Stolpersteine in Augsburg: Die emotionale Debatte um Ziffer 6

Folie statt Messing: Neben den Stolperstein für Leonhard Hausmann wurde ein symbolischer für Wilhelmine Hausmann gelegt. Für ihren Stein hat Künstler Gunter Demnig (Bild rechts) am Samstag einen Platzhalter in den Gehsteig eingelassen.
 

Andrea Halbritter denkt zunächst ans große Ganze. Dabei ist es ein sehr persönlicher Moment für sie. Jetzt, da Parteien von Rechts immer stärker würden, sagt sie, seien Zeichen wichtig. Zeichen, die zeigen, wohin eine solche Entwicklung führen kann. Halbritter steht, während sie spricht, neben zwei Stolpersteinen. Einen hat Künstler Gunter Demnig gerade in den Bürgersteig eingelassen. An der Ulmer Straße 52, vis-à-vis des Oberhauser Bahnhofs.

Der Pflasterstein mit der Messingplatte darauf soll an Leonhard Hausmann erinnern. Den Ehemann von Wilhelmine Hausmann, Andrea Halbritters Großmutter. Beide engagierten sich im Augsburger Widerstand gegen die Nationalsozialisten. Leonhard starb im Konzentrationslager. Seine Frau überlebte das NS-Regime.

Wilhelmines Stolperstein liegt neben dem von Leonhard, der bereits im Gehsteig ruht. Eingesetzt wird er heute nicht und dient somit als ein Symbol für die Diskussion zwischen Stadt und Initiativkreisen: Wer erhält einen Stein und wer nicht?

Das hat die Stadt im "Augsburger Weg der Erinnerung" definiert. An ihm waren unter anderem Vertreter von Opfergruppen, Bürgerinitiativen und Politiker beteiligt. Von "grundlegender Einigkeit" spricht Kulturreferent Thomas Weitzel. Und zwar über die "besondere Symbolkraft von Erinnerungszeichen für gewaltsam von den Nationalsozialisten ausgelöschte Leben". Auch in anderen Städten, ergänzt er, würden die Steine "nur für Todesopfer verlegt". Das ist in Ziffer 5 des "Augsburger Weges" festgehalten.

Allerdings existiert zusätzlich eine Ziffer 6. Die besagt, dass in besonderen Fällen und "aus nachvollziehbaren Gründen" Ausnahmen möglich sind, über die ein Fachbeirat entscheidet, der sich aus Weitzel, einer Historikerin, einem Juristen, einem Archivar und einem Vertreter der jüdischen Kultusgemeinde zusammensetzt.

Also können auch NS-Opfer mit Stolpersteinen gewürdigt werden, die überlebt haben? Ja, sagen die Initiativen. Doch genehmigt wurde bislang kein solcher Stein. So ist eine Debatte entstanden, die öffentlich ausgetragen wird und zuweilen unschöne Formen annimmt.

Josef Pröll, Bernhard Lehmann von der Initiative "Gegen Vergessen - Für Demokratie" und Thomas Hacker, Sprecher des Initiativkreises Stolpersteine, sprechen einige Tage vor der Verlegung von Desillusionierung. Sie bemängeln den ihrer Meinung nach zu eng gefassten Opferbegriff der Stadt, den Umgang mit bürgerschaftlichem Engagement und die Kommunikation.

Für Letzteres hat Hacker ein Beispiel und legt ein Schreiben von Weitzel auf den Tisch. Darin begründet der Kulturreferent, warum fünf der acht beantragten Stolpersteine am Samstag nicht verlegt werden dürfen. Der Fachbeirat habe dies empfohlen, heißt es darin, dem habe am 28. September der Stadtrat "mit großer Mehrheit seiner Mitglieder zugestimmt".

Eine solche Abstimmung hat es jedoch nicht gegeben, schimpft Hacker. Informationen der StadtZeitung bestätigen das. Weitzel erklärt, es handle sich um eine "Fehlinterpretation". Der Stadtrat habe in nicht-öffentlicher Sitzung "die Empfehlung des Fachbeirats diskutiert und zur Kenntnis genommen". Anschließend habe sich eine "große Mehrheit des Stadtrats einer Protokollnotiz angeschlossen, die die praktizierte Auslegung der Ziffern 5 und 6 durch den Fachbeirat bekräftigte", schildert Weitzel.

Der Kulturreferent hatte bereits im Mai, bevor die ersten zwölf Stolpersteine auf öffentlichem Grund verlegt wurden, in einem Zeitungsinterview von einer Abstimmung gesprochen, die es nie gegeben hat. Damals waren acht Stolpersteine abgelehnt worden.

Darunter auch die für Josef und Anna Pröll, die Eltern von Josef Pröll, die ebenfalls im Widerstand engagiert waren, die NS-Zeit aber dennoch überlebt haben. Er spricht von Frustration. Seine Mutter sei die erste Frau mit Ehrenbürgerwürde der Stadt Augsburg und Trägerin des Bundesverdienstkreuzes. Aber einen Stolperstein könne sie nicht bekommen? Ebenso sein Vater, der achteinhalb Jahre im KZ inhaftiert war. Es seien doch keine Grabsteine, sagt Pröll, "die Stolpersteine sollen zum Nachdenken anregen". Als ein dezentrales Gedenkzeichen, "auf das die Stadt stolz sein kann".

Die Stadt habe Angst, sagt Lehmann, dass die Gedenkzeichen inflationär verlegt würden. Aber die Nazis hätten nun einmal inflationär Menschen inhaftiert, schikaniert, drangsaliert und Familien zerstört. Sie wollen ja nicht die gesamte Maximilianstraße mit Stolpersteinen pflastern, sagen die drei Männer.

"Auch wir in den Initiativen forschen und debattieren ausführlich über jeden Namen", betont Hacker. Opferbiografien seien sehr komplex, sagt wiederum Weitzel. Der Fachbeirat könne diese historisch und juristisch versiert diskutieren. So sei es "wiederholt gelungen, Fehler in Biografien aufzudecken und zu korrigieren, bevor sie in die Texte der Gedenkzeichen einfließen konnten".

Doch das Thema, das ist auch Weitzel bewusst, reicht eben weit über fundierte Daten hinaus - und wird auch deshalb derart emotional diskutiert. Ihre Großmutter, erzählt Andrea Halbritter, habe ihr gesamtes Leben an den Folgen gelitten. Sie selbst, ist ihre Enkelin sicher, hätte sich allein über den Stein für Leonhard gefreut.

Dann atmet Halbritter tief ein. "Es wäre schön gewesen, wenn man beide hätte verlegen können. Denn es ist so, dass die beiden zusammengehören." (
Von David Libossek)
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