Gefühlt daneben: Ein Kommentar zur Außendarstellung der Stadt Augsburg

Seit die Band „Wanda“, die Amore in Bologna besingt, auf dem Modular-Festival gastierte, ist das Schlagwort in den Sozialen Netzwerken omnipräsent. Inzwischen hat sich die Stadt Augsburg den Hashtag zu eigen gemacht – zuweilen wirkt dies jedoch aufgesetzt. (Foto: Stadt Augsburg)

Die Stadt Augsburg setzt in ihrer Außendarstellung verstärkt auf Persönliches, eine auf hip getrimmte Sprache und ganz viel „Amore“. Passt das? Eine Einschätzung.

Kaminfeuer, karierte Vorhänge, Krüge auf dem Tisch: Ein Ausflugslokal anstelle des Sitzungszimmers wählte Oberbürgermeister Kurt Gribl mit der Kulperhütte als denjenigen Ort, um seine persönliche Halbzeitbilanz zu ziehen. Betont locker geriet folglich auch die Pressemitteilung, die die Stadt Augsburg im Anschluss an den Termin versandte. Neben einem politischen Resümee des Rathauschefs gab es dort Antworten auf ganz persönliche Fragen, wie die nach dem Lieblingsort. „Ehrlich gesagt: Mein Garten zu Hause. Bei der Arbeit dort mit anzupacken, gerne auch ohne Handschuhe, das verschafft mir tiefe Ausgeglichenheit.“

Das Dokument „10 Fragen an Oberbürgermeister Dr. Kurt Gribl“ fügt sich ein in eine Öffentlichkeitsarbeit, die anstatt auf Sachthemen vor allem auf eines zu setzen scheint: Ganz viel Gefühl.

Statements wie von Oscar-Gewinnern

Im persönlichen Rückblick von Ordnungsreferent Dirk Wurm erfährt man, was ihm Kraft gibt: „Neben meiner Familie und vor allem meinen Kindern, die ich besonders nach stressigen Tagen betrachte und denke: Ihr seid es, für die ich jeden Tag Gas gebe – sind es die vielen Bürgerinnen und Bürger, die mich mittlerweile auf der Straße erkennen und meistens ein Anliegen haben.“

Freilich geht es in den Fragebögen, die alle Referenten ausfüllen durften, auch um „politische Erfolge“, die „Vision“ der Politiker oder um deren „Projekte“. Und Statements wie das des Ordnungsreferenten Wurm, die man sonst von Oscar-Gewinnern kennt, wenn sie den Preis entgegen nehmen, sind ja nicht per se verkehrt. Doch wirken sie in einer stadtpolitischen Pressemitteilung, in der es um die Bilanz der ersten Hälfte einer Legislaturperiode gehen soll, doch eher deplatziert.

Amore statt Analyse

Amore statt Analyse, ist offenbar als Motto der Öffentlichkeitsarbeit ausgerufen worden – passend zum Schlagwort „Amore“, das sich Augsburg zu eigen gemacht hat. Der Funke sprang über, als die österreichische Indiepop-Band Wanda auf dem Modular-Festival 2015 gastierte.

Deren Sänger trällert im Lied „Bologna“ ganz unverholen, wie gerne er doch mit seiner Cousine schlafen würde, sich jedoch nicht traue und ja eigentlich auch nicht könnte. Wie auch immer, jedenfalls hat seine Tante in „Bologna Amore gemacht“. – „Wenn jemand fragt, wofür Du stehst: Sag’ für Amore“, ist schließlich die Moral von der Geschicht’. Und dafür steht seither auch Augsburg.

Als wenig später AfD-Politikerin Frauke Petry kurz nach dem „An-der-Grenze-auf-Flüchtlinge-Schießen“-Statement ihrer Parteikollegin Beatrix von Storch den Neujahrsempfang der Augsburger AfD besuchte, entgegnete die Stadt „AmorestattPengPeng“. Sprachlich streitbar, aber doch kindlich-sympathisch.

Die Stadt als Hipster

Seither jedoch überschwemmt einen die Stadt und manch vorderster Politiker mit Amore in den sozialen Netzwerken – Geschmackssache, aber in Ordnung. Doch taucht die Amore auch auf offiziellen Kampagnen auf, wie zuletzt den Plakaten zum Rathausplatz.

Die Stadt als Hipster, als trendbewusster und doch alternativer Jugendlicher – das wirkt mitunter aufgesetzt. Es scheint als orientiere man sich an einer Öffentlichkeitsarbeit wie sie die Berliner Verkehrsgesellschaft betreibt, die ihren Kunden schonmal mit Sprüchen wie „Nicht mal Deine Mudda holt dich um 4.30 Uhr ab“ oder selbstironisch und in Bezug auf die Werbung einer Online-Dating-Seite „Alle elf Minuten kommt ein Fahrzeug der BVG pünktlich“.

Eine wenig originelle Imagekampagne

Auch die Stadt Augsburg probiert sich an einem solchen Weg: Statt handelsüblicher Verbotsschilder versucht sie, Müll und Lärm mit mehr oder minder flotten Plakaten zu verringern. „Amore Amore“ ist eines überschrieben, auf dem der Rathausplatz fordert „Seid lieb zu euch, seid lieb zu mir“. Freilich ist der Versuch nett, nicht mit der Meckerbecker-Keule zu reagieren. Dennoch mutet das Ergebnis eher wie eine wenig originelle Imagekampagne der Stadt an – auch weil man sich fragt, warum man seine kreative Energie in Lösungen für vergleichsweise geringfügige Probleme einer Großstadt einsetzt, wie es lärmende Jugendliche auf öffentlichen Freiflächen, mit Verlaub, nun einmal sind.

Ein paar Ecken weiter, am Königsplatz, sind ganz andere Schwierigkeiten mittlerweile Alltag. Dort halten sich die Drogen- und Alkoholikerszenen sowie zahlreiche beschäftigungslose Jugendliche mit Migrationshintergrund auf. In den Halbzeitstatements werden auf die Frage „Welche Themen werden uns in Augsburg in den nächsten drei Jahren beschäftigen?“ folgerichtig auch die Bereiche Integration, Infrastruktur und Wohnungsmarkt genannt – bevor im nächsten Punkt nach einer Zahl gefragt wird, die für den jeweiligen Referenten und die Stadt eine besondere Bedeutung hat.

Bürgermeisterin und Finanzreferentin Eva Weber nennt „die Zahl 1“, denn für ihre Innenstadt-Initiative „Und jetzt kommst Du“ sei die Stadt Augsburg schließlich im vergangenen Jahr mit dem Stadtmarketingpreis Bayern ausgezeichnet worden. Eine Kampagne, die ihrerzeit noch ohne #Amore auskam.

von Janina Funk und David Libossek
2
Diesen Autoren gefällt das:
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.