Feel-Good Against Israel: Zur Kritik an Laurie Pennys Auftritt beim Brechtfestival

Vor der Lesung in der Brechtbühne verteilte die DIG Hochschulgruppe ihre Kritik an Laurie Penny.

Die feministische Heldin Laurie Penny hat ein Problem: Israel. Israels Probleme hingegen werden von Penny wahlweise ignoriert oder tatkräftig unterstützt.



Was Laurie Penny über Augsburg denkt, vermochte sich bei ihrem Besuch auf dem Brechtfestival am 5. März 2017 herausstellen. Ihr Bild von Deutschland im Allgemeinen jedenfalls offenbarte sie Anfang 2016 in einem „Brief an die deutsche Linke“ in seiner ganzen Deutlichkeit wie Merkwürdigkeit. Zwar scheint sie im Brief zunächst zu erkennen, dass erst Deutschlands Vergangenheitsbewältigung ihm zu seinem heutigen Status als „progressive cultural powerhouse“ verhalf. (1) Anstatt nun aber dieses instrumentelle Verhältnis der deutschen Nation zur Shoa als Anlass zu verstehen, einen kritischen Blick auf die Vergangenheitsbewältigung und die angeblich gezogenen „Lehren“ zu werfen, scheint Penny eher von bewunderndem Mitleid für die Deutschen geplagt zu sein:
„German[y] is a country haunted by its own history, and part of that history involves the mass murder of millions of Jews. That is both an unavoidable fact and a terrible legacy for succeeding generations to grapple with.“ (2)
Das deutsche Publikum könnte diese Empathie ähnlich gewogen stimmen wie der zunächst beliebig wirkende Lifestyle-Aufzug, in dem sich das diesjährige Brechtfestival das Thema Feminismus zueignet.

Shoa und Israel

"Over 20 centuries of faith and survival, the Jewish people have been persecuted, forced into exile, tortured, traumatised, ridiculed, harassed and finally murdered in their millions, and that matters – it still matters, to the children and grandchildren and great-grandchildren of those who survived, including me.
But the abused sometimes go on to abuse others. Countries formed in response to genocide expand their borders with murderous intolerance." (3)
Laurie Penny spricht hier von der Shoa nicht um diese zu begreifen, sondern um sie gleichzusetzen. Indem sie die Opfer der Shoa und Opfer gänzlich verschiedener Taten als „abused“ (engl. Verletzte, Missbrauchte) bezeichnet, abstrahiert sie ganz offen von der Shoa als spezifischem historischen Ereignis, aber auch von der dahinter liegenden Ideologie.
Dazu zählte im Kern die eigentümliche und unbegreifliche Willkür des Antisemitismus, die in der Shoa deutlich hervortrat: die Vernichtung der Juden und Jüdinnen war den Nazis absoluter Selbstzweck, dem nicht zuletzt auch die Selbsterhaltung (bspw. in Form militärischer Ziele) geopfert wurde. Diese spezifische Willkür und den Vernichtungsdrang des Antisemitismus verdrängt Penny, indem sie die Shoa bloß als abuse in größerem Ausmaß versteht.
Jene in der Shoa verdrängte Willkür kehrt jedoch wieder in ihrer Projektion auf Israel, das töte, „whoever it likes“. Was tatsächlich nicht nur Existenzberechtigung jeden Staats ist, sondern explizit den Zweck Israels darstellt: Sicherheit für seine Bürger zu gewährleisten, deutet Penny zur scheinheiligen Rationalisierung um: Israel töte „whoever it likes in order to feel “safe““. (4)
Im gleichen Maß, wie Penny das spezifische Movens der Judenvernichtung durch die Deutschen und andere Völker verdrängt, ignoriert sie aber auch den real existierenden Vernichtungsantisemitismus. So log sie sich den Gaza-Konflikt zwischen Israel und mehreren palästinensischen Terrorgruppen, darunter Hamas und Islamischer Djihad (2014), folgendermaßen zurecht: „this so-called war is one in which only one side actually has an army.“ (5) Hamas und Islamischer Djihad als reale vernichtungsantisemitische Organisationen blendet Penny in ähnlicher Weise aus wie sie die Shoa und deren Antisemitismus im Dunkeln lässt. Noch drastischer stellte es sich allerdings dar, würde sich Folgendes bewahrheiten: dass Penny jene Terrororganisationen deshalb nicht wahrnimmt, weil sie die willkürliche Vernichtung derart pathisch auf Israel projiziert, dass dessen Handeln unter keinen denkbaren Umständen begründbar sei.
Damit nicht genug. Wer an jene (notwendige) Verbindung zwischen Shoa und Israel erinnert, läuft Gefahr, von Penny beleidigt und schamlos instrumentalisiert zu werden:
Maybe it’s crass to put words in the mouths of your dead relatives, but right-wing hawks have been putting their opinions in the mouths of my dead relatives for weeks, so I think I’m entitled to a say, too. (6)
Weil israelische Rechte, aber auch Israel im Allgemeinen sowie AntisemitismuskritikerInnen (7) die Opfer der Shoa instrumentalisieren würden, dürfe sie das nun aber auch mal. Kindischer und durchschaubarer geht es kaum.

