheufele hat mittlerweile das Mikrofon übernommen, spricht über die dramatische Entwicklung der Flüchtlingszahlen. "Als ich 2008 angefangen habe, waren es 22 000 Flüchtlinge für ganz Deutschland. Für 2015 liegt die Prognose bei 60 000 - allein für Bayern." Auf Schwaben entfällt ein Siebtel. Zu den 10 000 Asylsuchenden im Jahr fehle da nicht viel, warnt Scheufele, die Situation zu unterschätzen. Betroffenes Schweigen.

Erstaufnahme ist kein Neuland für Schwaben. Bereits jetzt gibt es in Donauwörth, Kempten und auch in Augsburg provisorische Erstaufnahmestellen für insgesamt 450 Flüchtlinge. Es fehlt allerdings das entscheidende Element einer EAE, nämlich der Behördenteil, wo die Asylsuchenden ausgefragt werden über Flucht, Fluchtweg, Fluchtgrund. Dafür müssen die Flüchtlinge immer noch nach München chauffiert werden. Mit der EAE werde das anders. Scheufele beschreibt sie als Behörde mit angeschlossenem Bettentrakt, schließlich würden 80 bis 90 Mitarbeiter von verschiedenen Ämtern dort arbeiten: Zentrale Ausländerbehörde, Bundesamt für Migration, medizinischer Dienst. Über den Scherz mit dem angeschlossen Bettentrakt lacht keiner.

Scheufele erzählt gerade vom Ablauf einer typischen Erstaufnahme, als ein Zwischenrufer ihm ins Wort stammelt. Was der Mann sagen will, ist nicht zu verstehen. Die anderen Gäste weisen ihn zurecht, er gibt keine Ruhe. Schließlich muss er gehen, die Tür knallt ins Schloss. Die Stimmung wird gereizter. "Was ist mit Lagerlechfeld?", kommt plötzlich die erste Frage. Duschen und Betten gibt es da schon. Scheufele kennt die Frage, hat sie selbst schon gestellt. "Solange eine militärische Nutzung stattfindet, stehen Kasernengebäude nicht für Asylsuchende zur Verfügung", gibt er die Position der Bundeswehr wieder. Bewerten will er die Aussage nicht. Empörtes Murmeln, den Schwarzen Peter hat jetzt die Bundeswehr.

In der angefachten Laune sind die Zuhörer mutiger, lauter. Die Herkunft der Flüchtlinge wollen sie wissen. "Zu zwei Dritteln vom Balkan", gibt der Regierungspräsident Auskunft. Dem Publikum reichts. "Wirtschaftsflüchtlinge!", schreit ein Mann. Ja, das stimme sicher, gibt Scheufele zu. Nur: Jeder habe für sich einen guten Grund zur Flucht. Und: "Die Anerkennungsquote für Flüchtlinge aus dem Kosovo beträgt 0,0 Prozent." Ihre letzte Habe füllte die Taschen der Schleuser, die Hoffnung auf ein besseres Leben in Deutschland hat sich zerschlagen. Nach der Abschiebung stehen die meisten Flüchtlinge vor dem Nichts. Scheufele wirbt um Mitgefühl. Doch dafür ist im Gemeindesaal in diesem Moment kein Platz. Warum kommt die EAE in ein Wohngebiet, warum ausgerechnet in ihre Nachbarschaft? Eine Frau spricht offen von ihrer Angst, dass plötzlich Nazis an ihrer Haustür vorbei marschieren, um die EAE anzugreifen. Die Panik im Zuhörerraum wird fast greifbar.

Mit einem Schlag brechen sich Wut und Frust ihre Bahn. Die Politiker würden sich fernab in ihren Villen verstecken, doch "wir hocken gegenüber dem Zeug", kreischt eine Anwohnerin. Im Hintergrund raunen ein paar Zustimmung. Die Frau macht weiter, lässt sich nicht beruhigen: "Die besetzen alle Parkbänke, saufen den ganzen Tag. Ich habe Angst, meine Mutter abends allein rausgehen zu lassen." Der Schock lähmt die Mehrheit. Dann siegt doch die Zivilcourage. Eine weißhaarige Dame erhebt sich, ebenfalls eine Anwohnerin. Sie spricht von der Pflicht, die Flüchtenden aufzunehmen, ihnen einen freundlichen Empfang zu bereiten. Energisch verteidigt sie ihre Nächstenliebe gegen alle Hysterie - Applaus. Menschen als "Zeug" zu bezeichnen, das hat es einfach gemacht, sich zu positionieren.

Nun läuft es ruhiger. Martin Binder von der Polizei kann ungestört erzählen, dass im Umfeld von Asylunterkünften nicht mehr Straftaten verübt werden. Auch die Erfahrungen aus der EAE in Zirndorf bestätigen das. Natürlich komme es in den Unterkünften immer wieder mal zu Gewalttaten. Bei 500 Bewohnern keine Überraschung. "In einem 40 Parteien-Miethaus haut auch mal einer seinem Nachbarn eins auf den Schädel." Die Anschaulichkeit quittieren einige Zuhörer mit Lachen, die Stimmung ist endlich entspannt.

Ruhig verfolgen die Gäste den Bildervortrag von Sozialreferent Kiefer über die EAE in Zirndorf. In Augsburg werde natürlich alles geräumiger, weitläufiger. Mehr Platz zum Wohnen, mehr Platz zum Spielen für die Kinder. Im Frühjahr 2016 soll die EAE in Betrieb gehen.

Kommentar:

Die Ängste der Anwohner sind da, sie ins Lächerliche zu ziehen oder zu ignorieren, weil sie objektiv unbegründet sind, ändert daran nichts. Stadt und Staat tun gut daran, diese Ängste ernst zu nehmen. Aufklären, informieren hilft zumindest teilweise. Am Ende müssen die Anwohner aus ihren eigenen Erfahrungen lernen, dass die Flüchtlinge nicht hierher kommen, um Ärger zu machen. Diese Menschen sind auf der Flucht vor Schrecken, Leid und ja, auch vor wirtschaftlichem Elend. Nun muss nicht jeder Bürger gleich zum ehrenamtlichen Helden werden. Den Menschen in ihrer Not nicht mit Ablehnung zu begegnen, zu solch einem Mindestmaß an Nächstenliebe sollten alle fähig sein.
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