Bustour durch Augsburgs Asylunterkünfte: Wo es läuft, wo es hakt

Selbst genäht: Stolz präsentieren die Bewohnerinnen der Gemeinschaftsunterkunft in der Ottostraße ihre Kleider., die sie im Nähzimmer selbst anfertigen.
 
Im Haus Noah, einem Wohnprojekt der Caritas, sollen vor allem große Familien untergebracht werden. Die vier Häuser bieten Platz für insgesamt 62 Menschen.

Der Geruch nach exotischen Gewürzen zieht durch die Gänge der Gemeinschaftsunterkunft in der Ottostraße. Kartoffeln, Gemüse und Reis köcheln auf dem Herd in der Küche vor sich hin. Für die Bewohner eigentlich Alltag. An diesem Samstag aber ist die Situation doch ein bisschen anders: Eine Gruppe von gut 30 Leuten ist zu Besuch. Unter der Leitung des Vereins Tür an Tür wollen sich städtische Vertreter aus dem Bildungsbereich, Vertreter der Bildungsträger, freiwillige Helfer und Interessierte im Zuge einer Bustour durch Augsburg ein Bild von den verschiedenen Unterkünften für Geflüchtete machen und erfahren, was gut läuft, aber auch, wo es noch hakt.



Treffpunkt für die Bustour ist das Café Tür an Tür. Zwischen Tee gegen Spenden und Tischkickern gibt Robert Kern, Leiter des Bereichs Wohnen und Unterbringung der Stadt Augsburg, zunächst ein paar allgemeine Informationen. 1095 Flüchtlinge seien derzeit in 44 dezentralen Unterkünften im Stadtgebiet untergebracht. Allerdings erwarte man in den kommenden Jahren allein aufgrund des Familiennachzugs weitere 3000 Menschen.
„Das bringt uns an unsere Grenzen. Die Städte und Landkreise allein können das nicht leisten. Die Regierung darf sich nicht aus der Verantwortung ziehen“, fordert Kern. „Bei Familiennachzügen sind die Leute plötzlich da und dann müssen wir reagieren.“ Dabei gehe es nicht nur darum, die Menschen irgendwo unterzubringen. „Auch eine gewisse Infrastruktur muss da sein.“ So müssen etwa Familien mit Kindern einen Kindergarten in der näheren Umgebung haben.

Haus Noah: Unterkunft für große Familien

Die Bustour führt die Gruppe zuerst zum Haus Noah, einem Wohnprojekt des Caritasverbandes für die Stadt und den Landkreis Augsburg. In vier Häusern mit je drei Wohnungen für vier bis acht Personen sollen vor allem Familien unterkommen. Die Caritas hat die Häuser für insgesamt 50 Jahre gepachtet. Zunächst sollen sie für zehn Jahre als Asylunterkunft genutzt werden, dann als sozialer Wohnraum. Sechs Familien seien bereits eingezogen, berichtet Corinna Hampf, Freiwilligenkoordinatorin der Caritas. Im Juni sei ein Begegnungsfest geplant, für die Familien untereinander, aber auch die Nachbarn. Freizeitangebote und Projekte mit der Friedrich-Ebert-Schule seien ebenfalls bereits in Planung.

Flugplatzheide: Wohnprojekt vs. Naturschutz

Weiter geht es mit dem Bus zur Flugplatzheide, auf der der Freistaat ein großes Wohnprojekt für rund 200 Personen realisieren will. Die Heide als Baugrund sorgt schon länger für Diskussionen, vor allem Naturschützer setzen sich gegen die Bebauung massiv zur Wehr (wir berichteten). Für die Stadt allerdings ist das „endlich mal ein Projekt, das der Freistaat bauen will“, wie Sozialreferent Stefan Kiefer erklärt, denn das gebe es in Augsburg bislang nicht. Er verstehe die Naturschützer, dennoch sei Wohnraum für Flüchtlinge zwingend notwendig. „Dezentrale Unterkünfte sind keine Dauerunterbringung“, so Kiefer. „In den angemieteten Unterkünften leben viele Menschen, die rein rechtlich dort nicht mehr wohnen dürfen. Für diese Menschen soll es auf der Flugplatzheide Raum geben.“

Ausbildung zum Fachinformatiker

Nächster Halt: Rosenaustraße. In einem alten Bahngebäude sind rund 40 junge Männer untergebracht, die gerade ihre Ausbildung absolvieren oder schon berufstätig sind. Mohammad Zaweeb Ahmadzai lässt die interessierten Besucher einen Blick in sein Zimmer werfen, das er sich mit einem anderen Geflüchteten teilt. Der Afghane ist vor gut drei Jahren nach Deutschland gekommen. Nun ist er im zweiten Lehrjahr und will Fachinformatiker werden. Er fühle sich wohl in der Rosenaustraße, erzählt der 23-Jährige.
Das Gebäude, in dem Ahmadzai und die anderen Männer leben, gehört als einzige Unterkunft in Augsburg der Stadt selbst. Das Wohnprojekt wurde von der Stadt gemeinsam mit der Industrie- und Handelskammer Schwaben ins Leben gerufen.

Gemeinschaftsunterkunft: "Putzprobleme halten uns auf Trab"

Der letzte Halt der Bustour führt die Gruppe in die Gemeinschaftsunterkunft in der Ottostraße. Rund 160 Menschen finden in dem Gebäude Platz, bis auf zwei Zimmer ist es zur Zeit voll belegt. Brigitte Zinsmeister von der Asylsozialberatung des Caritasverbandes für die Diözese Augsburg lobt das gute Team und die hohen Standards in der Unterkunft. Auch ernsthafte Konflikte zwischen den Bewohnern gebe es eher selten.
Probleme bleiben dennoch nicht aus, wie Hausmeister Johannes Gernert schildert. „Im Alltag hält uns vor allem das Thema putzen auf Trab.“ Küchen und Bäder würden normalerweise von Flüchtlingen gereinigt, die auf Basis von Ein-Euro-Jobs entlohnt würden. Sobald die Geflüchteten jedoch anerkannt seien, sei das Sozialamt nicht mehr zuständig, sondern das Job-Center. Und das sehe Reinigen nicht als Integrationsmaßnahme an und bezahle folglich nicht. „75 Prozent der Menschen hier sind mittlerweile anerkannt. Wir müssen ständig umorganisieren. Das ist ein permanentes Problem“, klagt Gernert. Er fordert mit Nachdruck eine Lösung, damit auch anerkannte Flüchtlinge solche Arbeiten übernehmen können.
Während der Hausmeister über die Probleme in der Unterkunft spricht, zeigen die Bewohner den Besuchern stolz ihre selbst genähten Kleider und gewähren in der Küche einen Blick auf ihr Mittagessen.
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