Wunderwatte gegen Ölpest: Europäischer Erfinderpreis für Friedberger Ernst Krendlinger

Ernst Krendlinger bei der Verleihung des Europäischen Erfinderpreises in Venedig. (Foto: Europäisches Patentamt)

Der Friedberger Chemiker Ernst Krendlinger ist unerwartet zu einem Wegbereiter des modernen Umweltschutzes geworden. Es fing alles mit einem Zufall an, der eine überraschende Wirkung hatte.



Die Firma Deurex in Zeitz in Sachsen-Anhalt wollte eigentlich ein neues Wachs für ein rutschfesteres, robusteres Ferrari-Rot herstellen. Die Herstellung von verschiedenen Wachsen, besonders für Autolacke, zählt zu den Hauptstandbeinen des Unternehmens. Doch bei der Produktion unterlief einem dem Mitarbeiter ein Fehler. „Ein Kasperl hat die ganze Nacht produziert, dabei entstanden zehn Tonnen Watte“, berichtet Krendlinger. Der Chemiker war sich sofort sicher, das Material nicht ungenützt wegzuwerfen. Die Alternative zu der Entsorgung der Watte wäre Einschmelzen zu Kerzen gewesen. Beides hätte zu enormen Kosten geführt. Also nahm er ein Kilogramm der Watte mit ins Labor und führte verschiedene Versuche durch. Trotz der Versuche blieb das Überbleibsel eines Produktionsunfalls zunächst unbrauchbar. Krendlinger nimmt an, dass wohl einer der Mitarbeiter des Chemie Unternehmens etwas verschüttet hat und die Watte zum aufwischen verwendete. Daraufhin stellte er fest als was sich die Watte eignete: Ein Produkt, das Lösemittel aufnimmt.
Die genaue Funktionsweise der „Zauberwatte“ ist laut Krendlinger noch nicht geklärt, aber weil jeder Naturwissenschaftler es hasse, wenn er nicht wisse wie etwas funktioniert, lässt dies die Firma Deurex in einem wissenschaftlichen Projekt nachprüfen. Was allerdings bewiesen ist: Ein Kilogramm der Watte saugt das 6,5-fache seiner eigenen Dichte an Öl oder anderen Lösungsmitteln auf. „Nach dieser Entdeckung galt es zunächst zu prüfen, ob es sich wirklich um ein vollständig neues Produkt handelt und ob dieses auch etwas gänzlich Neues kann“, erklärt Ernst Krendlinger, „nach ausführlicher Internetrecherche wusste ich, dass es so etwas überhaupt nicht gibt.“
Der nächste Schritt war ein deutsches Patent zu erhalten. „Dies beantragten wir vor allem um herauszufinden, ob man wirklich etwas Neues hat“, sagt der Chemiker. Das Europäische Patent war der darauffolgende Halt in der Entwicklung der Entdeckung. Bis dieses genehmigt war, vergingen dreieinhalb Jahre. Denn das Europäische Patentamt erteilte zweimal eine Ablehnung, bis es zu einer mündlichen Verhandlung kam. Die mündliche Verhandlung in Den Haag dauerte laut Krendlinger nur eine viertel Stunde. Er und sein Chef Günter Hufschmid erhielten eine sofortiges Patent mit allen Zusätzen. Patentinhaber ist aber nicht der 62-jährige Erfinder, sondern der Firmeninhaber Günter Hufschmid. Während des Andauerns des Verfahrens errichtete die Firma Deurex einen neuen Produktions- und Lagerstandort, um dem neuen Produkt „Pure“ gerecht zu werden.
Bisherige Einsatzgebiete von „Pure“ waren beim Donau Hochwasser. „Viele Häuser mussten nicht abgerissen werden, weil umgekipptes Öl in den Kellern nicht abgesaugt, sondern durch die Watte entfernt wurde“, führt der 62-Jährige an. Von der Feuerwehr wird „Pure“ schon vielerorts eingesetzt.
Laut Krendlinger läuft das Geschäft mit der Watte kräftig an. „Wir sind in diese Branche wie du Jungfrau zum Kind gekommen.“ Anfängliche Gespräche mit großen Unternehmen wie Shell oder Aral, verliefen anders als gedacht. „Sie wollten nur Ölversteckungsmittel für die Probleme in den Meeren“, schildert Krendlinger den Dialog mit den großen Konzernen.
Die Auszeichnung mit dem Europäischen Erfinderpreis war für den 62-jährigen Friedberger keine Überraschung. Denn Andreas Lehnert, Mitglied des Vorstands des Europäischen Patentamts, schlug den Tüftler selbst für die Nominierung vor. Die Auszeichnung verlieh das Patentamt am vergangenen Donnerstag in Venedig. (sf)
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