Wenn Tierliebe zum Problem wird

"Nimmst du mich mit?", der kleine Spitz Kusa ist seit drei Monaten im Tierheim. Auch wenn der Zustand nicht optimal ist, haben es manche Tiere dort besser, als bei ihren alten Besitzern. Foto: Jessica Kuska

Ängstlich versucht Mellow unter dem Arm der Tierpflegerin durch zu huschen und sich in dem ausgebeulten Pulli zu verstecken. Ganz geheuer ist ihr die Situation noch nicht. Mit vorsichtigen Schritten bewegt sich die schwarz-weiße Katze dann doch auf das junge Mädchen zu, das sie mit großen Augen anschaut und schnuppert vorsichtig an ihrer Hand.

In den Augen des Kindes sieht man sofort, dass sie sich in das Tier verliebt hat. Und auch ihre Eltern können kaum die Augen von ihr lassen. Sie sind sich gleich sicher: Mellow soll unsere neue Mitbewohnerin werden. Sie sei noch ein bisschen scheu und wenn ihr was nicht passt, dann sage sie es, aber sonst eine ganz Liebe, erklärt die Pflegerin. Daniela arbeitet im Katzenrevier des Tierheims und ist froh um jedes Tier, das sie vermitteln kann, denn das Augsburger Tierheim ist chronisch überfüllt. Momentan sind mehr als 100 Katzen im Tierheim untergebracht. Platz wäre eigentlich nur für 70.

Gechipt, entwurmt, geimpft und kastriert kann die Familie Mellow dann nächste Woche für 70 Euro mitnehmen. Wenn man sich überlegt, wie viel diese ärztlichen Behandlungen allein kosten, dann erscheinen 70 Euro wie geschenkt. Dennoch sind viele künftigen Tierbesitzer nicht bereit diesen Betrag zu zahlen. Bemerkungen wie: "Die sollen doch froh sein, dass man das Tier nimmt" oder "Ihr wollt die Tiere doch gar nicht hergeben", sind dort an der Tagesordnung.

Aber es gibt genug Fälle, die zeigen, dass doch nicht alle Menschen, die gerne ein Tier hätten auch wirklich in der Lage sind Tiere zu halten. Und dass die Vorsicht des Tierheims mehr als berechtigt ist. Vor kurzem erst musste der Tierarzt eine 17 Kilo schwere Katze einschläfern. "Die hat doch nur ein paar Leckerlis bekommen", zeigte sich der Halter uneinsichtig. Die "paar" Leckerlis führten schließlich dazu, dass die Katze sich nicht mehr bewegen konnte. Die Pflegerin erzählt erschreckende Geschichten und kann teilweise selbst nicht fassen, was manche Halter ihren Tieren antun. Aber zum Glück gibt es auch Menschen, die den Tieren ein besseres Zuhause geben wollen.

Wie das Ehepaar, das mit einer großen Katzenkiste am Empfang steht. Die Frau ist sichtlich aufgeregt. Die große Box ist schon etwas älter und hat schon einige Kratzer. Das Paar hat schon eine Katze zu Hause - die soll jetzt Gesellschaft bekommen. Mit zittriger Hand unterschreibt sie die letzten Unterlagen. Die Augen der Beiden strahlen pure Freude aus. Asrael kam mit acht Kilogramm ins Tierheim. Viel zu viel für eine normale Hauskatze. Im Tierheim hat die Katze drei Kilo abgespeckt. Endlich bringt die Pflegerin den immer noch leicht übergewichtigen Kater zu seinen neuen Besitzern - aber nicht ohne Abschiedsrunde im Tierheim. Dann gehts ab in die Box - ab in ein neues Leben.

"Bitte schickt mir Fotos", heißt es noch zum Abschied. Denn auf der "Katzenwand" klebt ein Foto von jeder Katze, die das Tierheim vermittelt hat.

Ein paar Ecken weiter hört man schon durchdringendes Gebell. Im ersten Moment wirken die Hunde, die Zähne fletschend am Gitter ihres Zwingers hochspringen, sehr aggressiv. Ein kleiner Junge hält sich die Ohren zu und rennt schnell an den Zwingern vorbei - bloß schnell weg, sonst fressen die mich auf!

