"Huren-Hauptstadt": Ein zweifelhafter Ruf

Wenn es nach der „Welt am Sonntag“ geht, ist Augsburg die Stadt mit der „größten Hurendichte Deutschlands“. Zwischen 600 und 700 Prostituierte leben in der Fuggerstadt, etwa 244 je 100 000 Einwohner. Ist Augsburg besonders attraktiv für das horizontale Gewerbe? Die StadtZeitung fragte bei Polizeisprecher Manfred Gottschalk nach.

Die Zahlen, auf die sich die „Welt am Sonntag“ bezieht, stammen von der Polizei. In Augsburg kümmert sich ein ganzes Fachkommissariat, das sogenannte K1, neben Tötungsdelikten, Bränden und schweren Betriebsunfällen auch um die Prostitution. Wie viele Beamte das sind, will Gottschalk nicht verraten, aber „es ist ein sehr großes Kommissariat“. Die Kriminalbeamten gehen Anzeigen wegen Vergewaltigung und sexueller Nötigung nach, arbeiten mit Beratungsstellen zusammen und führen Kontrollen in der „Szene“ durch.

Es geht um Zwangsprostitution und Menschenhandel. 13 Ermittlungsverfahren mit 63 Opfern haben die Beamten in den vergangenen fünf Jahren in die Wege geleitet, die meisten der 47 Täter sitzen bereits hinter Gittern. Das klingt nach viel, doch Augsburg ist laut Gottschalk nicht interessanter für Schlepperbanden und Zuhälter als andere Städte: „Wir tun, was in unserer Macht steht, doch der Kern des Problems liegt wo anders.“

Dass die Polizei, gemessen an der Einwohnerzahl, auf eine recht hohe Anzahl von Prostituierten kommt, liegt laut Gottschalk nicht etwa daran, dass Augsburg eine Hochburg ist, sondern dass sich die Polizei um das Problem kümmert. „Das Thema ist bei uns präsent“, erklärt er. Mit der käuflichen Liebe verhalte es sich ähnlich wie mit der Drogenkriminalität: „Das ist ein Überwachungsdelikt. Wenn man viel ermittelt, steigt die Anzahl der Delikte. Wenn wir nicht ermitteln würden, hätten wir eine bessere Statistik.“

Gottschalk hat noch etwas Anderes auszusetzen an den Zahlen, die die „Welt am Sonntag“ präsentiert: „Die darf man nicht an der Einwohnerzahl von Augsburg messen, sondern am gesamten Ballungsraum. Und der hat mehr als 500 000 Einwohner. Damit liegen wir im Mittelfeld.“

Seit der Straßenstrich verboten ist, ist das Rotlichtmilieu in die Wohngegenden abgewandert. 130 Bordellwohnungen gibt es in der Fuggerstadt, verteilt auf das gesamte Stadtgebiet. Hinzu kommen elf Bordelle. Die Befürchtungen, dass sich das Elend der Zwangsprostituierten von der Straße in Wohnungen verlagert, hätten sich nicht bestätigt: „Wohnungsbordelle hat es zuvor auch schon gegeben.“ 80 Prozent der Damen im horizontalen Gewerbe stammen aus dem Ausland, die meisten von ihnen aus Osteuropa. „Die Mädchen kommen mit ganz falschen Vorstellungen nach Deutschland“, weiß Gottschalk. Doch die Polizei könne hier nur begrenzt eingreifen.

In der „Huren-Hauptstadt“ kümmert sich nicht nur die Polizei um die Prostitution, sondern auch der Kriminalpräventive Rat. Geschäftsführerin Diana Schubert wertet die Schlagzeile „Augsburg misst die höchste Hurendichte Deutschlands“ ähnlich wie Gottschalk: „Die Zahlen sind überhaupt nicht belastbar. Sie beziehen sich nur auf das Stadtgebiet, nicht auf das Umland.“ Die Statistik sei „schlecht recherchiert“, die Zahlen der Städte untereinander nicht vergleichbar.

Mit dem Verbot des Straßenstrichs hat ein Arbeitskreis des Kriminalpräventiven Rats ein „Gesamtkonzept zur Verbesserung der Situation der Prostituierten in Augsburg“ erarbeitet. Es liegt schon fertig in der Schublade und wird am 11. Dezember dem Allgemeinen Ausschuss präsentiert. „Wir sind auf der kommunalen Ebene sehr eingeschränkt“, stellt Schubert fest. Das Konzept umfasst Vorschläge für Maßnahmen im Bund, in den Ländern und auf kommunaler Ebene. „Das hat bisher noch keine Kommune gemacht“, sagt Schubert und klingt ein wenig stolz. Außerdem will die Verwaltung dem Stadtrat eine Resolution für den Bundestag vorlegen. Die „Huren-Hauptstadt“ als Impulsgeber für ein verbessertes Prostitutionsgesetz?
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