AfD in sechs Stadtteilen zweitstärkste Kraft: Ein Schlag für die Friedensstadt Augsburg

Besorgte Gesichter: Augsburgs Oberbürgermeister Kurt Gribl und seine Frau Sigrid während der ersten Auszählungsergebnisse für Augsburg. Foto: David Libossek

Das Ergebnis der Bundestagswahl wirkt sich zwangsläufig auf die Stadt Augsburg aus. Anlass "zum Nachdenken" sieht OB Kurt Gribl vor allem in der starken AfD. Wo leben deren Wähler, warum setzten sie ihre Kreuze rechts? Und wieso spielte es bei der Bundestagswahl offenbar keine Rolle, dass die Fraktion der Partei im Augsburger Stadtrat bröckelte?

Noch eine Woche vor der Bundestagswahl stand Kurt Gribl auf einer Bank am Rathausplatz. Er sprach auf einer Demonstration gegen den Aufmarsch der rechts gesinnten Pegida. Für rechtsextremistische Strömungen "ist bei uns kein Platz", sagte der Oberbürgermeister damals.

Eine Woche später blickt Gribl wie versteinert auf neun Balken auf einer Leinwand. Seine Aussage hat eine gewaltige Schramme erhalten. 13,8 Prozent der Augsburger Wähler haben ihre Zweitstimme der AfD gegeben. In sechs Stadtbezirken wurde sie zweitstärkste Kraft hinter der CSU.

Gribl: "AfD-Wähler nicht beschimpfen"

Gribl nennt das am Wahlabend Stoff "zum Nachdenken", ein wenig ratlos sei er jedoch auch. "Es macht aber keinen Sinn, Wähler zu beschimpfen. Das hat Motive, das ist nicht nur aus einer Laune heraus", sagt Gribl. Er wolle nun stärker "auf die Struktur der Stadt schauen, wie sind die Lebensverhältnisse?" In Augsburg aber, sagt Gribl, sei "der soziale Frieden in unseren Stadtteilen, die Entwicklung als solche gelingend, dynamisch fortschreitend".

Viele der Gründe für die Wahl der AfD liegen aus Gribls Sicht auf bundespolitischer Ebene. Dinge, "mit denen wir kommunal nichts zu tun haben". "Rente", beginnt der OB seine Aufzählung, "soziale Gerechtigkeit in Anführungszeichen, Flüchtlingsthematik", fährt er fort. Das werde auf Bundesebene gesteuert und diese Gründe ließen "sich runterbrechen auf die Wahlergebnisse in Augsburg".

24,4 Prozent für die AfD in Oberhausen-Nord: Vergleiche mit der Europawahl 1989

Auf den Bundestrend der Protestwähler verweist auch Augsburgs Grünen-Fraktionsvorsitzende Martina Wild. Wie zuvor CSU-Mann Volker Ullrich erinnert auch Wild an die Europawahl 1989. Rund 20 Prozent stimmten damals für die rechtskonservativen Republikaner. 25,7 Prozent haben sie damals in Oberhausen-Nord gewählt. Jenem Viertel, in dem bei der jetzigen Bundestagswahl 24,2 Prozent ihr Kreuz neben der AfD setzten. Die Partei kratzt damit sogar beinahe an den 27,2 Prozent der CSU.

1989 versuchte ein Artikel der "Zeit" den Erfolg der "Reps" im Stadtteil zu erklären. Oberhausen sei der Abort für die "gute Stube", die für die 2000-Jahr-Feier sanierte Altstadt, schrieb die Wochenzeitung. Es sei die Müllhalde der Stadtpolitik, auch in sozialer Hinsicht. Die Menschen fühlten sich im Stich gelassen - vor allem von der Arbeiterpartei SPD.

Die SPD ist nicht alleine Schuld

In diese Kerbe versucht auch Volker Ullrich 18 Jahre später zu schlagen. Doch diese Argumentation geht dieses Mal nicht auf. Zwar büßte die SPD in Oberhausen-Nord beinahe sieben Prozentpunkte ein (von 25 auf 18,1 Prozent). Allerdings verlor auch seine CSU mehr als 18 Prozentpunkte, brachte es auf 27,2 Prozent der Stimmen. 2013 holte sie noch satte 45,4 Prozent.

Im Univiertel rutschte die CSU von 49 auf 30,2 Prozent ab. Auch dort stimmten 22,2 Prozent für die AfD. Auch im Nordosten der Stadt büßten die beiden Stadtregierungsparteien Stimmen ein, Lechhausen Ost und West sowie die Hammerschmiede entschieden sich für die AfD als zweitstärkste Zweitstimmenpartei. Ebenso Göggingen-Ost.

Bröckelnde Augsburger AfD-Fraktion: Aus Vier mach Eins

Direktkandidat Markus Bayerbach nahm Claudia Roth beinahe den dritten Rang bei der Erststimme ab, holte 13,3 Prozent (Roth: 13,9). Bayerbach war vor drei Jahren als eines von vier AfD-Fraktionsmitgliedern in den Stadtrat eingezogen. Mittlerweile ist er das einzige.

Thomas Lis und Marc Zander hatten der Partei den Rücken gekehrt, weil sie nach der Abwahl von Parteimitbegründer Bernd Lucke als bundesweitem AfD-Chef einen Rechtsruck vorhersahen. Thomas Kunze schied ebenfalls nach bundesparteilichen Querelen um Frauke Petry aus. Das war im Juli 2015. Bewegt hat Einzelkämpfer Bayerbach seither nichts. Der Kreisvorsitzende der Partei erhoffe sich aus der Bundestagswahl Impulse für die nächste Stadtratswahl, ließ er wissen. Er selbst wird sich im kommenden Jahr wohl um ein Landtagsmandat bewerben.

Ausgang der Bundestagswahl als Aufgabe für Augsburg

Dass die Wirren in der Stadtratsfraktion die Bundestagswahl offenbar wenig beeinflussten, stärkt die These vom Bundes-Trend zur AfD. Allerdings stimmten nun einmal 21.013 von 210.528 Wahlberechtigten im Stimmkreis Augsburg-Königsbrunn für die rechtsgelagerte Partei. Und stellen damit gerade der Friedensstadt Augsburg eine gewaltige Aufgabe.
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