Eine Stimme für Sinti und Roma: Augsburger Regionalverband hat große Pläne

Mit dem Fischerholz ist für Marcella Reinhardt ein Stück Kultur verloren gegangen. Umso wichtiger ist es für sie, dass sich in Augsburg nun ein Verband für die Belange der Sinti und Roma einsetzt. (Foto: David Libossek)
Vorurteile, Ausgrenzung, Diskriminierung: Damit werden Sinti und Roma bis heute konfrontiert. Eine richtige Anlaufstelle für solche Fälle hat bislang in Augsburg gefehlt. Marcella Reinhardt, selbst Sinta, kämpft dafür seit vielen Jahren. Am Freitag erreicht sie nun ein wichtiges Zwischenziel: Der Regionalverband Deutscher Sinti und Roma in Augsburg wird mit einer großen Feier im Rathaus der Öffentlichkeit vorgestellt.

„Es ist in Augsburg bekannt, dass die Sinti im Fischerholz gelebt haben“, erzählt Reinhardt, die ebenfalls in der Barackensiedlung im Augsburger Nordwesten aufgewachsen ist. „Bis heute ist mit diesem Ort aber auch ein Teil unserer Kultur verloren gegangen. Umso wichtiger ist es, dass es in Augsburg nun einen Verband gibt.“ Die neun Gründer und rund 50 ehrenamtlichen Mitglieder wollen sich für die Belange der Sinti einsetzen, gegen Antiziganismus und Antisemitismus vorgehen und Aufklärungsarbeit leisten. Unter anderem auch darüber, wie Sinti während des Zweiten Weltkrieges in Konzentrationslager gesteckt, getötet oder zwangssterilisiert wurden.

Das ist für Reinhardt auch ganz persönlich ein wichtiges Anliegen. Ihre Eltern waren in Auschwitz inhaftiert, ihre Großeltern und weitere Verwandte sind dort ums Leben gekommen. Eine ihrer Tanten wird bei der Eröffnungsfeier am Freitag als Zeitzeugin ihre Geschichte erzählen. „Es ist für sie nicht leicht, darüber zu sprechen. Das ist es für keinen von uns, auch wenn wir mit dem Thema aufgewachsen sind“, erzählt Reinhardt. „Aber es ist wichtig, denn es gibt kaum noch Zeitzeugen, die aus erster Hand berichten können.“

So befasst sich auch das nächste große Ziel des Verbandes mit dem Thema Holocaust: Halle 116 im Sheridan-Park, die als Zwangsarbeiterbaracke, als Außenlager des Konzentrationslagers Dachau genutzt wurde, soll zu einem Dokumentations- und Bildungshaus und damit zu einem Erinnerungsort werden. „Wir werden immer wieder von Lehrern angesprochen, dass das Thema auch für die Schüler interessant wäre. Und wir brauchen dafür keine Geschichtsbücher, wir können unsere eigene Geschichte erzählen“, sagt Reinhardt. Die Jugend über die schrecklichen Gräueltaten zu informieren, liegt der Sinta besonders am Herzen. „Die Kinder sollen so etwas nicht erleben müssen“, wünscht sie sich. „Das ist auch heute nicht selbstverständlich. In einer Zeit, in der so viele Menschen durch Kriege aus ihrer Heimat vertrieben werden und Parteien wie die NPD und AfD wieder mehr Zulauf erfahren.“

Reinhardt setzt sich schon seit 2003 für die Belange der Sinti und Roma ein. Zunächst arbeitete sie ehrenamtlich für den Landesverband Nürnberg, später in Augsburg. Ihr Engagement ist auch heute noch ehrenamtlich, ebenso wie das der anderen Mitglieder. Der Bezirk Schwaben, der für die finanzielle Unterstützung zuständig wäre, hat bislang keine Förderung bewilligt. Nichtsdestotrotz empfindet Reinhardt die Zusammenarbeit mit der Politik als sehr gut. Vor allem das Amt für Migration, Interkultur und Vielfalt in Augsburg habe sie sehr unterstützt, berichtet sie. Ebenso wie Oberbürgermeister Kurt Gribl. Dieser wird während der Eröffnungsfeier am Freitag die Vorstellung des Verbandes übernehmen. Die rund 600 eingeladenen Gäste erwartet außerdem ein musikalisches Rahmenprogramm.

Die Eröffnungsfeier des Regionalverbandes findet am Freitag ab 17 Uhr im Oberen Fletz des Rathauses statt.

(Von Kristin Deibl)
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