Zwei Minuten, vier Schicksale

Haykal ist einer der vier Flüchtlinge, deren Geschichte im Film-Clip erzählt wird. (Foto: www.facebook.com/denknachbevorduurteilst)

Mit der Initiative „Denk nach bevor du urteilst“ möchte der Landkreis Augsburg zu mehr Toleranz gegenüber Flüchtlingen aufrufen. Ein Film-Clip zeigt die Geschichten von vier jungen Männern

„Sie kommen zu dir. Sie drücken dir ein Gewehr in die Hand und sagen: ’Du musst kämpfen!’“, erzählt Haykal. „Wenn du sagst, dass du das nicht tust oder nicht kannst, töten sie dich.“ Mit der gelben Käppi auf dem Kopf, den großen Kopfhörern, die ihm um den Hals hängen, und der schwarzen Lederjacke sieht er aus wie ein hipper Typ. Einzig seine Augen blicken ernst und traurig in die Kamera.

Haykal ist einer von vier Flüchtlingen, die im Rahmen des Projekts „Denk nach bevor du urteilst“ des Landkreises Augsburg vorgestellt werden. Mehr Toleranz. Mehr Solidarität. Mehr Verstand. Dafür möchte sich das Projekt einsetzen, indem es einzelnen Flüchtlingen ein Gesicht gibt. In seiner Heimat Somalia produzierte Haykal seine eigene Musik. Hier hat er nur einen MP3-Player – und die Hoffnung auf eine friedliche Zukunft.

Die Schicksale der vier Männer hat die Initiative in Zusammenarbeit mit Regisseur Ecki Diehl und seiner Produktionsfirma Elanfilm in einem zweiminütigen Film-Clip festgehalten.

Erzählt wird auch die Geschichte des Somaliers Aydid. „Als ich noch in Somalia gelebt habe, ist meine ganze Familie gestorben“, berichtet der junge Mann mit dem dunklen Lockenkopf im Film. Er ist vor dem Bürgerkrieg in seiner Heimat nach Deutschland geflohen. Den Krieg hat er hinter sich gelassen, doch Narben auf seinem Rücken und fehlende Teile seines Schädelknochens erinnern nach wie vor an die Schrecken, die er durchlebt hat. Zweimal hätten sie den Dreh mit Aydid unterbrechen müssen, informiert die Initiative bei Facebook. Einmal habe ein Nachbar sich beschwert, dass vor seinem Haus gefilmt werde. Später habe eine Flugübung den jungen Mann in Angst versetzt.

Angst kennt auch der Afghane Danial gut. „Mein Vater hat viel Geld. Wenn du in Afghanistan Geld hast, bedeutet das große Probleme mit der Mafia“, sagt er im Film-Clip. „Sie nehmen dein Kind, dann rufen sie dich an und wollen 200 000 Euro. Wenn du es ihnen gibst, kommt dein Kind zurück.“ Sadat stammt ebenfalls aus Afghanistan. Weil er dort bedrohte wurde, musste er fliehen. Drei Jahre ist das her. Nun hilft er anderen Neuankömmlingen.

Angst um die Familien

Flüchtlinge zu finden, die ihre Geschichte mit der Öffentlichkeit teilen wollen, sei gar nicht so einfach gewesen, sagt Regisseur Diehl. „Ich bin eher naiv an die Sache ran gegangen und habe einfach vor Ort nachgefragt. Aber schon ohne Kamera war es schwierig und die Menschen sehr zurückhaltend.“ Viele hätten Angst um ihre Familien, denn über das Internet sei der Clip auch in ihren Heimatländern zu sehen. „Wir mussten mit vielen sprechen, bevor wir die Vier gefunden haben.“

Die Idee zu dem Kurzfilm stammt ebenfalls von Diehl. „Mir ist der Widerstand der Bürger im südlichen Landkreis aufgefallen. Viele wollten nicht, dass hier Flüchtlinge untergebracht werden.“ Aus diesem Grund habe er etwas tun wollen, Vorurteile abbauen wollen. Mit seiner Idee sei er schließlich auf das Landratsamt zugegangen und dort auf große Begeisterung gestoßen.

Wie Diehl erklärt, sei der Film bewusst kurz gehalten, um eine breite Masse zu erreichen. Die Schicksale der Flüchtlinge habe man ebenfalls bewusst nur plakativ angerissen, damit die Menschen selbst aktiv werden und sich vor Ort ein Bild von der Situation der Flüchtlinge machen. „Wir wollten nicht eine halbe Stunde lang auf die Tränendrüse drücken“, sagt Diehl.

Unterstützt wird die Initiative übrigens von der Friedberger Rockband „Wo is Kai!“. Ihr Song „Leer“ ist im Clip im Hintergrund zu hören.

Seit gut einer Woche ist der Film nun im Internet zu sehen und wurde bereits rund 60 000 Mal angeschaut. Künftig soll er auch bei Bürgerversammlungen gezeigt werden. „Wenn wir Vorurteile abbauen möchten, müssen wir die Menschen in der Region, die ja in direkter Nachbarschaft mit den Flüchtlingen leben, besser aufklären und Verständnis für die Situation der Flüchtlinge und für unsere Arbeit wecken“, findet Landrat Martin Sailer. „Mit dieser Initiative sind wir möglicherweise die erste kommunale Organisation, die einen derart neuen und modernen Weg der Kommunikation wählt, um damit möglichst unmittelbar in die Köpfe und Herzen der Bürger zu gelangen.“

Unmittelbar und direkt ist auch das Ende des Kurzfilms. „Was würdest du tun?“, fragt Sprecher Markus Kästle. „Würdest du gerne alles hinter dir lassen, auf kleinstem Raum ohne Luxus leben, einer ungewissen Zukunft entgegen blicken? Denk nach, bevor du urteilst.“

Der Film-Clip „Denk nach bevor du urteilst“ ist online unter www.landkreis-augsburg.de und www.facebook.com/denknachbevorduurteilst zu sehen.
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