Gutachten zur Freilichtbühne: Nie mehr Haindling am Roten Tor?

Unsichere Zukunft: Für die Freilichtbühne am Roten Tor fehlt eigentlich eine Baugenehmigung. Die Produktionen des Theaters genießen allerdings Bestandsschutz. Foto: David Libossek

Augsburg - Die Nutzung der Freilichtbühne ist schon länger ein Streitpunkt zwischen Stadt und freien Veranstaltern. Nun liegt erstmals ein Gutachten vor und dessen Aussage zufolge könnte die Freilichtbühne in den kommenden Jahren nur noch vom Theater Augsburg bespielt werden. Konzerte wie der Auftritt von Haindling und die Abba-Nacht in diesem Jahr wären dann nicht mehr möglich. Doch endgültige Klarheit in den Streit hat auch das Gutachten nicht gebracht.

"Es ist keine ganz einfache Fragestellung", beginnt Martin Engelmann seine Erläuterungen zum Gutachten. Er und sein Kollege Ulrich Numberger arbeiten für die Münchner Kanzlei Messerschmidt, Dr. Niedermeier und Partner und haben das Gutachten für die Stadt Augsburg erstellt. Im Werkausschuss "Theater Augsburg" dürfen sie ihr Gutachten vorstellen. Engelmann, ein offensichtlich noch sehr junger Rechtsanwalt, ringt immer wieder um die richtigen Worte, um den komplexen Sachverhalt darzulegen. Eine der wichtigeren Aussagen: Für die Freilichtbühne am Roten Tor gibt es keine Baugenehmigung. Seit 1929 nutzt das Theater das Gelände als Spielstätte. Die damals nötigen rechtlichen Grundlagen stammten aus dem Jahr 1901 - eine Genehmigung nach heutiger Vorstellung war damit nicht verbunden. Warum darf das Theater dann trotzdem Jahr für Jahr den Sommer mit einer Freilichtbühnen-Produktion verschönern?

"Hier gilt ein Bestandsschutz", führt Engelmann aus. 1962 sei das bayerische Baugesetz zwar erneuert worden, doch die bisherige Nutzung wurde weiterhin gestattet - in qualitativer und quantitativer Hinsicht.

Ein zweiter, nicht minder komplizierter Aspekt ist die immissionsrechtliche Beurteilung oder besser: der Lärmschutz für die Anwohner. Hier stehen sich das historisch gewachsene Angebot des Theaters und die sehr nahe Wohnbebauung gegenüber. Schwierig ist eine Lösung, weil es für Freilichtbühnen keine spezielle Verordnung gibt. Lediglich eine Freizeitlärmrichtlinie helfe hier weiter, so Engelmann. Solange man sich an dieser orientiere, sei man "in einem relativ rechtssicheren Bereich". Allerdings ist diese Richtlinie offenbar alles andere als konkret, fasst Engelmann doch als Quintessenz zusammen, dass man gegenseitig Rücksicht nehmen müsse. Heißt: Innenstadtanwohner müssen mit der traditionsreichen Geräuschkulisse leben. Das bedeutet aber auch, dass eine Ausweitung des Angebots auf der Freilichtbühne unter diesem Aspekt nicht möglich scheint, ohne sich für Klagen angreifbar zumachen.

Noch gravierender erscheinen die baurechtlichen Konsequenzen, sollte die Stadt auf der Freilichtbühne mehr wollen, als vom Bestandsschutz abgedeckt ist. Denn dann müsste die Bühne in ein Baugenehmigungsverfahren gehen, warnt Anwalt Numberger. Die Stadt müsste also einen Bauantrag stellen und sämtliche Belange - nicht zuletzt die Verkehrssituation vor, nach und während der Aufführungen am Roten Tor - würden dann abgeprüft. Aber schon allein am bestehenden Bebauungsplan würde dieses Vorhaben scheitern, wie Numberger ausführt. Denn der verbiete aktuell an dieser Stelle gewerbliche Nutzung - auch wenn CSU-Fraktionsvorsitzender Bernd Kränzle trotzig dagegen hält: "Dann ändern wir halt den Bebauungsplan."

Doch ob sich die Stadt darauf einlässt, ist höchst fragwürdig. Denn schlimmstenfalls darf auf der Freilichtbühne gar nichts mehr aufgeführt werden, wenn die Anforderungen für die Baugenehmigung nicht erfüllt werden könnten. Er könne nur davon abraten, in ein Genehmigungsverfahren zu gehen, warnt Numberger.

Und so bleibt für ihn und Engelmann nur der Schluss, dass die Fremdvermietung der Freilichtbühne eben nicht vom Bestandsschutz gedeckt sei, mit allen möglichen baurechtlichen und immissionsrechtlichen Konsequenzen.

Kulturreferent Thomas Weitzel sieht sich damit in seiner Position bestätigt, ist froh über die Klarstellung, "weil die Anfragen von Veranstaltern immer da sind". Gleichwohl räumt er ein, dass man sich hier in einem äußerst schwierigen ordnungsrechtlichen Bereich bewege. Ist für die freien Veranstalter also doch noch nicht jede Hoffnung verloren?

So will es zumindest Konzertveranstalter Lothar Schlessmann verstehen. Ihm war es in diesem Jahr gelungen, mit einem dringenden Appell direkt an Oberbürgermeister Kurt Gribl ein Haindling-Konzert auf der Freilichtbühne durchzusetzen - unter strengen, selbst gewählten Auflagen, wie etwa das Konzertende um 22 Uhr. Verpasst wurde allerdings die Chance, Gerhard Polt mit den Toten Hosen nach Augsburg zu holen, aktuell besteht die Möglichkeit, die Erste Allgemeine Verunsicherung am Roten Tor auftreten zu lassen. Doch dafür bräuchte Schlessmann auch eine baldige Entscheidung, doch diese trifft der Werkausschuss nicht. "Es wird wieder auf die lange Bank geschoben", befürchtet der Veranstalter, der stark bezweifelt, dass ein oder zwei Konzerte zusätzlich den Bestandsschutz aushebeln. Tatsächlich ist diese Frage eben auch nicht abschließend durch das Gutachten behandelt. Konzerte von Fremdveranstaltern sind auf der Freilichtbühne auch schon seit bald 20 Jahren üblich.

Schlessmann jedenfalls will nicht wahrhaben, dass auf "einer der schönsten Freilichtbühnen Deutschlands" keine Erwachsenenunterhaltung möglich sein soll. Mit OB Gribl wusste er zuletzt einen mächtigen Fürsprecher an seiner Seite. Letztendliche Gewissheit darüber, was geht und was nicht, wird es aber ohnehin nur auf einem Wege geben. "Im Streitfall muss das Gericht entscheiden", sagt Anwalt Ulrich Numberger. (
Von Markus Höck)
1
Einem Autor gefällt das:
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.