Aus für Straßenstrich: „Ein Verbot bringt nichts“

Die Prostituierten des Augsburger Straßenstrichs wehren sich gegen das drohende Verbot. Sie sehen nicht nur ihre Existenz in Gefahr, sondern warnen auch vor einer ansteigenden Kriminalitätsrate. Deshalb haben zwei der Frauen das Gespräch mit unserer Zeitung gesucht.

Cindy und Susi (Name geändert) wehren sich dagegen, dass alle Frauen, die auf der Straße arbeiten, über einen Kamm geschert werden. Nicht alle Prostituierten in Augsburg wären illegal hier. „Ordnungsreferent Volker Ullrich nimmt mir die Lebensgrundlage“, erklärt Susi. Seit 14 Jahren arbeitet sie in diesem Beruf. „Ich finde ja keinen neuen Job“, sagt sie, „außerdem sind die Arbeitszeiten ideal. So kann ich mich tagsüber um mein Kind kümmern.“

Den zwei Frauen ist die Existenzangst beim Besuch in der StaZ-Redaktion deutlich anzumerken. Immer wieder betonen sie, dass sie sonst keine Wohnung bezahlen und sich nicht mehr um ihre Familien kümmern könnten. Cindy und Susi arbeiten auf selbstständiger Basis in Autos, die an bestimmten Plätzen am Straßenrand stehen. In einem Club oder in einer angemieteten Wohnung wollen sie auf keinen Fall arbeiten. Dort würden sie von den Clubbesitzern und den Vermietern ausgebeutet und zu Leistungen gezwungen, zu denen sie nicht bereit seien. Für eine entsprechende Wohnung müssten sie rund 150 Euro Miete pro Tag bezahlen und zwischen 50 und 60 Prozent ihrer Einkünfte an den Vermieter abtreten. Dasselbe sei in Lokalen üblich.

Zurzeit verdienen sie jeweils zwischen 1200 und 1700 Euro im Monat, nach Abzug der Steuern. „So viel kann ich in Clubs gar nicht verdienen“, berichtet Cindy. „Bevor ich nach Augsburg gekommen bin, habe ich in einem solchen Club gearbeitet, das mach’ ich nie wieder! Ich wurde gezwungen, Alkohol zu trinken. Wenn wir mit keinem Freier auf dem Zimmer waren, mussten wir am Eingang Spalier stehen und durften uns nicht hinsetzen – und das in High-Heels bei Arbeitszeiten zum Teil von 6 bis 4 Uhr, sechs Tage die Woche.“

Ein weiteres Problem sei ihrer Auskunft nach, dass von den Frauen immer öfter ungeschützter Geschlechtsverkehr verlangt würde. Eskaliert sei die Situation, seit Menschenhändler Frauen aus Osteuropa in Deutschland zur Prostitution zwingen. Cindy und Susi erzählen, dass hier Gewalt gegen die Frauen auf der Tagesordnung stehe. „Wenn eine nicht genügend Geld ranschafft, bekommt sie von ihrem Zuhälter Prügel. Die sind zum Teil grün und blau im Gesicht“, berichtet Cindy. Auch der Polizei sei das Problem bekannt.

„Ein Verbot des Straßenstrichs bringt gar nichts“, glaubt Susi. „Dann schicken die Zuhälter ihre Mädchen eben wo anders hin.“ Die beiden Prostituierten warnen besonders vor einer steigenden Kriminalität. „Die meisten unserer Kunden wollen schnell und anonym Druck und Frust abbauen. Den bekommen sonst Andere ab, zum Beispiel die Frau oder die Kinder zuhause.“ Es gebe Freier mit gewissen Neigungen, die diese aber nur bei Prostituierten ausleben würden. Sollte der Straßenstrich in Augsburg verboten werden, sind Cindy und Susi überzeugt, dann würden deutlich mehr Frauen tätlichen Übergriffen zum Opfer fallen.

Statt eines Verbots schlagen sie den Politikern klare Regeln vor: Sie können sich vorstellen, dass nur noch von einem Auto aus gearbeitet werden darf. Man könne zur Auflage machen, dass das Auto ein Augsburger Kennzeichen haben muss, nur eine Prostituierte darin sitzen darf, die einen Führerschein besitzen muss. „In anderen Städten wie in München funktioniert es ja auch“, berichten sie. Dort bestehe für die Prostituierten eine Meldepflicht und sie werden regelmäßig von der Sitte kontrolliert. „Man könnte Arbeitszeiten oder eine Kleiderordnung festlegen“, räumen sie ein.

Am Donnerstag hat der Augsburger Stadtrat über das Verbot des Straßenstrichs beraten. Mehrheitlich hat sich das Gremium für das Verbot ausgesprochen. Jetzt geht die Empfehlung an die Regierung von Schwaben, die endgültig entscheiden wird.

Gegen das Verbot haben sich die Augsburger Grünen und Linken ausgesprochen. Stadträtin Verena von Mutius (Grüne) begründet ihre Entscheidung damit, dass das Problem des Menschenhandels und der Zwangsprostitution damit nur verschoben würde: „Damit würde sich der Straßenstrich nur an ,dunkle Ecken' verlagern.“ Sie möchte den Frauen, die diesem Beruf ordnungsgemäß nachgehen, die Möglichkeit zum Arbeiten geben. Das Verbot würde nur die Schwächsten der Kette angreifen und nicht das eigentliche Problem. „Ein komplettes Verbot ist keine Lösung“, sagt auch von Mutius.
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