Angela Merkel bei Kuka in Augsburg: Alles halb so wild

Bitte recht freundlich: Angela Merkel beim Bad in der Menge. Oben recken sie Köpfe und Smartphones aus den Fenstern, unten zeigt sich die Kanzlerin volksnah. Foto: David Libossek

Beim Augsburger Roboterhersteller Kuka ist der Besuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel zwar etwas Besonderes, aber organisatorisch "nichts Wildes". Trotzdem war es ein aufregender Tag beim Unternehmen im Stadtteil Hochzoll, an dessen Ende ein Mitarbeiter Autogramme anbietet.

Ein Mann im dunkelgrauen Anzug weist mit einer Hand nach links. Dort geht's zum Parkplatz, zeigt er an, immer der Zigarette zwischen seinen Fingern nach also. Der Pförtner mit den kurzen grauen Haaren lacht dabei freundlich und lässt vom Kollegen die Schranke öffnen. Ist das hier wirklich Kuka, der Betrieb bei dem in einer guten Stunde die wohl mächtigste Frau der Welt aufschlagen wird?

Immerhin: Der orangene Kuka-Schriftzug prangt überall an dem Komplex. Und ein Sendewagen vom ZDF mit Schüssel auf dem Dach ist dort geparkt. Aber wo sind jetzt die stiernackigen Sicherheitsleute, die einen böse anfunkeln, wenn man nur in deren Richtung schaut. Niemand kniet sich neben die Autos und guckt mit einem Spiegel darunter. Ok, Scharfschützen, die auf dem Dach lauern, wären auch des Guten zu viel gewesen. Muss ja nicht alles sein wie in Amerika - auch bei Angela Merkel nicht.

Anwesende vom Bundeskriminalamt geprüft


Am Empfang stehen zwei nette Damen mit langen Listen vor sich. Die Namen darauf waren zuvor alle vom Bundeskriminalamt (BKA) geprüft worden. Hinter dem Empfangstresen lungert ans Fensterbrett gelehnt der erste Polizist. Ab und an nuschelt er etwas in sein Funkgerät - "alles ruhig hier" wahrscheinlich. Erst als eine Herde Fernsehteams mit Kameras und Stativen durch den Eingangsbereich trampelt, entsteht eine erste, wenn auch hauchzarte, Hektik.

Der Staub legt sich schnell wieder. War ja alles schon einmal da gewesen - nur eben ohne Kanzlerin. Damals, vor zwei Wochen hatte der Flieger der Kanzlerin nicht starten können. Die Visite wurde abgesagt. Auch deshalb "alles halb so wild", wie Kuka-Sprecherin Katrin Stuber-Koeppe sagt. Die unerwartete zweite Generalprobe hatte damals schon bestens funktioniert.

Keine No-Go-Areas: Hunderte Mitarbeiter machen Merkel ihre Aufwartung


Vorbereitet hat das Unternehmen sich mit einer Sicherheitsfirma. Deren Arbeit wurde noch einmal durch das BKA geprüft, das zudem mit Spürhunden durch das Gebäude gelaufen war. Die Mitarbeiter des Roboterherstellers sollten schon einen Blick auf die Kanzlerin werfen können, "schließlich ist es ihr Verdienst, dass sie kommt", erklärt Stuber-Koeppe. Und das sei alles kein Problem gewesen, so etwas wie No-Go-Areas, nein, keine, sagt die Sprecherin mit einem Schauen-Sie-weniger-Fernsehen-Blick.

So machen bereits vor dem Gebäude Hunderte Mitarbeiter der Kanzlerin ihre Aufwartung. Aus fast allen Fenstern des immensen Komplexes recken Kollegen ihre Köpfe und Smartphones. An der ersten Station, die Merkel passieren wird, steht derweil Hubert Friedel. Der Mann mit Glatze und schwarzem Polohemd wartet vor einem Computer, neben ihm einer der Roboterarme, die Kuka zum Ziel der Kanzlerin machen.

Breitschultrige mit Kopfhörer, Zuschauer mit Smartphones



Friedel schafft es - obwohl er eigentlich nur ruhig dasteht - Nervosität auszustrahlen. Kein Wunder, ist er doch "der Auserwählte", scherzt er. Friedel ist derjenige, der das erste Vorführmodel präsentieren wird. Ein, zwei Fragen erwartet er, der erst seit drei Jahren für Kuka arbeitet, "da kann nichts schiefgehen".

Draußen drängt die Menge nun nach vorne. Hunderte Mobiltelefone und Digitalkameras schnellen synchron in die Höhe. Sie kommt. Jetzt tritt auch ein Trio Breitschultriger nach vorne. Kopfhörer im Ohr, kleiner Bundesadler ans Jackett gesteckt. Sie bauen sich nun vor der Smartphone-Wand auf. Ein weißer Bus fährt vor, heraus steigt Angela Merkel.

Diejenigen, die kein Erinnerungsfoto schießen, applaudieren, eine Frau schwenkt eine kleine Deutschlandfahne. Merkel, schwarze Hose, blauer Blazer und dunkelblaue Perlenkette winkt, schüttelt Hände, lacht in die Menge.

Die Kanzlerin und der Auserwählte


Jetzt ist er da: Friedels Auserwählten-Moment. Es wird genau eine Frage sein, die er beantworten muss. "Was kann der jetzt?", möchte die Kanzlerin wissen. "Alles gut", urteilt Friedel kurz darauf über die Vorführung und grinst dabei über beide Ohren. "Will jemand ein Autogramm?"

Nun schiebt sich der Tross in die nächste Halle. Dort betrachtet Merkel gleich mehrere der sensitiven Roboter namens "iiwa", den automatischen Hilfsarmen, die ihre Umgebung fühlen, wie Sebastian Prues begeistert beschreibt.

Der hochgewachsene Augsburger hat der Kanzlerin gerade an einer Autokarosserie gezeigt, wie der Leichtbau-Arm Kunststoffstopfen in das Auto-Gehäuse drückt. Daran, wie sich Merkels Händedruck angefühlt hat, kann sich Prues, der das sogenannte Application Engineering Team leitet, nicht mehr erinnern. Angenehm sei die Kanzlerin gewesen, findet er.

Kuka-Mitarbeiterin: Nervös ja, aber nicht wegen Merkel


"Toll war's, Angela Merkel war richtig sympathisch", frohlockt seine erleichterte Kollegin Eva Andraschko. Richtig gut geschlafen habe sie nämlich nicht, schließlich durfte auch sie der Bundeskanzlerin einen kleinen Roboterarm vorstellen. "Sie selbst hat mich gar nicht so nervös gemacht", sagt Andraschko und blickt in Richtung Pressetribüne, "sondern das Drumherum, die Kameras, das Geblitze".

Das Podest von dem aus gerade noch zahllose Linsen auf Merkel und die Präsentatoren gerichtet waren und sich die Fotografen um die beste Position drängelten, ist mittlerweile wie leergefegt. Einige Arbeiter beginnen bereits damit, aufzuräumen. Die stickige Luft steht beinahe in der weitläufige Halle. Es riecht nach Schmieröl. So als wäre nichts gewesen. Alles halb so wild eben.
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