Unterbelegte Unterkünfte

Die neue Traglufthalle an der Augsburger Berliner Allee steht seit Beginn des Jahres leer, während die Realschul-Turnhalle in Neusäß zeitgleich notdürftig als provisorische Unterkunft herhalten musste.

Die Erstaufnahmeeinrichtungen für Flüchtlinge platzten vor wenigen Monaten noch aus allen Nähten. Nun herrscht vielerorts Leerstand. In dieser Woche wird die Notunterkunft in der Neusässer Turnhalle aufgelöst.

Die Gänge unter der riesigen Kuppel der Traglufthalle an der Berliner Allee sind menschenleer. Wie ausgestorben wirkt die Flüchtlingsunterkunft, die eigentlich Platz für 300 Personen bietet. Lediglich das Gebläse, das die Hülle stabil hält, ist zu hören. "In diesem Jahr hatten wir noch keine Belegung", durchbricht eine Stimme das Surren der Anlage. Sie gehört einem mittelgroßen Mann mit breiten Schultern: dem Objektleiter der Security-Firma, die sich um die Sicherheit in der Erstaufnahmeeinrichtung und auf dem Gelände drumherum kümmert. 50 Zimmer mit je sechs Schlafplätzen stünden zur Verfügung, erklärt er und öffnet die Türe zu einer der Stuben. Darin: Drei unbenutzte Stockbetten und mehrere leere Spinde. "Stuben klingt zwar nach Militär", sagt der Security-Mann. "Wir fanden diese Bezeichnung aber besser als Boxen, wie es ursprünglich auf den Plänen hieß. Das klingt nach Tierhaltung."

Im Dezember war die Halle errichtet worden. Sie löste ein provisorisches Zelt und ein Gebäude der ehemaligen Straßenbahnmeisterei ab, die der Regierung von Schwaben als Erstaufnahme dienten, als die Menschen in Strömen über die Balkanroute kamen. Nun sind die Grenzen dicht, Europa in seiner Flüchtlingspolitik grenzenlos zerstritten und die Unterkünfte in den Kommunen unterbelegt.

"Zum Stand vom 7. April verfügen die Einrichtungen für die Erstaufnahme von Flüchtlingen in Schwaben über rund 2800 Plätze. Belegt sind derzeit insgesamt 508 Plätze, vornehmlich am Standort in Donauwörth", fasst Karl-Heinz Meyer, Sprecher der Regierung von Schwaben, zusammen. Die Anzahl der Asylbewerber, die in ganz Schwaben neu eintreffen, schwanke sehr stark, erläutert er. Zwischen einer und 74 Personen kamen zuletzt pro Tag an.

Es sei ein "massiver Rückgang" festzustellen, resümiert auch Augsburgs Sozialreferent und dritter Bürgermeister Stefan Kiefer. Rund 800 Plätze stehen in der Stadt für die Erstaufnahme zur Verfügung. Die Auslastung sei dort sehr gering, "weil kaum Personen erstaufgenommen werden, beziehungsweise die früheren Nutzer dieser Plätze schon weitestgehend weiter verlegt wurden an Anschlussunterkünfte in Schwaben", so Kiefer. Was diese dezentralen Anschlussunterkünfte in Augsburg anbelange, verlege man derzeit die Bewohner auf längerfristig angemietete Objekte.


Turnhalle wird rückgebaut


Dies trifft nicht nur auf die Stadt, sondern auch auf den Landkreis Augsburg zu. In Neusäß etwa steht in dieser Woche ein großer Umzug an. Die Realschul-Turnhalle, die seit November als Notunterkunft genutzt wurde, wird nun nicht mehr für die Unterbringung benötigt.

Die Flüchtlinge könnten jetzt in angemessene anderen Quartiere verlegt werden, sagt Max Rauscher, Büroleiter des Geschäftsbereichs öffentliche Sicherheit und Ordnung im Landratsamt Augsburg. Die Dreifachturnhalle, die unter anderem durch Trennwände aus Holz zum Wohnheim umfunktioniert wurde, könne nun rückgebaut werden. Nach den Pfingstferien werde dann auch wieder Schul- und Vereinssport stattfinden.


Bürokratische Zwänge


Warum in der neuen Halle an der Augsburger Berliner Allee Leerstand herrschte, während in Neusäß ein Schulgebäude notdürftig als Provisorium herhalten musste, ist wohl nur mit bürokratischen Zwängen zu erklären. Rechtliche Hürden verhindern, dezentral untergebrachte Flüchtlinge wieder zurückzuverlegen in leerstehende Gebäude, die einer Erstaufnahme dienen.

Die Kapazitäten insgesamt werden - trotz akutem Rückgang an Ankommenden - wohl nicht reduziert. "Wir können durchschnaufen, aber nicht verschnaufen", sagt Max Rauscher. Auch Stefan Kiefer gibt sich pragmatisch: "Mit einer gewissen Aufnahme von Menschen muss auch weiterhin gerechnet werden - nach den Plänen der EU oder nach den Zwängen der Realität." Und Karl-Heinz Meyer stellt schlicht fest: "Prognosen über künftige Entwicklungen können wir nicht abgeben."

Ein Ende der Flüchtlingsnot sei nicht in Sicht, sagt Kiefer. "Natürlich sind wir auch erleichtert, dass die Hektik des vergangenen Jahres nun vorbei ist, aber wir sehen doch auch ganz klar, dass die Not nun nur nach Griechenland und in türkische Großlager verschoben ist." Wann und wie sich Europa auf eine angemessene solidarische Herangehensweise einigen werde, könne auch er nicht wissen, fasst der Sozialreferent zusammen. Vor Ort wolle man diese Pause jedenfalls nutzen, um sich verstärkt den Folgeschritten der Integration zu widmen.

Von Janina Funk
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