Selbstmordgefährdeter Afghane abgeschoben: Caritas Augsburg klagt an

Ein 21-jähriger Afghane, dem Fachärzte schwere Depressionen bescheinigen, wurde vor Kurzem abgeschoben. (Foto: David Libossek)

„Kam starker Wind auf, kamen sofort die Bilder der Verletzten und Leichen, weil der letzte starke Wind, den er erlebt hatte, der starke Luftdruck einer Explosion war, die viele Menschen zerfetzte. Beim Anblick von Blumen musste er immer wieder an die Leiche eines Kindes denken, das eine Blume in der Hand hielt. Nur der Oberkörper des Kindes war noch übrig.“


So beschreibt der Caritasverband für die Diözese Augsburg das Seelenleben eines 21-jährigen afghanischen Flüchtlings. Der junge Asylbewerber sei schwer depressiv, gar selbstmordgefährdet, trotzdem wurde er vor einer Woche abgeschoben. Obwohl über das Asylverfahren selbst noch nicht abschließend entschieden worden sei. Eine Erklärung, wie es dazu kommen konnte, können weder das Verwaltungsgericht Augsburg noch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) liefern.
„Depressive Symptomatik schwerer Ausprägung“, „Hoffnungslosigkeit, Ein- und Durchschlafstörungen, schwere Panikattacken“, „dialogisierende Stimmen, die zum Selbstmord auffordern“ – so lautet das fachärztliche Urteil zu dem 21-Jährigen, das die Caritas in ihrer Pressemitteilung zitiert.
Er schreibt weiter, dass bei einem Behandlungsabbruch eine deutliche Verschlechterung bis hin zu einer deutlichen Selbstmordgefahr zu erwarten sei. Dieser Mann wurde nun am vergangenen Montag nach Afghanistan abgeschoben.
Andreas Magg, Diözesan-Caritasdirektor Domkapitular, war zutiefst verärgert, als er von den Mitarbeitern des HiFF-Projektes (Hilfsnetzwerk für besonders schutzbedürftige Flüchtlinge in der Diözese Augsburg) von der Abschiebung erfuhr. „Was für ein Staat sind wir?“, fragt er sich. „Berufen wir uns nicht ständig auf unsere christlich-abendländische Kultur? Wir handeln aber wie jeder andere Staat, dem der Mensch nichts wert ist.“ Abschiebungen könnten nötig und richtig sein, aber sie sollten mit „Herz und Verstand“ erfolgen und auch aufzeigen, dass man nicht nur ein formaler Rechtsstaat sei, sondern auch den christlich-abendländischen Grundsätzen verpflichtet, betont Magg. Er erinnert zudem an die Erklärung der Deutschen Bischofskonferenz, wonach die deutschen Bischöfe Afghanistan keineswegs als sicheres Herkunftsland betrachten.
Auf der Suche nach einer Begründung sind das Verwaltungsgericht Augsburg und das BAMF die ersten Ansprechpartner. Vom Gericht gibt es aber keine Antwort. Denn ohne den Namen des 21-Jährigen oder ein Aktenzeichen sei es nicht möglich, den Fall zuzuordnen, trotz Datums des abgelehnten Eilantrages. „Wir haben so viele Afghanen“, so eine Sprecherin des Gerichts. Aus „Klientenschutzgründen“ gibt die Caritas den Namen des Mannes nicht heraus. Auch die Frage, wie denn normalerweise mit psychisch kranken Asylbewerbern verfahren werde, könne man „so pauschal nicht beantworten“, so das Gericht. Beim BAMF geht niemand ans Telefon.

