Landwirte demonstrieren: "Ich bin kein Schwein"

Ferkel, Banner, Hip Hop: Schwabens Bauern kämpfen in Augsburg um ihren Ruf. Sie und ihre Arbeit würden in der Öffentlichkeit gar kriminalisiert. Eine Diskussion abseits des Protests zeigt, wie schwer es Landwirte im heutigen Ernährungsdschungel haben - und dass der Schritt nach vorne der richtige ist.

Sieben Ferkel pferchen sich in einer Ecke zusammen. Sie stapeln sich beinahe übereinander. Bauch auf Rücken, Rüssel an Hintern. Sie suchen die Nähe der anderen. Deshalb reicht ihnen einer der acht Quadratmeter Stallfläche. Über den Tieren drehen sich blaue, gelbe und grüne Formen. Wie ein übergroßes Mobile sieht das baumelnde Ferkel-Spielzeug aus. Eine Apparatur, die an einen Kaugummiautomaten erinnert, spendet Futter. Ein Heutrog komplettiert die Einrichtung.

Die Box befindet sich jedoch nicht auf dem Gelände eines landwirtschaftlichen Betriebes. Das Ferkel-Zuhause ist auf einem Anhänger nachgebildet worden. Der Schriftzug "Schweinemobil" prangt darauf. Der Bauernverband, kurz BBV, hat den rollenden Saustall mitgebracht. Mit der Aktion wollen die Landwirte Transparenz schaffen, zeigen: So sieht sie aus, die Realität auf den Bauernhöfen Schwabens, die Schweinefleisch produzieren - lasst uns darüber diskutieren.

"Konventionelle Landwirtschaft hat negativen Beigeschmack"


Dafür ist auch Franz Mitterberger hier. Er ist von der VVG Oberbayern und Schwaben, der Viehvermarktungsgenossenschaft. 14.000 Bauern sind in ihr organisiert. Mitterberger ist der Mann fürs Schwein. Nun passt er die Leute ab, die anhalten, um einen Blick auf die Ferkel zu werfen. "Was halten Sie davon?", ist seine Einstiegsfrage, während Mitterberger in Richtung des Modelstalls deutet. "Gar nicht gut", antworten die meisten.

Eh klar, meint Mitterberger. Die Kritiker bleiben eben stehen, meckern über die Schweinerei. Fleischesser interessiere das Ganze wenig. Doch für alle Skeptiker und "Besserwisser" (so schreibt der BBV in der Einladung) ist er heute ja aus Donauwörth nach Augsburg gekommen. Der Mann im rot-weiß-karierten Hemd findet wie viele seiner Kollegen, dass "konventionelle Landwirtschaft einen negativen Beigeschmack" habe. Es herrsche nun einmal keine Idylle mehr auf den meisten Höfen. 38 Kilogramm Fleisch verzehre ein Deutscher im Jahr - allein vom Schwein - sagt er und fragt indirekt: Wo soll das alles herkommen? Und vor allem billig solle es für das Gros der Verbraucher ja auch sein - und gleichzeitig ertragreich für den Bauern.

Das Schwein ist ein Tier, "so lange bis es vakuumverpackt ist"


Massentierhaltung wäre jedoch eine Frage der Definition, findet Mitterberger. Zwar seien die Einheiten größer geworden, "aber das Tier fühlt sich auch im modernen Stall wohl". Und das sei für ihn wichtig, denn selbst als Schweinevermarkter betrachte er das "Nutztier Schwein" als Tier. "So lange bis es vakuumverpackt ist." Ob er glaube, dass die Ferkel auf dem Anhänger glücklich sind, will eine Passantin wissen. "Das kann ich nicht sagen", entgegnet Mitterberger ehrlicherweise, "ich bin kein Schwein".

Ein paar hundert Meter weiter, am Rathausplatz, sammeln sich rund 200 von Mitterbergers Landwirtschaftskollegen. Sie streifen neongelbe Warnwesten über. "Wir machen Euch satt" steht darauf oder "Der Landwirt. Dein Partner". Aus Boxen wummt Hip Hop, der vom Leben auf dem Bauernhof erzählt, und schallt über ein paar gleichgültig dreinblickende Punks hinweg. Auf Transparenten beklagen manche gar, kriminalisiert zu werden. Abwechselnd schildern Landwirte aus ganz Schwaben am Mikrofon die Verhältnisse daheim.

Die Bauern wollen greifbar werden; den Mensch hinter den Tieren sichtbar machen. Und sie müssen sich positionieren in Zeiten von Bioprodukten und Billigfleisch - eine Mammutaufgabe. Es herrscht Redebedarf. Und dafür kommt die Gegendemo gerade Recht.

