Innenstadt: Wohin mit den Kindern?

Kerstin Hofmann von der Elterninitiative und Sozialreferent Stefan Kiefer suchten im vergangenen Sommer nach alternativen Standorten. Die vermeintlichen Lösungen zerschlugen sich allesamt.
In der bunten Infobroschüre zur Kinderbetreuung in Augsburg lächelt Sozialreferent Stefan Kiefer zufrieden von einem Foto. Die Gesichtsausdrücke von Verena Hörmann und Kerstin Hofmann geben derzeit ein anderes Bild ab: Enttäuschung, Ärger, Fassungslosigkeit spiegeln sich in den Mimiken der beiden Frauen von der Elterninitiative St. Anna wider. Auslöser der Emotionen ist die inzwischen fast schon unendliche Geschichte des ersatzlos geschlossenen Kindergartens, der lange im Diako-Gebäude an der Frölichstraße untergebracht war. Im Sommer 2014 wurde die St.-Anna-Kita dicht gemacht, der evangelische Träger wollte die Räume anderweitig nutzen. Zahlreiche Alternativen waren seither im Gespräch. Doch das innerstädtische Stadtjägerviertel ist seit nunmehr fast zwei Jahren kita-freie Zone.

Kürzlich verkündete die Stadt einen erneuten Rückschlag bei der Suche nach einem neuen Standort. Darüber informiert worden, dass ein Ersatzbau nördlich des Plärrerbads nun doch nicht möglich ist, seien sie nicht, klagt die Elterninitiative. Es gebe „keine Kommunikation, kein Miteinander“, sagt Verena Hörmann und erinnert an eine Informationsveranstaltung im vergangenen Sommer, auf der Stefan Kiefer angekündigt hatte, die Standort-Suche transparent zu gestalten. Sie frage sich inzwischen, ob dem Sozialreferenten und dritten Bürgermeister schlicht die Hände gebunden seien in seiner Position als Referent der Stadt.

Die Gründe, die nun gegen das Areal Plärrerbad-Nord ins Feld geführt würden, sind für die Eltern fadenscheinige. Die Stadt nennt eine Zufahrt, die für Chloranlieferungen freigehalten werden müsse und Verträge mit der Localbahn, die den Platz einschränkten. Hörmann schüttelt dazu nur den Kopf. „Das hätte man ja wohl auch vorher wissen können.“

Kiefer selbst zeigt sich überrascht über die Härte der Vorwürfe. Erst im Zuge einer aufwendigen Prüfung habe man feststellen müssen, dass „wir hier leider nicht zum Ziel kommen“. Die Fläche reiche letztendlich nicht aus. „Da sagt es sich als Außenstehender leicht, was man angeblich immer schon alles vorher hätte wissen sollen.“

Die Eltern sehen das freilich anders: „Häppchenweise je Halbjahr werden wir mit einer neuen Alternative vertröstet, die angeblich möglich sei, und dann geht es doch wieder aus irgendwelchen Gründen nicht“, sagt Kerstin Hofmann. Der Bezug zur Realität der Eltern, die ihren Nachwuchs in weit entfernte Einrichtungen fahren müssten oder die Kinder aus der Not heraus gleich ganz zu Hause betreuen würden, fehle den Politikern. Hofmann und Hörmann erzählen von Müttern, die nicht mehr zurück in ihren Beruf könnten und Kindern aus prekären Familienverhältnissen, für die ein Kita-Aufenthalt doch so wichtig wäre. Und die beiden ärgern sich über die bunten Broschüren der Stadt. Die Flyer seien ein Schlag ins Gesicht für Eltern aus dem Stadtjägerviertel. Ohnehin seien die Kitas und Kigas der Innenstadt fast ausschließlich Einrichtungen kirchlicher oder privater Träger. Die Stadt, so der Vorwurf, komme ihrer kommunalen Pflichtaufgabe nicht nach.

