„Wer in Augsburg eine Wohnung sucht, hat ein Problem“

Für die Mieter der WBG-Anlage Richard-Wagner-Hof wird das Wohnen ab Januar teurer. Foto: Janina Funk
Einige WBG-Bewohner erlebten in der vergangenen Woche eine unschöne Überraschung, als sie ihren Briefkasten öffneten: Die Mieten werden zum 1. Januar 2016 erhöht, hieß es in einem Schreiben der Wohnungsbaugesellschaft der Stadt Augsburg. Für die Anlage Richard-Wagner-Hof an der Rosenaustraße etwa steigen die Kosten für die Bewohner nun auf 5,55 Euro Grundmiete pro Quadratmeter.

Im augsburgweiten Vergleich sind 5,55 Euro freilich immer noch sehr günstig. 8,50 Euro müssen die Augsburger Thomas Weiand zufolge derzeit im Durchschnitt für den Quadratmeter bezahlen. Weiand, Vorsitzender des Mietervereins Augsburg und Umgebung, referierte am Montag als einer von sieben Rednern auf dem „Fachtag: Bezahlbares Wohnen im Großraum Augsburg“.

Die 8,50 Euro „gelten natürlich nur für Wohnungen im Bestand, bei Neubauten sind wir da deutlich drüber“, erklärte der Mann mit der Fliege, der mit ernster Miene am Rednerpult stand und den Inhalt seines Vortrags als ein „beinahe Schreckensszenario“ bezeichnete.

Ähnlich der Tenor des Sozialreferenten Stefan Kiefer: „Wer in Augsburg eine Wohnung sucht, hat ein Problem.“ Und wenn derjenige dann auch noch wenig Geld habe, seien seine Chancen nahezu gleich Null. Die Stadt stehe vor großen Herausforderungen, konstatierte Kiefer, der als Grund für die „angespannte Situation am Wohnungsmarkt“ auch die Finanzkrise nannte. Die Krise an den Finanzmärkten, derzeit eher das Stiefkind unter den Krisen, machte auch Weiand als einen entscheidenden Faktor aus. Um 2,50 Euro seien die Mieten pro Quadratmeter seit dem Bankencrash gestiegen.
„Das Kapital drängt in den Immobilienmarkt“, sagte Sozialreferent Kiefer. Gleichzeitig sei die Anzahl der sozialgebundenen Wohnungen gesunken, etwa durch Umwandlung ehemaliger Werkswohnungen für den freien Markt.

„Die Kommunen sind überfordert“


Den Standpunkt der privaten Vermieter vertrat Gabriele Seidenspinner vom Haus- und Grundbesitzerverein Augsburg und Umgebung. Ihr Fazit: „Die Kommunen sind überfordert.“ Die steigenden Mieten verteidigte die Frau mit der adretten Kurzhaarfrisur mit Verweis auf den wirtschaftlichen Betrieb. „Draufzahlen will man als privater Eigentümer ja auch nicht.“

Am freien Markt sehe die Situation „zum Teil grausam“ aus, sagte Mark Dominik Hoppe, Geschäftsführer der WBG, die derzeit knapp 10.000 Wohnungen in Augsburg betreibt. 600 sollen in den kommenden Jahren neu geschaffen werden, so die Vorgabe der Stadt.

Bei Neubauten „bräuchten wir eigentlich 9 Euro pro Quadratmeter“ für einen wirtschaftlichen Betrieb, betonte Hoppe. Der Appell des Mannes mit der großen Hornbrille: „Wer bezahlbaren Wohnraum will, sollte wissen, wir brauchen Förderung, Förderung, Förderung.“

Bürgermeister Kiefer hofft als „akute Maßnahme“ auf die Mietpreisbremse. Diese setzt allerdings einen Mietspiegel voraus, den es für Augsburg aber noch nicht gibt. „Wir brauchen dringend einen Mietspiegel“, mahnte Kiefer auch an die Adresse seiner Stadtratskollegen im Publikum. „Wir benötigen insgesamt mehr bezahlbare Wohnungen. Die WBG-Wohnungen alleine reichen nicht.“ Es gelte nun, gemeinsam mit Sozialverbänden, Strategien zu entwickeln.

Als „externer Experte“ war Matthias Günther vom Hannoveraner Eduard Pestel Institut für Systemforschung geladen. Seine Schlussworte: „Es ist Zeit für eine Politik jenseits der Schwarzen Null.“

jaf
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