Die Gegendemo: Eine einzelne Veganerin


Naja, eigentlich handelt es sich mehr um eine Interessensvertretung, gebildet von einer einzelnen Veganerin. Martina Greiter hatte eigentlich mit mehr Mitstreitern gerechnet, hatte doch eine vegane Gruppe auf Facebook zum Protest aufgerufen. Mittwochmittag ist aber nun einmal für viele eine ungünstige Zeit. So weilt Greiter am Rand der Gelbbewesteten und lauscht mit verschränkten Armen den Ausführungen der Landwirte.

"Ich bin seit 31 Jahren Vegetarierin, seit einem halben Jahr lebe ich vegan", erzählt die personifizierte Gegendemo. Das heißt: Auf ihrem Speiseplan stehen keine tierischen Produkte, wie Milch, Eier und freilich Fleisch. Seitdem sei ihre Migräne weg, sie fühle sich fitter und Mittagstiefs gehören der Geschichte an. Wenn sie erzählt, verwendet sie immer wieder das Wort "easy". Der Verzicht, das Einkaufen, Kochen und Backen - alles ganz einfach.

Veganer haben schnell ein Besserwisser-Image


"Mich motiviert auch der ökologische Gedanke. Etwa, dass für ein Kilo Rindfleisch 16 Kilo Getreide und 20.000 Liter Wasser nötig sind." Auch das ist eine Zutat der veganen Ernährung: das Hinterfragen. Das hinterlässt jedoch einen ungewollten Beigeschmack. Wenn Veganer dozieren, fühlt sich so mancher Fleischesser allzu schnell belehrt. Und schon heftet an ihnen eben jenes Etikett des "Besserwissers".

Greiters Ausführungen zeigen allerdings, wie vielschichtig das Thema Ernährung ist - und die Landwirte stecken mittendrin. Etwa, wenn es heißt, dass durch das viele Antibiotikum im Fleisch bald einfache Krankheiten nicht mehr heilbar wären. "Wir fahren uns zurück ins Mittelalter", warnt die 49-Jährige gerade, da interveniert eine Frau in Gelb.

"Der Landwirt ist immer der, der schlecht ist"


"Wir setzen das nicht ein, wie wir lustig sind." Die Unterbrecherin ist Stephanie Kopold-Keis, Kreisbäuerin von Aichach-Friedberg. Auch ihre Stellvertreterin gesellt sich zu dem Duo, Sabine Asum. Und nun diskutieren die Frauen. "Ich esse eben gerne mein Stückle Fleisch", verteidigt Asum ihre Essgewohnheiten. Und sie kann sich eine kleine Spitze gegen Greiter nicht verkneifen: "Aber ich will andere nicht belehren."

So läuft das, wenn Überzeugungen aufeinandertreffen. Ein bisschen giftig ist das, was dabei rauskommt ja schon. Schnell wird klar, wie sehr sich die Landwirte missverstanden und angegangen fühlen. "Der Landwirt ist immer der, der schlecht ist", meint Kopold-Keis. Und den Ärger über diese Ungerechtigkeit scheinen die beiden Bäuerinnen zunächst auf Greiter zu projizieren.

Eine Dame in Gelb keift dazwischen


"Ich greife keine Bauern an", beschwichtigt Greiter. Sie wolle lediglich Bewusstsein schaffen und deshalb wirft sie weiter ihre Argumente in den Ring. Der Mensch ist das einzige Lebewesen das fremde Milch trinkt etwa oder dass diese Prostata- und Blutkrebs fördere und dann sei da schließlich noch der immense Einfluss weniger Großkonzerne.

Plötzlich keift eine weitere Dame in Gelb unvermittelt dazwischen: "Kinder aus der Landwirtschaft haben weniger Allergien. Was haben Sie entgegenzusetzen?", fragt sie in harschem Ton, der eine Antwort bereits ausschließt. Es bleibt derart angespannt, dass Asum gar höhere Mächte anruft und die Frage in den Raum stellt: "Warum hat uns Gott dann Tiere und Nahrung gegeben?"

Während die Demo endet, wird sich das Trio einig


Während des Gesprächs der drei Damen fliegt nebenan die Kundgebung vorbei, mit derartiger Hingabe debattieren sie, dass sie kein Wort der vielen Redner mitbekommen. Sie sind nun beim Thema Haltungs- und Schlachtqualität angelangt - und werden sich langsam einig. Asum resümiert, dass eben dieser Dialog und das Miteinander wichtig für die Zukunft seien und der gegenseitige Respekt. Letzten Endes würden "sowohl Bauern als auch Veganer über einen Kamm geschoren", meint Greiter.

Nebenan werden derweil die Banner zusammengerollt und die Neon-Westen abgestreift. Der Landwirtschafts-Rap dröhnt in Endlosschleife als Rausschmeißer über den fast leeren Platz. Greiter und Asum tauschen Daten aus. Vielleicht treffen sie sich ja noch einmal, um im Kleinen über das große Thema Ernährung zu sprechen. Diese Annäherung wird mutmaßlich nicht die Welt verändern - aber sie allein macht die Kundgebung zu einem Erfolg.
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