Stadttheater: Beteiligung nimmt Fahrt auf

Foto: David Libossek

Die Augsburger machen Theater: Diese Woche starteten die Workshops rund um die Sanierung des Stadttheaters. Das Spektrum der Ideen reicht von einem integrierten Nachtclub bis zum Abbau des Bühnenturms. Vor allem aber wird deutlich: Es geht um weit mehr als nur das Gebäude.

„Zur Seite“, rufen zwei Männer und bahnen sich ihren Weg durch die Menge. Sie transportieren eine wichtige Fracht, tragen sie doch angestrengt die Zukunft des Augsburger Stadttheaters durch das Kulturhaus Abraxas. Zumindest steht das auf einem Zettel, der an einer der unhandlichen, mannshohen Stellwände prangt, die beide neben sich her schleppen.

Viele kleinere Notizen sind darunter zu lesen, gefüllt mit Gedanken, Anregungen, Wünschen, Kritik. Mehr davon findet sich auf zahlreichen weiteren Tafeln, die bereits im Ballettsaal aufgestellt wurden. In wilder Unordnung tummeln sich darauf die Ergebnisse, die rund 200 Augsburger in den ersten Workshops der Bürgerbeteiligung zur Sanierung und Neukonzeptionierung des Theaters erarbeitet haben.

Eine ruhige, konzentrierte Atmosphäre, aber auch leidenschaftliche und engagierte Momente hätten die Moderatoren Bastian Lange, Patrick S. Föhl, Tina Gadow und Lisa Frach wahrgenommen. Letztere berichtet auch von einigen „hitzigen Ausbrüchen zum Ende hin“. Das war freilich zu erwarten gewesen. Schließlich wird die Debatte um das 187-Millionen-Projekt – der Anteil der Stadt liegt bei rund 91 Millionen Euro – seit Wochen sehr emotional geführt. Spätestens seit dem Offenen Brief, in dem unter anderem Augsburger Kulturschaffende ihren Unmut über die teure Sanierung und den Alleingang der Stadt äußerten.

Nun wird also diskutiert. Nacheinander greifen sich Teilnehmer der Workshops auf der in weißes Licht getauchten Bühne das Mikrofon. So verschieden die Charaktere, die den schwarzen Holzboden betreten, so unterschiedlich ihre Ideen. In manchen Momenten wirkt das, was vor dem Publikum auf den blau gepolsterten Sitzen abläuft, wie ein minimalistisches Theaterstück. Etwa als ein Mann alleine im Stuhlkreis im Rampenlicht sitzt und schwärmerisch über den ausgelagerten, gläsernen Orchesterprobenraum aus dem Architektenentwurf sinniert und dabei immer wieder an den Enden seines fast zum Boden reichenden karierten Schals zupft.

Oder ein Darsteller des Theaters, der zur vielbesprochenen Öffnung des Schauspielhauses nach außen die Erwartungshaltung zu korrigieren versuchte: Kontakt mit dem Publikum gerne, „aber ich bin Schauspieler, kein Sozialarbeiter“.
Was jedoch schnell klar wird: Die Debatte dreht sich um weit mehr als die selbstverständlich angesprochene Kostenfrage, die Einbindung von Migranten oder eher ungewöhnliche Wünsche, wie den nach einem Nachtclub im neuen Stadttheater. Es entspinnt sich vielmehr ein Diskurs über das große Ganze. Darüber, wie sich das professionelle Theater mit der freien Szene vernetzen kann. Das reicht von gemeinsam nutzbaren Studenten-Abonnements, über die Wertschätzung und Förderung der Jugend, bis hin zu einer Art mobilem Einsatzkommando aus Bühnenpersonal samt Technik, das die Spielorte der freien Ensembles unterstützt und das seine Zentrale in einem hierarchiefreien Theater ohne Bühnenturm hat.
„Es wäre falsch, jetzt alle Ressourcen dafür einzusetzen, die Existenz des Theaters in seiner jetzigen Form zu verlängern“, begründet Letzteres Peter Bommas, Chef des Abraxas und Kritiker der Sanierungspläne. Bereits jetzt würde das Schauspielhaus mit 23 Millionen städtischer Euro im Jahr subventioniert. Ob da nicht eine Million für die Freischaffenden abfallen könne, die in „teils selbstausbeuterischen Verhältnissen arbeiten“, erkundigt sich Bommas, der zudem betont, dass von einer Neiddebatte nicht die Rede sein könne.

Dennoch sind die Befürchtungen der Freien spürbar, dass in den knappen Kassen der Stadt nach der Sanierung kaum mehr Mittel für sie übrig sind. Denn dass die Kreativität der Szene vom Mangel lebt, wie ein Teilnehmer anführte, ist so einfach freilich nicht. Auch die Off-Szene bereichert schließlich die Kultur einer Stadt, die davon umso stärker profitiert, wenn deren Protagonisten nicht jeden Cent dreimal umdrehen müssen.

Fest steht jedenfalls, dass im Beteiligungsprozess – vorausgesetzt, die Regierung nimmt die Ergebnisse ernst – eine Riesenchance für Augsburg liegt. Nutzt die Stadt die vielen Kompetenzen und lassen sich die Kritiker auf Kompromisse ein, könnte ein revolutionäres Theater-Gesamtpaket entstehen.

Doch so weit ist es noch nicht. Die externen Moderatoren müssen nun die Beiträge sammeln – und vor allem filtern. Vielleicht ist dafür die Prämisse von Föhl eine sinnvolle, der fragte: „Was kann Theater überhaupt leisten?“. Jedenfalls fordertete er „keine Entweder-oder-Diskussion“ zu führen, sondern gemeinsam den Wandel zu gestalten. Im Januar starten weitere Workshops, die sich dann mehr mit baulichen Fragen beschäftigen sollen. Die Stellwände werden auch dann wieder voll sein mit Gedanken, Anregungen, Wünschen, Kritik. Ganz bestimmt.

Von David Libossek
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