„Wir sind nicht nur Durchgangsviertel zum Theater“


Mit der Weiterreichung von jährlich rund 40 Millionen Euro komme man dieser Aufgabe sehr wohl nach, beteuert hingegen Kiefer. Als dreifacher Familienvater sei er Sozialreferent aus Überzeugung. „Wir machen bei dieser Aufgabe auch keine Wertungsunterschiede zwischen den Kindern unterschiedlicher Stadtteile.“
Für Marion Treiß, die einst die Kita leitete und inzwischen in Leitershofen arbeitet, ist das Stadtjägerviertel allerdings eindeutig benachteiligt. „Wir sind nicht nur ein Durchgangsviertel zum Theater“, sagt sie und spielt auf die gigantischen Kosten der Sanierung des Kultur-Hauses an. Sie lacht. „Die Spitze konnte ich mir jetzt nicht verkneifen.“

Treiß spricht von einer „Hinhaltetaktik, die ihresgleichen sucht“. Gemeinsam mit Hoffmann und Hörmann kämpft sie für das Erbe von St. Anna – und für die vielen Familien, die sich selbst nicht artikulieren könnten, etwa wegen Sprachbarrieren. „Wir haben hier im Stadtjägerviertel viele Menschen mit Migrationshintergrund, hinzu kommen nun viele Flüchtlingsfamilien – sie alle werden alleine gelassen“, kritisiert Hofmann. „Es wird ein Brennpunkt geschaffen“, warnt auch Treiß.

Verena Hörmann blättert durch ihre Dokumenten-Sammlung. Briefe, Kopien von Medienberichten, ausgedruckte Mails: Vor der Kommunalwahl hätten sich alle Parteien für die Eltern einsetzen wollen, erzählt Hörmann. Doch dann sei alles anders gekommen. „Die Politik der Stadt ist in perfektem Einklang mit der Herdprämie“, konstatiert die Mutter zweier Kinder. Die beste Alternative zur Zuhause-Betreuung ist für die Elterninitiative nach wie vor das Grundstück an der Kesterstraße am Senkelbach. Eine „sensible Bebauung mit einem Kindergarten auf der Parkplatzfläche wäre die Chance für eine Wald-Kita mitten in der Innenstadt“, resümiert Hörmann. Doch Parkmöglichkeiten und Biotope, kritisiert sie, seien der Stadt wichtiger als eine Unterkunft für die St.-Anna-Kinder.

Die Tonlage Hörmanns pendelt zwischen resigniert und kämpferisch. „Da wird sich nichts mehr tun, die Stadt sitzt das aus“, sagt sie – und will dennoch unbequem bleiben. „Inzwischen geht es auch ums Prinzip.“ Zumal der Kita-Schwund in der Innenstadt ja weitergehe.

Die Frage ist nur: Wo?


Zum Ende des vergangenen Schuljahrs wurde etwa das Kinderhaus Kolibri der Kresslesmühle geschlossen; ein neuer Träger blieb aus, die Stadt übernahm den Hort aus „förderungstechnischen Gründen“ nicht, die Kinder mussten auf andere Einrichtungen ausweichen. Der Kindergarten St. Johannes im Nachbarbezirk „Rechts der Wertach“, für den ein Anbau angedacht war, um dort die Kinder aus dem Stadtjägerviertel mitunterzubringen, steht derzeit womöglich vor der Schließung. Es gebe Probleme mit dem berühmt-berüchtigten Brandschutz heißt es aus internen Kreisen. Bestätigen können dies jedoch weder Kiefer noch der Träger der Kita. Das Gebäude sei aber eindeutig sanierungsbedürftig.

„Es gibt keine Vorgaben der Stadt für St. Johannes“, sagt Kiefer. „Wir wollen diese Kita auf keinen Fall verlieren. Aber ein Ersatzbau für St. Johannes an anderer Stelle könnte objektiv Verbesserungen bringen und wäre daher für alle Beteiligten interessant.“ Die Frage ist nur: Wo?
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