Ablehnungsbescheid vom BAMF

Der betroffene Afghane habe Afghanistan schon als Kleinkind verlassen, schildert die Caritas. Sein Vater arbeitete für das amerikanische Rote Kreuz in Pakistan und hatte seine Familie dorthin mitgenommen. Damit begann sein besonderes Schicksal. Nach Afghanistan konnte er nicht zurück, weil er von dort „als pakistanischer Spion“ keinen Pass bekam, in Pakistan hatte er keinen offiziellen Aufenthaltsstatus – und das schon seit seinen Jugendjahren. Er musste auf der Straße Geld verdienen. Als er Terroranschläge in Pakistan miterleben musste, machte er sich auf und davon, bis er in Deutschland ankam. Dort beantragte er Asyl. Die Hoffnung auf ein neues sicheres Leben half ihm, durch den Alltag zu kommen.
Das dauerte aber nur solange, bis das Bundesamt für Migration ihm den Ablehnungsbescheid zukommen ließ. Eine Stellungnahme des BAMF, wie sich der Ablehnungsbescheid begründet, ist aber nicht so leicht zu bekommen, denn immer noch geht bei der Behörde niemand ans Telefon.
Für den jungen Mann aber geht es zurück in die Hoffnungslosigkeit, zurück zu dem Ort, an dem er Zeuge wiederholter Anschläge wurde und der junge Mann aus Afghanistan keine Rechte hatte. „Das hielt er nicht aus. All seine Ängste brachen hervor“, erzählt Werner Neumann, der Leiter des HiFF-Projektes. „Ohne die notwendige therapeutische und psychiatrische Behandlung hätte er sich vermutlich schlimmes angetan.“
Er sei sehr belastet und auch nach der stationären Behandlung ständig angespannt gewesen, so Neumann weiter. Er habe Angst gehabt, nach draußen zu gehen und von der Polizei aufgegriffen zu werden. Immer wieder habe er sich aufdrängende Erinnerungen an die Anschläge in Pakistan erlebt.

"Unsinnige und unmenschliche Abschiebung"

Und dennoch habe er sich angestrengt, die Behandlungstermine beim Psychiater und im HiFF-Projekt konsequent wahrgenommen und im Bezirkskrankenhaus eine Kunsttherapie begonnen. Neumann fragt sich nun, warum der Staat einerseits so viel Geld dafür ausgebe, dass ein Mensch wieder auf die Beine kommen kann und „dann schmeißt man es mit solch einer unsinnigen und unmenschlichen Abschiebung wieder weg.“
Auch das wäre eine Frage für das BAMF, doch nach einem weiteren Versuch, telefonisch jemanden zu erreichen, nimmt noch immer keiner den Hörer ab.
Neumann und dem Diözesan-Caritasdirektor unterdessen stößt auch auf, dass das Hauptsacheverfahren noch gar nicht abgeschlossen war. Neumann gesteht zwar ein, dass im Antrags- und Anhörungsverfahren einiges schief gelaufen ist: „Bei der Anhörung beim Bundesamt berichtete der Betroffene nicht über die traumatisierenden Ereignisse, bei der Angabe des Geburtsdatums verrechnete man sich vom islamischen zu unserem gregorianischen Kalender“, so Neumann. Bis der Afghane von Fachleuten erfahren habe, dass er nicht seinen Herkunftsnamen sondern in Deutschland seinen persönlichen Eigennamen nennen sollte, sei die erste Anhörung schon vorbei gewesen.
„Beim zweiten Mal warf man ihm schon vor, seine Identität vorzutäuschen und lehnte deshalb seinen Antrag als offensichtlich unbegründet ab“, erzählt Neumann. Das Verwaltungsgericht Augsburg habe trotz dem Vorliegen der Arztbriefe einem noch am 23. Januar von der Rechtsanwältin gestellten Eilantrag zur Aufschiebung der Abschiebung nicht stattgegeben. Über das Asylverfahren selbst sei dort noch nicht entschieden worden.
Eine Bestätigung dafür gibt es vom Verwaltungsgericht nicht, da der Fall eben nicht zugeordnet werden kann. Beim BAMF ist weiterhin niemand erreichbar.

(Von Kristin Deibl und Bernhard Gattner)
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2 Kommentare
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Benjamin Hille aus Augsburg - Nord/West | 01.02.2017 | 00:06  
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heiner m aus Augsburg - City | 09.02.2017 | 23:07  
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