Bei Dreh von "Jetzt red i" in Augsburg schwitzt nur der Kameramann: Politiker bleiben bei BR-Sendung trotz Kritik entspannt

Lautsprecher im Rampenlicht, Unternehmerin Sina Trinkwalder im Interview mit Moderatorin Franziska Storz
 

Der Bayrische Rundfunk sendete am vergangenen Mittwoch live aus dem Saal des Hubertushof im Augsburger Stadtteil Firnhaberau. Bürger und Politiker diskutierten 45 Minuten lang vor der Kamera über das Thema. Dass die Schwabenmetropole für die Sendung ausgewählt wurde, hatte einen Grund.


„Leiharbeiter sind Menschen zweiter Klasse – kann sich das unsere soziale Marktwirtschaft leisten?“, fragt ein Mann, der inmitten des Publikums sitzt. Er sei Unternehmer, sagt der Redner, der Anzug trägt und unter dem Jacket ein weißes Hemd. So kontrastiert er sich von seinem Nebensitzer im Kapuzenpulli. Die Szene entspricht exakt dem Konzept der Sendung „Jetzt red’ I“ des Bayerischen Rundfunks. Unterschiedliche Charaktere im Publikum, die Politikern Aug’ in Aug’ ihre Meinung sagen. Heute strahlt er die Sendung aus der Augsburger Firnhaberau aus. Das Thema: „Arm trotz Arbeit – wenn’s zum Leben kaum reicht.“

Augsburger laut Statistik besonders arm

Seine himmelblauen Busse des Bayrischen Rundfunks entsandte der BR nicht ohne Grund nach Augsburg. Hier sollen die ärmsten Bürger Bayerns wohnen. Laut Statistik soll in Augsburg so gravierend sein wie nirgends sonst in Bayern.
Gerade sie sind an diesem Abend dazu eingeladen, sich mit den Gästen aus der Politik zu unterhalten. Das waren Natascha Kohnen, Generalsekretärin der bayerischen SPD, Volker Ullrich, CSU-Bundestagsabgeordneter, und Daniel Föst, der bayrische FDP-Generalsekretär.

Atmosphäre im "Studio" in der Firnhaberau

Bevor es drinnen losgeht, herrscht eine gelassene Stimmung. Manche Zuschauer kennen sich und plaudern, während die Techniker draußen rumlungern und rauchen. Eine halbe Stunde vor Sendezeit wird das Publikum in die eigens errichtete Fernseh-Arena gelassen.
Dort, wo sich Gäste sonst ihr Schnitzel schmecken lassen, steht ein Gerüst für die Scheinwerfer, Kameras warten auf Bilder, Mikrofone sind ausgerichtet.

Es ist beinahe kuschelig im Saal, Beinfreiheit ist eigentlich keine vorhanden, Leute machen Selfies und Moderator Tilmann Schöbel versucht, mit dem Publikum warm zu werden. Die Politiker treten ein und die Fotokameras lassen ihre Blitze auf sie los. Als die Endmelodie der Tagesschau ertönt, legt sich eine erwartungsvolle Stille über das Wirtshausstudio.

Zuschauer sind voll dabei, stellen Fragen und äußern Kritik

Themen der Diskussion, die sich nun entspinnt, sind Mindestlohn, die hohen Mieten in Augsburg aufgrund der Nähe zu München und eben die Leiharbeit. Auch wirtschaftsphilosophisch wird es, als die Frage aufkommt, wie ein Unternehmen ethisch handeln kann.

Während einer der Kameramänner langsam zu schwitzen anfängt, heben sich die
Hände, die Zuschauer zeigen keine Scheu vor der Kamera und stellen meist gezielte Fragen. Auf der Bühne bleiben die Politiker gelassen – Schweißperlen sind auf ihrer Stirn jedenfalls keine auszumachen. Und das, obwohl es im Saal mittlerweile brütend heiß ist. Und die Augsburger Unternehmerin Sina Trinkwalder sie scharf kritisiert. Zwar applaudieren die Zuschauer, als Trinkwalder einwirft, man solle die Politiker doch einmal 18 Monate als Leiharbeiter anstellen – aber die Politiker bleiben entspannt.

Keine Lösung - aber ein Einblick in facettenreiches Thema

Die vorgesehenen 45 Minuten gehen schnell vorbei. Schöbel hat die Zeit im Griff und schafft es elegant, die Kommentare abzukürzen. Die Diskussion ist derweil beim Konsumverhalten angekommen und dem Rat, den Kauf bei Amazon, das häufig wegen seiner Arbeitsbedingungen angeprangert wird, zu vermeiden. Das ist zugleich die abschließende Pointe der Sendung – keine großartig neue Erkenntnis also und schon gar nicht die Lösung für das Problem „Armut trotz Arbeit“. Der Abschluss zeigt jedoch gleichzeitig, wie facettenreich dieses Thema ist.

Der mittlerweile schweißgebadete Kameramann scheint so oder so erleichtert zu sein, als es vorbei ist. Die Menge wird nun ins Wirtshaus eingeladen, während die Techniker bereits auf erstaunlich leisen Sohlen über die Bühne huschen, um den Abbau schnell hinter sich zu bringen. Viele der Zuseher gehen indes getrennter Wege. Anzug und Kapuzenpulli waren eben doch nur im Scheinwerferlicht Nachbarn.
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