Kommentar: Über die Gräueltaten der Nazis kann man nicht "zu oft" stolpern

Der Stolperstein von Wilhelmine Hausmann wird in Augsburg nicht verlegt. Die Widerstandskämpferin überlebte die NS-Zeit. Für ihren Ehemann Leonhard Hausmann hingegen ist nahe des Oberhauser Bahnhofs ein Stein in den Gehsteig eingelassen worden. (Foto: David Libossek)

Die Debatte um die Stolpersteine in Augsburg wird emotional geführt. Dass diskutiert wird, ist einerseits gut, doch die Art und Weise muss sich ändern. Ein Kommentar.

Über die Erinnerung an Opfer des Nationalsozialismus kann man gar nicht oft genug stolpern. Ob über die Namen Ermordeter, Verfolgter oder Drangsalierter - die abscheulichen Taten der Nazis waren so erschreckend vielfältig wie deren Motive. Religiöse oder politische Gründe, Herkunft, Gesundheitszustand oder Sexualität. Diese Erinnerung darf nicht aussterben. Dieser Erinnerung verdankt Deutschland einen Teil seiner Identität. Und diese Erinnerung wird gerade von rechten Parteien attackiert.

Dass in Augsburg derzeit eine Diskussion um die Stolpersteine von Gunter Demnig geführt wird, ist deshalb einerseits gut. Auch durch derlei Debatten bleiben die Gräueltaten der NS-Zeit in den Köpfen. Andererseits muss die Art und Weise hinterfragt werden und das vergiftete Klima enden.

Unhaltbarer Vorwurf gegen Kulturreferent Weitzel

Dass die Initiativen Kulturreferent Thomas Weitzel vorhalten, er würde Überlebenden den Opferstatus absprechen, weil er und der Fachbeirat ihnen einen Stolperstein verwehren, ist ein unhaltbarer Vorwurf.

Die Stadt täte jedoch ihrerseits gut daran, den Initiativen stärker das Gefühl zu geben, dass man sie ernst nimmt. Sie setzen sich schließlich ehrenamtlich und aus tiefer Überzeugung für den Erhalt der Erinnerung an Augsburger NS-Opfer ein. Dass OB Kurt Gribl an der Verlegung des Steins für Leonhard Hausmann teilnahm, ist ein Anfang.

Sollte man den Stolperstein-Initiativen mehr Vertrauen entgegenbringen?

Jetzt wäre ein neuerlicher Dialog nötig und ein sachlicher Diskurs. Darüber, ob die Initiativen wirklich die Stadt mit Stolpersteinen zupflastern würden, machte man Ausnahmen für Überlebende. Darüber, ob man ihnen bei der Auswahl der Personen für die Erinnerungszeichen nicht mehr Vertrauen entgegen bringen, sie möglicherweise dabei unterstützen kann. Und darüber, ob es beim Erinnern an die Gräuel der NS-Zeit wirklich ein "zu oft" gibt.
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Klaus Stampfer aus Augsburg - City | 18.10.2017 | 19:21  
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