Prostitution und Menschenhandel: Opfer sind oft minderjährig

Die Augsburger Polizei hat in den vergangenen Wochen Menschenhändler geschnappt.
 
Soni Unterreithmeier ist Leiterin der Beratungstelle von Solwodi in Augsburg. Foto: pm/Solwodi
Die Augsburger Polizei konnte in den vergangenen Wochen Menschenhändler und Zuhälter dingfest machen. Betroffen sind eine 16-jährige Rumänin, die bereits im Alter von 15 Jahren zur Prostitution gezwungen wurde, und drei Ungarinnen, die ab dem 18. Geburtstag in deutschen Bordellen "arbeiten" mussten. "Bitterste Armut und Fremdbestimmung von klein auf machten die jungen Frauen und Mädchen zur leichten, manipulierbaren Beute", erklärt Soni Untereithmeier. Sie ist Leiterin von Solwodi in Augsburg, einer Hilfsorganisation zur Betreuung von Opfern von Menschenhandel, Zwangsprostitution und Beziehungsgewalt. Obwohl die Bordelle voll seien mit jungen ausländischen Frauen, könne nur ein Bruchteil der Fälle aufgeklärt werden, da die gesetzlichen Voraussetzungen dies erschweren.


Im Bundeskabinett wird aktuell über das neue Prostituiertenschutzgesetz verhandelt - Solwodi setzte lange Zeit große Hoffnungen auf eine Neuregelung, so die Organisation. Doch in Deutschland stelle die Politik weiterhin Berufsfreiheit über den Schutz der Frauen und richte das Gesetz weitgehend am Bedarf der kleinen Minderheit von selbstbestimmten professionellen Prostituierten aus, kommentiert Solwodi die Gesetzesverhandlungen.
"Damit geht das Gesetz erneut an der gesellschaftlichen Realität vorbei und folgt den Wünschen der Prostituitionslobby", so Unterreithmeier. "Die Mehrheit der betroffenen Frauen, junge Frauen wie die aktuellen Augsburger Opfer, hat jedoch keine Lobby und taucht auch in Talkshows und Podiumsdiskussionen nicht auf".

Als vor 13 Jahren das liberalste aller Prostitutionsgesetze in Deutschland verabschiedet wurde, habe sich dieses schnell als Irrweg herausgestellt, der auf Kosten der Betroffenen die Branche lukrativ bereicherte und die Frauen ins Abseits drängte.
"Kaum eine deutsche Frau 'arbeitet' mehr an der Basis, in Bordellen, Wohnungen, auf der Straße. Denn hier sind Ausbeutung, Brutalität, Sadismus und Demütigung entwürdigende Realität und wird zum Schnäppchenpreis gehandelt." Das zeigten die Zugriffe der Polizei der vergangenen Tage erneut in aller Deutlichkeit.

90 Prozent der in der Prostitution tätigen Mädchen und Frauen kommen heute aus dem EU-Ausland, aus den Armenhäusern Europas. "Diese Form sexistischer Gewalt wird von deutschen Männern begangen und im Referentenentwurf der Koalition weiter legitimiert. Von Reiseunternehmen angepriesen, können sich heute Sextouristen aus der ganzen Welt per Shuttletour durch deutsche Bordelle schleusen lassen", so Unterreithmeier weiter.

Dass Deutschland die Prostitution fördere und zum Großbordell Europas avanciert sei, daran werde der zwischen CDU-/CSU und SPD neu ausgehandelte Entwurf des Prostituiertenschutzgesetzes nichts ändern. Alle empfohlenen nötigen Schutzmaßnahmen, etwa die verpflichtende Gesundheitsvorsorge, seien im Kompromiss so abgeschwächt, "dass von Schutz und staatlicher Fürsorge keine Rede mehr sein kann". Bei Aufnahme der Tätigkeit in Deutschland werde sich die möglichst junge Frau zwar irgendwo anmelden müssen, könne dann aber unregistriert im Wochenrhythmus deutschlandweit durch die Bordelle weitergereicht werden. Unterreithmeier: "Die halbjährige vorgeschriebene Gesundheitsberatung wird ihr nicht ermöglichen, Vertrauen zu bilden, um Hilfe zu holen, wenn sie, wie so oft, an einschlägigen körperlichen Erkrankungen leidet oder an Folgen ungeschützter Praktiken, wie Schwangerschaft und Abtreibung, oder an Panikattacken, Esstörungen und psychosomatischen Problemen." Untereithmeier stellt weiterhin die Frage: "Wie wollen wir Zuwanderern Respekt vor Frauen vermitteln, wenn wir gleichzeitig die systematische sexuelle Ausbeutung ausländischer Frauen legalisieren?"

"Sexkäufer bestrafen"

Während in Deutschland "halbherzig an Minischutzmaßnahmen herumgedoktert wird", habe sich kürzlich das EU-Nachbarland Frankreich für das sogenannte nordische Modell entschieden. 2001 hat Schweden ein Gesetz erlassen, das Prostitution als Gewalt an Frauen ächtet, Sexkäufer bestraft und ein gesellschaftliches Umdenken fordert. Die guten Erfahrungen in Schweden machten Schule, Norwegen übernahm das Gesetz, Dänemark, Irland und jetzt auch Frankreich. Immer mehr Länder der EU diskutieren über diesen Perspektivenwechsel. Im Frühjahr 2015 sprach sogar das EU-Parlament eine Empfehlung in diese Richtung aus.

Anders der Weg in Deutschland, kritisiert Unterreithmeier. In Augsburg beispielsweise liegen der Stadt weitere Bauanträge für große Bordelle vor, die zeigen, wie hoch Nachfrage und Gewinne eingeschätzt werden. "Die Verliererinnen stehen jetzt schon fest: sehr junge Frauen aus Südosteuropa, die diese Bordelle füllen werden." (pm)
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