Urteil gegen Georg Schmid: "Vielleicht einfach nur menschlich?"

Der Prozess gegen den ehemaligen CSU-Fraktionsvorsitzenden Georg Schmid am Amtsgericht Augsburg zieht Medien und Zuhörer gleichermaßen an. Letztere reagieren gemischt auf den Urteilsspruch gegen den früheren Landtagsabgeordneten. Der verschwindet rasch und wortlos aus dem Gebäude.


"Um was geht's denn da drin?", fragt ein Mann im hellblauen Pulli im Vorbeigehen und weist mit seinem Blick in Richtung der Tür des Schwurgerichtssaals. Wer es nicht wusste, dass dort in wenigen Augenblicken das Urteil gegen Georg Schmid gesprochen wird, muss ganz schön gestaunt haben, ob der geballten Medienpräsenz im Foyer des Augsburger Amtsgerichts. 22 Jahre lang hatte der ehemalige Landtagsabgeordnete seine Ehefrau als Scheinselbstständige beschäftigt.

Zahlreiche Fotografen hielten dort ihre Apparate fest im Anschlag, sieben Kameraleute hatten die Kameras bereits geschultert, schraubten noch einmal an ihren Objektiven. Schließlich könnte es ja jederzeit soweit sein, dass Schmid durch den Seiteneingang das Gebäude betritt.

Durch das Presse-Gewirr drückt sich ein stattlicher Mann, blau-rot kariertes Hemd, kurze graue Haare.
Aus Dillingen sei er heute gekommen, sagt der Rentner, aus Neugierde. Den Schorsch, den kenne er seit den 80ern. Und weil allgemein etwas schief laufe, im System. "Die Urteile gegen Prominente sind zu milde", poltert er. Zwei Jahre auf Bewährung hat die Staatsanwaltschaft für Schmid gefordert. "Skandalös", schimpft der Dillinger und stapft durch die Menge in den Gerichtssaal.

Eher angespannt tastet sich kurze Zeit später der Angeklagte vorbei an der Medienmeute. Georg Schmid, der so ein Bad in der Menge während seiner politischen Karriere ausgiebig genossen hätte, meidet den Blick in Richtung der Kameras. Sein Gesicht zeigt keine Regung, ein ernstes Pokerface. Mit einer Hand fährt er über ein silbern glänzendes Geländer neben seinem Weg.

Dann saugt der Gerichtssaal die Menschenmasse wie durch einen Trichter durch seine Tür. Drinnen fallen einzelne Sonnenstrahlen durch Spalten in den geschlossenen Jalousien. Es ist warm in dem in hellem Holz gehaltenen Raum. Der Sog hat die Presseleute mittlerweile entlang der Absperrung zum gut gefüllten Zuschauerraum ausgespuckt. Als wären sie an einer Perlenkette aneinandergereiht worden, beobachten, filmen, fotografieren sie Schmid. Noch mehr Kameras, noch mehr Hektik - nur der Mann im Fokus, sitzt wie versteinert da. Die ineinander gefalteten Hände auf dem Tisch ruhend. Der Trubel prallt zumindest äußerlich an ihm ab.

Als Richter Michael Nißl die Meute bittet, das Aufnehmen einzustellen, läuft ein Kameramann gar rückwärts filmend aus dem Saal und rempelt in der Tür einen Mann um. Nun wird es ruhig - nur das Klackern von Laptoptastaturen ist Begleitgeräusch, als Nißl das Urteil verkündet.

Ein Jahr und vier Monate auf Bewährung lautet es. Schmid muss außerdem 120.000 Euro an gemeinnützige Einrichtungen zahlen. "Ja, gut!", frohlockt eine Frau mit langen grauen Haaren und orangenen Strähnchen, die das Urteil auf den Stuhl vor ihr gestützt mit angehört hat. Gebannt lauschen die gut 100 Menschen im Saal nun den Ausführungen des Richters. Die meisten mit strengem Blick geradeaus gerichtet, hier und da wird ein Kopf geschüttelt.

Gemurmelt wird das erste Mal, als Nißl erklärt, wie Abgeordnete beinahe formlos Aufwandsentschädigungen aus einem Topf abschöpfen könnten. Schmid habe die Quelle bis zum letzten Tropfen angezapft. Ein Raunen fährt durch den Saal, als Nißl ausführt, dass der Maximalbetrag 2009 von 55.000 auf 83.000 Euro erhöht wurde und Schmids Ehefrau Gertrud plötzlich 77.000 statt vormals 50.000 Euro im Jahr verdiente. Jetzt werden auch mehr Köpfe geschüttelt, "das darf nicht wahr sein", seufzt die Frau mit den orangenen Strähnchen.

Schmid lässt alles stoisch über sich ergehen. Kommentarlos, mit beinahe empörtem Gesichtsausdruck flüchtet er aus dem Gebäude. "Der ist mit einem sehr blauen Auge davongekommen", kommentiert die Augsburgerin Roswitha Schulz - auch weil Schmid dadurch seine "fürstliche Pension" (Richter Nißl) trotzdem erhalten wird. Die Rentnerin habe jedoch ein "zu mildes Urteil" erwartet, meint sie und ergänzt: "Einem sozial schwächer Gestellten hätte man mehr verpasst."

Auch der Donauwörther Karl-Heinz Schmitt, das Doppel-T betont er in diesem Fall besonders, hat den Prozess über die gesamte Dauer verfolgt. Schmid habe den Bogen überspannt, das Urteil sei gerechtfertigt, findet er. Schlimmer, so sagt der Mann im Trachtenjanker, sei das System der Aufwandsentschädigungen an sich. Das - und nicht Schmid - sei es, was sein Vertrauen in die Politik zerstört habe.

Das merkt auch eine Dame vor dem Gericht an, die in einer Gruppe von Rentnerinnen steht. "Vielleicht ist das einfach nur menschlich", sagt sie beinahe fragend. "Wenn so ein Geldpott da ist und so einfach zugänglich, wer ist da schon gefeit dagegen?"
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