Fakultäts-Fest mit Polit-Protest: Studenten rebellieren bei Festakt zur Gründung der medizinischen Fakultät

 
Gigantische Zukunftsvision: So könnte der Campus der Medizinischen Fakultät einmal aussehen. Einzig das Klinikum und das Bezirkskrankenhaus (beides mittig im Hintergrund) bestehen bereits. Alles andere soll im Laufe von Jahren oder Jahrzehnten hinzukommen. Foto: Nickl & Partner Architekten AG

"Für mehr Solidarität", tönte es gestern aus verschiedenen Reihen des Hörsaals 1001 der Juristischen Fakultät an der Uni Augsburg. Eigentlich fand gerade der Festakt zur Gründung der medizinischen Fakultät statt. Ein paar Studenten allerdings nutzten den voll besetzten Raum, um ihre eigenen Anliegen vor Oberbürgermeister Kurt Gribl, Ministerpräsident Horst Seehofer und der Präsidentin der Uni, Sabine Doering-Manteuffel, anzubringen.

"Für das Bleiberecht", "Gegen Fremdenfeindlichkeit" und "Gegen Hass", waren nur ein paar der Parolen, die die jungen Leute auf Schilder geschrieben hatten und in den Raum riefen. Immer wieder unterbrochen von der Forderung "Für mehr Solidarität". Nach kurzer Zeit wurden sie vom anwesenden Security-Personal und der Polizei nach draußen geleitet.

Wie die Studenten später in einer Pressemitteilung erklärten, habe sich ihr Protest nicht gegen die Gründung der medizinischen Fakultät, sondern gegen Seehofers Politik gerichtet. "Rassismus und Rechtspopulismus lassen sich nicht einfach für ein zwei Stunden zur Seite schieben, bloß um in Ruhe einen Festakt zu feiern, denn wir verstehen die Universität als Raum kontroverser Diskurse", so die Studenten. "Unsere heutige erfolgreiche Protestaktion erhebt die Stimme gegen die unwidersprochene Präsenz von Rassismus und Menschenverachtung in Person von Horst Seehofer, der als Gallionsfigur der Forderung nach einer Obergrenze Hass und Fremdenfeindlichkeit schürt." Die NSU-Mordserie, zahlreiche Brandanschläge auf Wohnraum von Geflüchteten und Übergriffe rechter Gewalttäter sollten Grund sein, gegen Rassismus aufzustehen, stattdessen erzeuge und befeuere Seehofer rechte Ressentiments. Die "erpresserische und repressive Migrationspolitik der CSU unter seiner Regie" führe zu "mörderischen Abschiebungen in willkürlich deklarierte 'Sichere Herkunftsländer' wie Afghanistan."

Seehofer selbst, der nach der Aktion der Studenten mit seiner Rede an der Reihe war, sagte, es gehöre dazu, solche Willensbekundungen zu ertragen. Er bezog sich damit auf den 70. Geburtstag der bayerischen Verfassung, der am Vortag gefeiert worden war.

Seehofer: "Bleibendes für die nächste Generation"

Als er sein Amt als Ministerpräsident angetreten habe, habe ihm ein Kollege gesagt, er könne nun gleich mit der Tradition beginnen, die Uniklinik in Augsburg anzukündigen, die dann doch nicht kommt, kam Seehofer zum eigentlichen Thema. Nun aber sei es endlich so weit: "Mit diesem Jahrhundertprojekt schaffen wir etwas Bleibendes für die nächsten Generationen", jubilierte er. Auch der Wissenschaftsrat sei zu dem Ergebnis gekommen, dass die Neugründung einen wissenschaftlichen Mehrwert für Bayern und darüber hinaus bringe.

Die medizinische Fakultät wird die achte Fakultät an der Uni Augsburg. Rund 1500 Studenten sollen in den beiden Studiengängen "Environmental Health Services" (Umweltmedizin) und "Medical Information Services" (Medizininformatik) zugelassen werden.

"Man sagt, das Wissen in der Medizin verdopple sich alle fünf Jahre, in der Informatik gar alle 18 Monate", sagte Seehofer. In Augsburg sollen nun beide Bereiche verknüpft werden.

Doering-Manteuffel: "heute heißt es: 'Hut ab!'"

Wie Doering-Manteuffel erklärte, handle es sich bei der Gründung der medizinischen Fakultät um den größten Entwicklungsschritt der Uni seit Jahrzehnten. Sie freue sich besonders, dass es nun endlich so weit sei, denn "ich bin in den vergangenen Jahren sehr häufig auf die Universitätsmedizin angesprochen worden. Zunächst vehement ablehnend, dann zögernd zustimmend, dann offen bewundernd. Ich bin gefragt worden, welcher Teufel uns als Universität geritten hat, den Aufbau einer medizinischen Fakultät überhaupt nur in Erwägung zu ziehen. Ich bin darauf hingewiesen worden, dass dies unter keinen Umständen zu schaffen sei. In ganz Deutschland hielt man diese Entscheidung für den Beweis, dass man die Bayern keine fünf Minuten allein lassen darf. Aber zum Schluss hat es von allen Seiten geheißen: Hut ab!"

Im Bereich der Umweltmedizin sollten in Augsburg Antworten auf Fragen gefunden werden, die, wie Doering-Manteuffel sagt, "den Menschen im Kern betreffen". Denn die Umwelt zu verstehen, sei wichtig, um Krankheiten, die daraus entstehen, heilen zu können. Die neue medizinische Fakultät soll daran maßgeblich beteiligt sein. Im Bereich der Medizininformatik gehe es um die Analyse großer Datenmengen, die "in Zukunft mehr bewirken werden, als wir heute ahnen."

Gribl: "Wirtschaftlicher Impuls"

Neben dem medizinischen Fortschritt soll die neue Fakultät auch einen nachhaltigen wirtschaftlichen Impuls bringen und Arbeitsplätze schaffen. Das zumindest hofft Gribl. "Aus dieser urbanen und regionalen Entwicklung wird viel Neues entstehen", prophezeite er. Generationen von Landes- und Kommunalpolitikern und Jahrzehnte des Ringens seien dem Tag der Gründung voraus gegangen, sagte Gribl. "Heute ist der Tag gekommen, an dem wir als Augsburger und Schwaben in Demut dankbar sein dürfen."

Von Demut sprach Seehofer zum Abschluss nicht. Im Gegenteil: "Wir sind mächtig stolz auf Bayerns dritte Metropole", erklärte er.
(Von Kristin Deibl)
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