Neusässer Asylpläne ärgern Nachbar Augsburg: Städtestreit am Gartenzaun

„Dass es sich um eine Asylbewerberunterkunft handelt, sollten wir außen vor lassen“, sagte der Augsburger Stadtrat Stefan Quarg im Bauausschuss. Allerdings konterkarieren die Neusässer Pläne Augsburgs Bestreben, Flüchtlinge möglichst auf das gesamte Stadtgebiet zu verteilen. Symbolfoto: Libossek
 
Das Ärgernis leuchtet oben rechts im Bild: Die Stadt Neusäß möchte auf diesem Grundstück in direkter Nachbarschaft zum Augsburger Bärenkeller eine Unterkunft für 180 Asylbewerber errichten lassen. Die Stadt Augsburg ist wenig begeistert. „Da bekommt der Begriff ,dezentrale Unterbringung’ eine ganz neue Bedeutung“, kommentiert Baureferent Gerd Merkle. Grafik: lib mit Google Maps

Die Stadt Augsburg verschärft den Ton gegenüber der Nachbarstadt Neusäß. Grund ist eine geplante Asylunterkunft für 180 Bewohner an Augsburgs Stadtgrenze. Von "Feigheit" und "linker Tour" ist die Rede.

Ein 30 Jahre alter Grill, der den Garten nebenan in Rauch hüllt, als wäre wenige Meter weiter ein isländischer Vulkan mit unaussprechlichem Namen ausgebrochen. Wackelnde Wände, weil im Nachbarhaus die Teenager-Kinder am dritten Wochenende in Folge die sturmfreie Bude in eine Disco verwandeln. Oder eine dichte Hecke entlang des Gartenzauns, die einem das schönste Sonnenfleckchen in ein schwarzes Loch verwandelt.

Nachbarschaftsstreits können viele Gründe haben. Mitunter geht es auch mal etwas rauer zu. Und zwar auch dann, wenn statt Reihenhausbesitzern sich zwei benachbarte Städte nicht Grün sind. Nur dreht sich das Hickhack dann eben nicht um den dampfenden Grill, wummernde Musik oder eine hässliche Hecke. Im konkreten Fall streiten Augsburg und Neusäß um eine Asylbewerberunterkunft an der Hirblinger Straße.

Weit entfernt von Neusässer Bebauung, aber unmittelbar am Bärenkeller


Das Grundstück, auf dem Neusäß 180 Menschen in vier Gebäuden eines privaten Investors unterbringen will, liegt zwar auf Täfertinger – also eigentlich auf eigener Flur. Doch es grenzt unmittelbar an Wohnhäuser des Augsburger Stadtteils Bärenkeller und befindet sich weit entfernt von jeglichen Neusässer oder Täfertinger Gebäuden.

„Da bekommt der Begriff ,dezentrale Unterbringung’ eine ganz neue Bedeutung“, giftete Baureferent Gerd Merkle in Richtung der Nachbargemeinde. Nachdem Oberbürgermeister Kurt Gribl sich bereits deutlich gegen die Einrichtung ausgesprochen hatte, kam das Thema in der Sitzung des Augsburger Bauausschusses erneut auf den Tisch.

Aussagen der Stadt Neusäß "irritieren"


Nachbar Neusäß hatte sich gegenüber dem Landratsamt darüber geäußert, wie das Grundstück erschlossen werden soll. Das Landratsamt ist die Behörde, die schlussendlich die Genehmigung erteilt. Alles kein Problem, gab Neusäß an. Kanal und Straße seien angeschlossen. Mitnichten, entgegnete Merkle.

Zum einen stellen sich wegen der Hirblinger Straße rechtliche Fragen, da ein Abschnitt auf Neusässer Flur Augsburg gehört. Zum anderen – und das ist das gravierendere Problem – gehöre der Kanal der Stadt Augsburg. Deshalb, so Merkle, „irritiert uns die Aussage der Stadt Neusäß, dass die Entwässerung des Grundstücks gesichert ist“.

Stadtrat Quarg: Spielt keine Rolle, dass es um eine Asylunterkunft geht


Denn der Kanal sei ohnehin schon knapp bemessen. Und Augsburg plant auf dem Gebiet mittelfristig weitere Wohnhäuser. Aus diesem Grund, führt Merkle weiter aus, „müssten wir, sollte das Heim kommen, auf Kosten der Gebührenzahler einen neuen Kanal bauen“ – auf Kosten der Augsburger Gebührenzahler, wohlgemerkt.
Stefan Quarg (SPD) ergänzte, dass es um das Verhalten des Nachbarn an sich gehe. Der Ärger der Stadt habe nichts damit zu tun, dass dort eine Asylunterkunft entstehen soll. „Asyl außen vor lassen“, wie Quarg appellierte, konnten dann doch nicht alle im Gremium.

„Dass es in Neusäß anscheinend nicht möglich ist, Flüchtlinge innerhalb des eigenen bebauten Gebiets unterzubringen, sagt etwas über den Mut oder die Feigheit der dortigen Kommunalpolitik aus“, ätzte Quargs Parteikollege Florian Freund. Noch emotionaler kommentierte Günter Göttling, CSU-Stadtrat aus dem Bärenkeller. 180 Flüchtlinge seien ohnehin schon im Stadtteil untergebracht. Die Bewohner seien bemüht um Integration, „aber wir können jetzt nicht noch die Probleme unserer Nachbarn lösen“.

Asylunterkunft auch an Gemeindegrenze zu Diedorf geplant


Auch dass Neusäß seine „linke Tour“ (Göttling) genauso an der Diedorfer Gemeindegrenze versuche, löste Missfallen aus. An der Dammstraße, hinter dem Wertstoffhof, liegt ein Grundstück, das zu Steppach-Vogelsang gehört – also zu Neusäß. 200 Asylbewerber sollen dort untergebracht werden. „Das kommt für mich überhaupt nicht in Frage“, schimpfte Diedorfs Bürgermeister Peter Högg im Gemeinderat.

Dieselbe Botschaft schickte der Augsburger Bauausschuss in Form eines Votums über den Gartenzaun: Neusäß erhält keine Erlaubnis, den Augsburger Kanal zu nutzen. Auch wenn es, sagte Merkle, „uns freut, dass Neusäß uns das Vertrauen entgegen bringt, seine Asylbewerber zu betreuen“.

Die Nachbarstadt hat derweil ein wenig zurückgerudert. Der Neusässer Bauausschuss könnte sich auch lediglich 70 Bewohner in der geplanten Unterkunft an der Hirblinger Straße vorstellen.
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Joachim Wilhelm aus Neusäß | 17.02.2016 | 15:27  
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