Projekt gegen Graffiti: Schmierer sollen selber schrubben

Farbenfroh setzt unser Leserfotograf Christian Funk das Augsburger Butzenbergle auf diesem Bild in Szene. Die Schmierereien wirken in natura jedoch weniger sehenswert. Das Projekt „Einwandfrei“ soll gegen die Zunahme solcher Graffiti in der Stadt helfen und gleichzeitig jugendliche Ersttäter unterstützen. Foto: Christian Funk

Graffiti ist immer ein schmaler Grat zwischen Schmiererei und Kunst. Damit in Augsburg künftig nur mehr Letzteres an Wänden prangt, will das Ordnungsreferat das Projekt „Einwandfrei“ ins Leben rufen. Das setzt auf Prävention, Repression und Pädagogik, statt auf Haudrauf-Maßnahmen – und will so gleichzeitig jungen Ersttätern helfen und Graffiti reduzieren. Auch der FC Augsburg wird in die Pflicht genommen.

Dreadlocks treten am Rand der braunen Wollmütze des jungen Mannes hervor, der gerade im Sitzungssaal vor dem Allgemeinen Ausschuss der Stadt spricht. Nein, Ordnungsreferent Dirk Wurm hat keinen drastischen Stilwandel vollzogen. Der Redner ist Daniel Tröster vom Verein „Die Bunten“, der die legale Graffiti-Kultur in der Fuggerstadt vorantreibt. Tröster ist selber Sprayer und nahe dran an der Szene.
Freilich sieht auch er die Straftat hinter illegalen Wandmalereien; auf der anderen Seite aber auch den Menschen hinter einer Tat. „Es reichen eine Nacht und eine Dose, um 20 000 Euro Schaden anzurichten“, erzählt er. Passiert das einem Minderjährigen, „sieht der kein Land mehr“, wenn er die Summe abstottern muss. Schlimmer noch: „Daran gehen Familien zu Bruch.“

Tröster setzt sich deshalb vor dem Ausschuss für das Projekt „Einwandfrei“ ein. Dabei geht es darum, Sprayern im Alter zwischen 14 und 21 Jahren, die zum ersten Mal auffällig geworden sind, zu helfen. Das bedeutet keinesfalls Straffreiheit, jedoch erfolgt die Sanktion mit einem pädagogischen Ansatz. So sollen die jungen Täter ihr Graffiti selbst entfernen und sich persönlich beim Geschädigten entschuldigen. Ein Sozialpädagoge in Teilzeit betreut die Jugendlichen während der Wiedergutmachung.
Durch all das soll verhindert werden, dass die jungen Täter „in eine Spirale geraten“, erklärt Tröster. Denn in einer ausweglosen finanziellen Situation „sagt der sich halt, dann kämpf ich lieber weiter darum, mir einen Namen in der Szene zu machen“, sagt der Sprayer. Die Schulden könnten gar „Beginn krimineller Karrieren sein“, schreibt das Ordnungsreferat selbst im Text, mit dem es das Projekt vorstellt.

Das ist die Prävention, auf die „Einwandfrei“ abzielt und die eben auch dem Kriminalpräventiven Rat der Stadt gefällt, der es konzipiert hat. Vorbilder sind ähnliche Projekte, die sich in München und Düsseldorf etabliert haben. Dem Rat gehört Diana Schubert an, die ebenfalls in der Sitzung vorspricht. Schubert ist gleichzeitig stellvertretende Vorsitzende der „Brücke“, die „Einwandfrei“ tragen würde.

Ab 15 bis 20 Tätern ergebe das Projekt Sinn, sagt sie. Derzeit seien jedoch nur drei bekannt, die ins Projekt-Muster passen. Aber der Druck steige, die Graffitis mehren sich, weshalb das bereits 2010 entworfene „Einwandfrei“ jetzt wieder aus der Schublade gezogen wurde. Man könne es außerdem, schlug Schubert vor, auf den gesamten Landkreis ausweiten.

Denn auch außerhalb der Stadt prangen immer häufiger Schriftzüge auf Brückenpfeilern oder Stromkästen. Gerade die Ultras des FC Augsburg verleihen ihrer Liebe zum Verein immer öfter durch diese sogenannten „Tags“ Ausdruck.
„Wir würden uns freuen, wenn sich der FCA klar gegen diese Graffitis positionieren würde“, fordert Schubert, denn er habe größeres Potenzial, seine jungen Fans zu erreichen.

Von dem Pforzheimer Modell, das alternativ thematisiert wurde, hält Schubert indes nichts. Dort ist ein sogenanntes Graffiti-Mobil der Polizei unterwegs. In Zusammenarbeit mit der Maler-Innung werden Schriftzüge und Schmierereien umgehend entfernt. Bezahlt wird das durch Bußgelder der Staatsanwaltschaft – aber ohne erzieherische Komponente. „Das ist nicht unser Ansatz“, sagt Schubert deshalb. Hinzu kommt, dass die Staatsanwaltschaft in Augsburg keine Mittel zur Verfügung stellen würde, wie Ordnungsreferent Wurm ergänzt.

Das würde an der Stadt hängenbleiben, knapp 42.000 Euro soll „Einwandfrei“ im Jahr kosten. Gut angelegtes Geld, finden die Befürworter.

Die Verwaltung soll nun Gespräche mit Landkreisen, Justizbehörden und Polizei führen und im Herbst ein abgestimmtes Konzept vorlegen. Daniel Tröster würde sich freuen, wenn „Einwandfrei“ ins Leben gerufen würde, denn: „Ich sehe an den Wänden eine Menge junger Straftäter.“
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