Internationaler Wahn gegen Israel

Laurie Penny stellte eigentlich spätestens 2011 unmissverständlich klar, dass von ihr kein vernünftiges Wort zu Israel und zum Nahen Osten zu erwarten sei. Die israelischen Siedlungen in der West Bank nannte sie damals ganz im Ernst „the most fraught, difficult and painful topic in modern international relations“. Im gleichen Artikel stellt sie bzgl. der britischen Kolonialzeit nicht etwa negativ heraus, dass Briten jüdischen Flüchtlingen die Einreise ins Mandatsgebiet Palästina erschwert oder verweigert hatten (ein historischer Fehler, der schließlich Tausenden Juden unter den Nazis in Europa das Leben kostete), sondern sie kritisiert noch das marginale und viel zu späte britische „involvement in the creation of the state of Israel“. (8)
Penny spart nicht am absurden Apartheidvorwurf gegenüber Israel. (9) An einem konsistenten Rassismusbegriff scheint ihr dabei ähnlich wenig gelegen zu sein wie sie ausblendet, damit Opfer des ehemaligen südafrikanischen Apartheidregimes zu verhöhnen. (10) Entgegen den Tatsachen behauptet Penny zudem, Gaza stehe weiterhin unter israelischer Besatzung (11) und sei ein „open prison“. (12) Sie ignoriert die Terrorgruppen, mit denen sich Israel konfrontiert sieht.
Sie leistet mindestens indirekte Unterstützung der BDS-Kampagne, die sich für einen kulturellen, finanziellen und politischen Boykott Israels und israelischer Künstler einsetzt. Ganz direkt unterstützt Penny die Kampagne Artists for Palestine UK, die zum kulturellen Boykott Israels aufruft (13) und in ihren FAQs antisemitische Stereotype jüdischer Filmindustrie reproduziert. (14)
Pennys einseitige Position gegen Israel und ihr Schweigen zu den Unerträglichkeiten palästinensischer Verhältnisse delegitimiert aber nicht nur Israel, sondern widerspricht auch ihrem sonstigen Engagement gegen Homophobie. Während sowohl in Gaza als auch in der Westbank Homosexuelle massiver Verfolgung durch Staat und Gesellschaft ausgesetzt sind, garantiert Israel Homosexuellen weitreichende Rechte. (15)

Von nichts kommt nichts

Während die deutsche Linke aus historisch-kultureller Befangenheit verständlicherweise pro-zionistisch agiere (16), sieht sich Penny selbst offenbar – als Britin und „Halb-Jüdin“ – in der moralischen Pflicht, Israel grundlegende Sicherheitsinteressen abzusprechen. (17) Der Narzissmus solcher identitätspolitischer Argumentation tritt hier offen zutage: Wie richtig eine politische Position ist, entscheidet sich für Penny an der Person, die sie vertritt, nicht am verhandelten Gegenstand. Die Sicherheit Israels und seiner Bevölkerung werden von ihr keines Gedankens gewürdigt.
Aber nicht nur die Identitätspolitik, sondern auch die These der sogenannten „Intersektionalität“ (18) blamiert sich in Pennys Verhältnis zu Israel. Intersektionale Ansätze können Antisemitismus bisweilen nur unzureichend begreifen, weil dieser oft ohne diskriminierende Hierarchisierung auskommt: Vielmehr imaginiert er Israel als Zentrum mächtiger Weltverschwörungen. Zweitens erkennen jene Ansätze nicht ausreichend, dass der Antisemitismus tatsächlich nichts mit dem realen Verhalten seiner Opfer zu tun hat, sondern unreflektierten Projektionen entspringt. (19)

Get it straight: Pennys Antizionismus

Den global erstarkenden Antisemitismus nimmt Penny durchaus wahr, nicht zuletzt ganz persönlich als Opfer. (20) Doch sie ignoriert und – in Konsequenz – affirmiert den Antisemitismus, dem sich der jüdische Staat und seine Bevölkerung ausgesetzt sehen: in unmittelbarer Nähe durch palästinensischen Terrororismus, die libanesische Hezbollah und den IS, auf internationaler Ebene durch diverse NGOs und feindliche Staaten, ganz zu schweigen von den fortgesetzten Vernichtungsdrohungen des iranischen Regimes.
Inmitten dieser Umstände delegitimiert und dämonisiert Laurie Penny Israels Verteidigungs- und Sicherheitsmaßnahmen, während sie zum Verständnis von Shoa und Antisemitismus nichts beizutragen hat und zum Islamismus nur schweigt.


