Konzept für Halle 116: In Augsburg fehlt ein Museum zur Stadtgeschichte

Die eher unscheinbare Halle 116 hat eine bewegte Vergangenheit. Foto: Markus Höck/Archiv

Teil einer Wehrmachtskaserne, Unterkunft für Zwangsarbeiter aus dem KZ Dachau und schließlich Garage der US-Armee - die Halle 116 auf dem Gelände der ehemaligen Sheridan-Kaserne steht symbolisch für einen drastischen Wendepunkt in der Augsburger Stadtgeschichte. Die Stadt weiß aber noch immer nicht, wie sie mit diesem Denkmal umgehen soll.

Seit 2003 verfolgen Bürger und Verwaltung konkret das Ziel, aus der Halle 116, wie das Gebäude bezeichnet ist, ein Museum zu machen. Die Frage war seitdem, an welchen Aspekt der Augsburger Geschichte mit der Halle erinnert werden sollte: Eine Gedenkstätte für die Zwangsarbeiter der Messerschmitt-Werke? Erinnerung an die amerikanische Militärpräsenz in Augsburg?

Sowohl als auch. Das empfiehlt Professor Gassert vom Historischen Institut der Universität Mannheim. Er hatte von der Stadt den Auftrag erhalten, eine Konzeption für das Gebäude auszuarbeiten. Er empfiehlt, sich das Jahr 1945 als "zentrales inhaltliches Scharnier" zu wählen: Es verbindet die Befreiung der Stadt durch die Amerikaner mit der Terrorherrschaft des Nazi-Regimes.

Weiter soll die Halle 116 als regionales NS-Dokumentationszentrum dienen. Schließlich war sie ein Außenlager des Konzentrationslagers Dachau. Zudem fehle eine solche Einrichtung für die Region schon länger.

Als dritten Aspekt würde Professor Gassert "Amerika in Deutschland" aufgreifen und schließlich die Halle 116 auch als Lernort Frieden entwickeln, um den Bezug zur Friedensstadt Augsburg herzustellen.

Gassert denkt dabei an eine klassische museale Umsetzung mit einer Dauerausstellung und wechselnden Sonderausstellungen.

Doch von anderer Seite werden dieser Umsetzung wenig Erfolgsaussichten eingeräumt. Jan-Christian Warnecke ist Leiter der Ausstellungskoordination des Landesmuseums Württemberg und er wurde gebeten, sich das Konzept zur Halle 116 anzusehen.

Warnecke warnt nun vor falschen Erwartungen, was die Nutzung eines wie auch immer gearteten Museums an dieser Stelle anbelangt. "Laut statistischer Erhebung des Instituts für Museumsforschung in Berlin, haben zwei Drittel aller Museen in Deutschland weniger als 25 000 Besucher pro Jahr", macht Warnecke deutlich. Bei 300 Öffnungstagen und einer Betriebszeit von sieben Stunden pro Tag ergibt das ein Besucheraufkommen von circa elf Besuchern in der Stunde. Für die Halle 116 würden sich daher von vornherein eingeschränkte Öffnungszeiten anbieten, meint Warncke. Doch selbst die angesetzten 25 000 Besucher sind nach Warneckes Meinung nur zu erreichen, wenn eine "ausreichende Strahlkraft auch in die Region entwickelt werden kann". Warnecke empfiehlt daher für eine detailliertere Ausarbeitung des Konzepts, sich vorher intensiv mit den Zielgruppen zu beschäftigen.

Und Warnecke gibt noch einen anderen wichtigen Punkt zu bedenken: Die Halle 116 würde nur einen Teil der Stadtgeschichte behandeln - wie viele andere Einrichtungen in der Stadt auch.

"Augsburg verfügt bisher über keinen Ort, an dem die Stadtgeschichte durchgängig von den Anfängen bis in die jüngere Vergangenheit erfahrbar gemacht wird", gibt Warnecke zu bedenken. Die Folge seien eine Vielzahl von Angeboten, die auf einzelne Epochen oder Aspekte der "überaus reichen Stadtgeschichte" Bezug nehmen. "Der Lernort Halle 116 wäre ein weiteres Element in diesem Reigen", so der Museumsexperte aus Stuttgart.

Seine Empfehlung daher: Die Halle 116 als Ort der Erinnerung bewahren durch außen angebrachte Grafikträger, auf denen die Geschichte des Gebäudes erklärt wird. Gleichzeitig aber sollten sich die Augsburger ernsthaft Gedanken machen über eine Einrichtung, die sich mit der Stadtgeschichte insgesamt befasst - auch vor dem Hintergrund, dass für das Römische Museum ein Neubau entstehen soll.

Doch ganz so weit wollte der Stadtrat dann in seiner Sitzung am Donnerstag nicht in die Zukunft blicken. Zumindest soll an der Halle 116 jetzt eine Informationstafel angebracht werden und die Stadt soll das Grundstück von der eigenen Tochter, der Augsburger Gesellschaft für Stadtentwicklung (AGS), kaufen. Und weiter wird nun referatsübergreifend ein Nutzungskonzept für das Gesamtgebäude erstellt. Priorität hat ein "didaktisch aufbereiteter Lern- und Erinnerungsort".
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