Gesichter der Milch-Misere: Landwirte kämpfen gegen niedrige Milchpreise

Sie geben dem Milchprotest im Landkreis Augsburg ein Gesicht: Sechs Bauern aus der Region kamen zum Gespräch mit Landrat Martin Sailer ins Landratsamt. Ulrich Wagner, Felix Frey, Wolfgang Wörle, Franz und Wally Meitinger und Hubert Fischer (von links) fordern Unterstützung im Kampf um faire Milchpreise.

Nachdem am Dienstag bereits einige Landwirte aus dem Landkreis Augsburg gegen die niedrigen Milchpreise protestiert hatten, suchten nun sechs von ihnen Unterstützung im Landratsamt. Das Sextett ist sich einig: „Wir wollen kein Geld vom Staat, wir wollen vernünftige Preise.“ Wie diese zu bewerkstelligen wären und wer für ihre Misere verantwortlich ist, ist für die Landwirte klar.

250 Euro bekommt Felix Frey monatlich. Die verdient er im Stall seines Vaters in Ried bei Dinkelscherben. Die beiden haben 60 Kühe und erwirtschaften mit deren Milch im Monat rund 1250 Euro. 1000 Euro gehen an seinen Vater, seine Mutter arbeitet zusätzlich, um den Hof zu halten. Frey denkt nun selbst darüber nach, eine Familie zu gründen.
Eigentlich wollte der seit Kurzem fertig ausgebildete Landwirtschaftsmeister deshalb in den Betrieb seines Vaters mit einsteigen, diesen vergrößern, damit zwei Familien davon leben können. Einen genehmigten Stallplan für 80 Kühe hat der junge Mann bereits. Doch die Finanzierung des größeren Betriebs macht ihm Angst. „Schon jetzt fehlt uns so viel Geld, dass ich nicht sagen kann, dass das in Zukunft klappt“, erzählt er. Vorerst wird er weiter nebenher für 450 Euro in einer Zimmerei jobben. „Ich muss ja über die Runden kommen.“

Drei Euro Stundenlohn


Grund für Freys Unsicherheit und die schlechte Lage des Betriebs ist der Milchpreis. „26 Cent sind es momentan pro Liter“, erklärt Wally Meitinger. „40 Cent müssten es mindestens sein, damit unsere Grundkosten gedeckt sind.“ Meitinger führt gemeinsam mit ihrem Mann Franz einen Hof in Dinkelscherben. Zum Gespräch mit dem Landrat hat die Kreisverbands-Vorsitzende des Bundesverbandes Deutscher Milchviehhalter konkrete Zahlen mitgebracht, um ihre Lage zu verdeutlichen. Im April 2014 habe sie für 60 000 Liter gelieferte Milch rund 27 000 Euro bekommen, im April 2015 seien es für dieselbe Menge noch 22 000 Euro gewesen, 2016 noch etwa 18 000 Euro. Diese Verluste gelten nicht nur für ihren Hof: „46 Millionen Euro Milchgeld hat der Landkreis Augsburg 2015 verloren“, macht Meitinger deutlich, welche Auswirkungen die Milchpreise für die Bauern im Landkreis haben.
Auch Landwirt Wolfgang Wörle aus Breitenbronn hat ein Zahlenbeispiel vorbereitet: „Ein Zimmerer aus meinem Bekanntenkreis bekommt pro Stunde 45 Euro für seine Arbeit und hat etwa 100 000 Euro in seinen Betrieb investiert. Ein Elektriker bekommt 50 Euro pro Stunde und hat 35 000 Euro in seine Selbstständigkeit gesteckt. Ich habe 1,5 Millionen investiert und bekomme momentan drei bis fünf Euro pro Stunde.“
Es kämen nicht zuletzt wegen solcher Aussichten bereits jetzt keine jungen Landwirte mehr nach, die sich das freiwillig antun würden. In den gesamten Stauden und im Zusamtal sei sein Sohn der Einzige in der Meisterausbildung, sagt Wörle. „Viele Landwirte müssen aufgeben. In 20 Jahren wird man unsere Dörfer nicht mehr wiedererkennen.“
Wörle selbst hat noch im Jahr 2015 seinen Hof vergrößert. Doch aufgrund der niedrigen Milchpreise habe er nur „mehr Kühe, mehr Stress und trotzdem weniger Geld“. Wie die anderen Bauern fordert Wörle eine dauerhafte Lösung: „Wir wollen nicht alle zwei Jahre bei der Politik ankommen und Geld fordern. Dann heißt es wieder: Ihr kriegt doch ständig was.“

Nachhaltiges Konzept


Für ein nachhaltiges Konzept soll die Milchmenge reduziert werden, sind sich die Landwirte einig. Auch die Agrarministerkonferenz hat im April entschieden, die Bauern diesen Schritt zunächst freiwillig gehen zu lassen. Pro eingespartem Liter soll es 30 Cent Entschädigung geben. Für die Landwirte ein guter Anreiz, liegt dieser Betrag doch über dem aktuellen Milchpreis von 26 Cent. Wenn es mit der Freiwilligkeit nicht klappt, soll die Mengenreduzierung ab dem Sommer Pflicht werden – entschädigungslos.
Die sechs Bauern unterstützen diesen Beschluss des Ministeriums. Die Umsetzung allerdings kritisieren sie vehement. Im Fokus ihrer Kritik steht dabei Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU). „Der Minister tut nichts und schiebt die Umsetzung des Beschlusses immer wieder auf“, schimpfen die Milchviehhalter.
Landrat Martin Sailer will sich nun in Briefform an Christian Schmidt, den bayerischen Ministerpräsident Horst Seehofer und Landwirtschaftsminister Helmut Brunner wenden. Neben Fakten, Zahlen und den Vorwürfen zur mangelhaften Umsetzung des Konzeptes will er auch die persönlichen Geschichten der Landwirte in sein Schreiben aufnehmen. Die konkreten Beispiele erzeugen mehr Betroffenheit, hofft der Landrat. „Ich setze mich für Euch ein“, sichert er den Milchbauern zu. Versprechen könne er freilich nichts.

Kristin Deibl
0
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.