"Kusa, sechsjähriger Spitz. Abgabegrund: kann nicht alleine bleiben", steht auf dem Gitter eines Zwingers. Seit drei Monaten ist der kleine Spitz jetzt schon im Tierheim. "Lieb, gutmütig, verschmust, verspielt, temperamentvoll", so wird er beschrieben. Oder Lilo und Stich. Die beiden großen Kangal Hunde sind seit einem Jahr in ihrem Zwinger. Im Gegensatz zu den anderen Zwingern für die einzelnen Hunde, erscheint der wie purer Luxus. Sogar ein "Sofa" haben die beiden. Trotzdem ist er natürlich viel zu klein für die großen Hunde. "Lieb, gutmütig, verschmust, verspielt, wachsam", kann man an der Tür lesen. Traurig schauen die beiden den vorbeigehenden Besuchern hinterher. Um so schlimmer, wenn man von ihrem Schicksal hört. Die Tiere kamen aus dem Ausland. Weil der Halter mit ihnen überfordert war, hielt er sie im Auto - für die massigen Hunde pure Qual.

Der zwölfjährige Schäferhund Arko ist seit fünf Jahren im Tierheim untergebracht. Auch er wurde gerettet. Denn davor hielt ihn der Besitzer eingemauert, auf engstem Raum. Das Essen hat er ihm durch ein Gitter von oben reingeschmissen. Die Vermittlung des Hundes ist schwierig, denn Arko hat einen extremen Beschützerinstinkt, der nicht kontrollierbar ist. Wen wundert es, dass der Hund bei seiner Vorgeschichte den Menschen nicht mehr vertraut?

Am Besten haben es eigentlich die Kleintiere, erzählt die Pflegerin. Hier können die Pfleger am ehesten für eine artgerechte Haltung sorgen. Für Hunde und auch für die Katzen ist meist viel zu wenig Platz. Und auch der persönliche Kontakt bleibt oftmals aus. Jede Katze bekommt am Tag etwa zehn Minuten Aufmerksamkeit - eigentlich viel zu wenig. Aber für mehr fehlen dem Tierheim leider die Kapazitäten.

Aktuell erschweren auch viele illegale Tiertransporte aus dem Ausland die Situation. Das Tierheim stößt so an seine Grenzen.

Die strengen Kontrollen des Tierheims erweisen sich als sinnvoll, erzählt eine Mitarbeiterin aus der Verwaltung des Tierheims. Sie ist immer wieder geschockt darüber, was Menschen ihren Tieren antun. Besonders schlimm findet sie die illegalen Tiertransporte aus dem Ausland. Als sie einen Anruf bekam, dass vier Katzen in einer Zweizimmerwohnung nicht artgerecht gehalten werden ahnte sie zunächst nichts Schlimmes. Als sie dann schließlich in der Wohnung eintraf und 29 Katzen in miserablem Zustand vorfand, war sie geschockt, erzählt sie. Oder auch der Mann der 200 Chinchillas im Keller gehortet hat, ist ihr bis heute im Gedächtnis geblieben. Ein Hundebaby auf der Müllkippe, acht Katzen auf vier Quadratmetern oder ein kleines Kätzchen, grausam entsorgt in einer Mülltonne, das sind tragische Schicksale, die das Tierheim täglich erreichen - im Vergleich dazu, ist das Tierheim für die Tiere beinahe schon paradiesisch.

Besonders in der Vorweihnachtszeit werden viele Menschen melancholisch und wollen ein Tier "retten". Dass sich ein Tier aber ganz und gar nicht als Weihnachtsgeschenk eignet, ist vielen nicht bewusst. Um dem entgegenzuwirken vermittelt das Tierheim seit dem 17. Dezember keine Tiere mehr. "Natürlich können die Tiere angeschaut werden, aber vermittelt werden sie erst wieder nach den Feiertagen", erklärt Geschäftsführerin Sabina Gaßner.

So hofft das Tierheim, einigen Tieren ein schlimmes Schicksal zu ersparen und sie vor einem Leben von unter dem Weihnachtsbaum direkt auf die Müllkippe zu bewahren.
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