Arbeitsmarkt in Schieflage? IG BAU kritisiert "Rekordwerte" in Augsburg in den Bereichen Teilzeitbeschäftigung, Leiharbeit und Minijobs

In der Gebäudereinigung machten in Augsburg Minijobs mittlerweile die Hälfte aller Arbeitsplätze aus, kritisiert die IG BAU. Foto: Dmitry Kalinovski/123rf.de

Augsburg - Auf dem Augsburger Arbeitsmarkt sei "grundsätzlich etwas in Schieflage geraten", kritisiert die IG BAU Schwaben. Mit rund 70 700 Menschen, die in Augsburg in Teilzeit oder Leiharbeit arbeiteten oder einen Minijob als alleiniges Einkommen haben, gibt es der Gewerkschaft zufolge mehr sogenannte atypisch Beschäftigte als je zuvor. Die Agentur für Arbeit wehrt sich. Sie sieht den Arbeitsmarkt in "guter Verfassung".

Der Anteil der atypischen Beschäftigung an allen Arbeitsverhältnissen sei im vergangenen Jahr auf einen Rekordwert von 43 Prozent gestiegen, prangert die IG BAU an. Im Landkreis Augsburg liegt die Quote mit 33 600 Menschen bei 40 Prozent. Die Gewerkschaft beruft sich hierbei auf eine aktuelle Studie der Hans-Böckler-Stiftung, die die Entwicklung am Augsburger Arbeitsmarkt seit dem Jahr 2003 untersucht hat. Damals habe die Quote atypischer Jobs in Augsburg Stadt und Land noch bei jeweils 33 Prozent gelegen.

"Alarmsignal an
die Politik"

IG BAU-Bezirkschef Michael Jäger spricht von einem "Alarmsignal an die Politik. Es kann nicht sein, dass wir einerseits einen wirtschaftlichen Aufschwung erleben, aber andererseits so viele Menschen in prekären Verhältnissen arbeiten." Hier sei "grundsätzlich etwas in Schieflage geraten". Der unbefristete Vollzeit-Job müsse dringend wieder zum Normalfall werden, fordert die IG BAU Schwaben.

Nach Angaben der Böckler-Stiftung habe in Augsburg besonders die Teilzeit-Beschäftigung drastisch zugenommen: Arbeiteten 2003 noch etwa 23 900 Erwerbstätige in Teilzeit, seien es 2016 bereits rund 40 000 gewesen - ein Anstieg von 68 Prozent. "Gerade für Frauen ist es nach einer Familienpause enorm schwer, wieder voll in den Beruf einzusteigen", ist Jäger überzeugt. "Gegen die Teilzeit-Falle brauchen wir endlich ein verbrieftes Rückkehrrecht in Vollzeit."

Ein entsprechender Gesetzentwurf der großen Koalition sei in diesem Frühjahr aber am Widerstand der Union gescheitert. Auch bei Minijobs gibt es der Studie zufolge keine Entwarnung: Rund 23 500 Menschen in Augsburg seien 2016 ausschließlich geringfügig beschäftigt (2003: 20 000) gewesen. In der Gebäudereinigung machten Minijobs mittlerweile die Hälfte aller Arbeitsplätze aus, berichtet Gewerkschafter Jäger. Auch hier seien es insbesondere Frauen, die nach einem Jobverlust oder einer Trennung oft schnell in Hartz IV abrutschten.

Während die Gewerkschaft die steigende Teilzeitbeschäftigung als Alarmsignal deutet, gibt die Agentur für Arbeit Augsburg an, dass die Nachfrage nach Teilzeitstellen nunmal sehr hoch sei. Das hätten Rückmeldungen vieler Frauen bei Workshops an die Beauftragten für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt ergeben. "Zumeist höher, als wir die Nachfrage befriedigen können. Auf der anderen Seite haben wir in unserem Stellenbestand fast 6000 offene Stellen, so viel wie nie zuvor", so Roland Fürst, Geschäftsführer der Arbeitsagentur.

Davon seien 12,3 Prozent Teilzeitstellen. Der Anteil der unbefristeten Stellen betrage 86,7 Prozent. "Der Arbeitsmarkt ist also in guter Verfassung und befindet sich aus unserer Sicht nicht in einer Schieflage", schließt Fürst daraus.

Zudem lasse sich die Teilzeitbeschäftigung der Jahre 2003 und 2016 schlecht miteinander vergleichen, da es im Jahr 2010 eine Umstellung im Meldeverfahren zur Sozialversicherung gegeben habe. Allein darum habe sich der Anteil der Teilzeitbeschäftigten - bundesweit um rund vier Prozentpunkte - erhöht.

Allerdings wolle die Agentur Menschen mit Minijobs bei der Suche nach einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung unterstützen und habe daher vom 11. bis 21. September die Wanderausstellung "Mini-Job - Da geht noch mehr" zu Gast, erläutert Fürst. Der demografische Wandel, die anhaltend hohe Arbeitskräftenachfrage und der spürbare Fachkräftebedarf der Unternehmen seien aktuell die besten Voraussetzungen, um aus einem Minijob mehr zu machen.

Gewerkschafter Jäger ist das nicht genug. Mit Blick auf die Bundestagswahl im September fordert die IG BAU Schwaben von den Parteien klare Konzepte "gegen die Unwucht am Arbeitsmarkt". Dazu müsse die Abschaffung der Befristungen ohne sachlichen Grund genauso gehören wie die Einbeziehung von Minijobs in die Sozialversicherung. "Dabei sind auch die Arbeitgeber in der Pflicht. Statt aufs Billig-Prinzip sollten Chefs auf Kontinuität setzen", betont Jäger. Wer heute vollwertige Stellen schaffe, brauche sich morgen nicht um fehlende Fachkräfte sorgen. (
Von Kristin Deibl)
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