► Anmerkungen
1 Penny, Laurie. A letter to the German left, 2016, https://www.facebook.com/lauriepenny/posts/5417201...
2 Penny, Laurie. A letter to the German left (Anm. 1)
3 Penny, Laurie. Laurie Penny on Gaza: As Israel’s assault intensifies, it is not anti-Semitic to say: not in my name, 2014, http://www.newstatesman.com/worldaffairs/2014/07/i...
4 Ebd.
5 Ebd.
6 Penny, Laurie. Laurie Penny on Gaza: As Israel’s assault intensifies, it is not anti-Semitic to say: not in my name (Anm. 3)
7 „For some people, history is just a creative space for redrawing the bloody map of the moral high ground to suit your own dogma.“ (Penny, Laurie. Laurie Penny on
Julie Burchill’s imperialist froth over Israel, 2011, http://www.newstatesman.com/blogs/laurie-penny/201...)
8 Ebd.; Penny, Laurie. Laurie Penny on Julie Burchill’s imperialist froth over Israel (Anm. 6)
9 Penny, Laurie. Laurie Penny on Julie Burchill’s imperialist froth over Israel (Anm. 6)
10 Mirvis, Ephraim. I grew up in South Africa, so believe me when I say: Israel is not an apartheid state, 2016, http://www.newstatesman.com/culture/2016/02/igrew-
south-africa-so-believe-me-when-i-say-israelnot-apartheid-state
11 Israel zog sich 2005 vollständig aus dem Gazstreifen zurück. Seitdem kontrolliert es die Wasser- und Landgrenzen des Landstreifen, abgesehen von dessen Grenze zu Ägypten.
12 Penny, Laurie. A letter to the German left (Anm. 1)
13 Artists for Palestine UK. Artists‘ Pledge, https://artistsforpalestine.org.uk/introduction/a-...
14 „4. What if I unwittingly receive money ‘linked to the Israeli state’ via the film company I am doing some work for?“ (Artists for Palestine UK. What signing means in practice, https://artistsforpalestine.org.uk/questionsfromar...)
15 Aber auch Pennys Feminismus löst sich in Luft auf, sobald Israel im Spiel ist. Einem israelischen Gericht, das einen arabischen Jerusalemer Bürger der Vergewaltigung und der Täuschung schuldig sprach (das Opfer hatte dem Sex dem entsprechenden Urteil zufolge infolge der Lüge des Angeklagten zugestimmt, er sei
jüdischer Junggeselle und an einer ernsthaften Beziehung interessiert), warf sie nicht nur Chauvinismus, Rassismus und Imperialismus vor, sondern parallelisierte sein Urteil auch mit „Geschlechter-Apartheid“ á la Islamischer Republik und rassistischen Lynchmorden in den Südstaaten (Penny, Laurie. Laurie Penny on the Sabbar Kushur verdict: Zionism, chauvinism and the nature of rape, 2010, http://www.newstatesman.com/blogs/laurie-penny/201...; vgl. auch Zarchin, Tomer. Arab Man Who Posed as Jew to Seduce Woman Convicted of Rape, 2010, http://www.haaretz.com/arab-manwho-
posed-as-jew-to-seduce-woman-convicted-ofrape1.302895).
16 Eine interessierte Fehlwahrnehmung.
17 „Not everyone has the same cultural history - and it is offensive at best and actively culturally imperialist at worst to suggest that we all behave as if we do“ (Penny, Laurie. A letter to the German left (Anm. 1)).
18 Ansätze der Intersektionalität gehen erstens davon aus, dass menschenfeindliche Ideologien als „Diskriminierung“ begriffen werden können: somit steht nicht mehr so sehr die Ungleichbehandlung und Ent-Individualisierung als vielmehr die Hierarchisierung von Menschen im Vordergrund. Zweitens wird angenommen, dass die jeweilige Art der „Diskriminierung“ wesentlich mit den Diskriminierten zusammenhänge: bspw. in dem Sinn, dass Diskriminierungserfahrungen als Grundlage von Identitätsbildung verstanden werden. Die dritte und spezielle Säule der Intersektionalität ist die These, dass die Überlagerung mehrerer Diskriminierungsformen nicht einfach als Summe dieser, sondern als spezielle neue Form der Diskriminierung begriffen werden muss.
19 Auch zu antisemitischen Tendenzen innerhalb der Kampagne #ausnahmslos äußerte sich deren prominente Unterzeichnerin Penny nie (vgl. flitz. Laurie Penny – antisemitisch?, 2016, https://flitzsalzburg.wordpress.com/2016/11/18/lau...; Amadeu-Antonio-Stiftung. Kampf für Gleichwertigkeit und Menschenrechte darf Antisemitismus nicht übersehen, 2016, http://www.amadeu-antonio-stiftung.de/aktuelles/20...).
20 Vgl. Penny, Laurie. A letter to the German left

► Textempfehlungen
Horkheimer, Max; Adorno, Theodor W. Elemente des Antisemitismus - Grenzen der Aufklärung, http://www.antisemitismus.net/theorie/adorno-6.htm
Radonić, Ljiljana. Die friedfertige Antisemitin? Kritische Theorie über Geschlechterverhältnis und Antisemitismus, Frankfurt a.M./ Wien 2004
Schwarz-Friesel, Monika. Antisemitismus an Universitäten: die lange Tradition gebildeter Judenfeindschaft, 2016, http://www.audiatur-online.ch/2016/06/16/antisemit...
Stöver, Merle. Fight feel-good feminism, 2016, http://merlestoever.blogspot.de/2016/03/fight-feel...
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