Vom Waisenhaus ins Laufhaus: Wie die Situation Prostituierter in Augsburg wirklich ist

Zum 1. Juli tritt bundesweit das Prostituiertenschutzgesetz in Kraft. (Symbolbild) (Foto: Oleg Iandubaev, 123rf.de)
 
Soni Unterreithmeier leitet die Beratungsstelle der Hilfsorganisation Solwodi in Augsburg. Foto: Solwodi

Die Anzahl der Bordelle steigt in Augsburg seit einigen Jahren sprunghaft. Zum 1. Juli tritt bundesweit das Prostituiertenschutzgesetz in Kraft, das städtische Baureferat arbeitet parallel an einem Bordell-Strukturkonzept. Soni Unterreithmeier von der Hilfsorganisation Solwodi spricht im Interview über die ausweglose Situation der meist ausländischen Prostituierten in Augsburg, über Sex-Tourismus in Deutschland und darüber, wie zerstörerisch Prostitution in den häufigsten Fällen ist.

StadtZeitung: Solwodi setzt sich für die Rechte der Frauen im Augsburger Rotlichtmilieu ein. Versprechen Sie sich vom neuen Prostituiertenschutzgesetz, das am 1. Juli in Kraft tritt, eine Verbesserung der Situation der Prostituierten?


Soni Unterreithmeier: Das Gesetz greift an vielen Stellen zu kurz. Wir hätten uns eine Krankenversicherungspflicht und Sozialversicherungspflicht gewünscht. Denn diese Versicherungen fehlen den ausländischen Frauen. Zudem sieht das Gesetz nur eine Gesundheitsberatung vor. Den Schein bekommt die Frau aber auch ausgestellt, wenn sie nicht gesund ist, denn es ist lediglich eine Beratung gefordert.

StadtZeitung: Die meisten Prostituierten kommen aus dem Ausland. Unter welchen Bedingungen leben die Frauen in Augsburg?

Unterreithmeier: 95 Prozent der Frauen, die in Augsburger Bordellen oder sogenannten Laufhäusern arbeiten, sind Ausländerinnen. Die meisten sind sehr jung und sprechen kaum ein Wort Deutsch. Oft werden sie von ihren Familien geschickt, um Geld zu verdienen. Sie sind im Milieu gefangen, sind abhängig und wissen zum Teil nicht einmal, in welcher Stadt sie sind. Und sie sind innerlich gefangen, weil sie sich nicht zutrauen, aus der Abhängigkeit herauszukommen. Da von Freiwilligkeit zu sprechen, ist zynisch. Direkt aus einem Waisenhaus kam beispielsweise eine 18-Jährige, die wir zuletzt betreut haben. Der Loverboy kaufte sich von ihrem Überbrückungsgeld erst einmal ein Auto. Die sogenannte Liebesverstrickung mit ihren Zuhältern bringt viele Frauen in eine emotionale Abhängigkeit.

StadtZeitung: Sie haben vorhin Gesundheitsberatungen angesprochen...

Unterreithmeier: Unsere Streetworkerin berichtet von ihren Gesprächen mit den Frauen, dass fast jeder Freier fragt, 'geht's auch ohne Kondom'. Da kann man sich leicht vorstellen, wie schnell sich Krankheiten verbreiten.

StadtZeitung: Das neue Gesetz sieht nun ja zumindest eine Kondompflicht vor. Sehen Sie sonst noch etwas Positives am Prostituiertenschutzgesetz?

Unterreithmeier: Es wird Auflagen an die Häuser geben und die Bordellbetreiber sollen besser überprüft werden. Wichtig ist zum Beispiel die Auflage, dass die Frauen dort, wo sie arbeiten, nicht auch schlafen müssen. Auch gewisse hygienische Standards sind enthalten. Die Kehrseite ist, dass die Frauen dies selber bezahlen müssen - und dafür weiter unter Druck geraten. Frauen im Rotlichtmilieu leben in ständiger Angst - Angst vor dem Zuhälter, Angst dem Loverboy nicht zu genügen, Angst die Fixkosten nicht erwirtschaften zu können, Angst vor der Polizei, vor Krankheiten und so weiter.

StadtZeitung: Woran liegt es denn, dass das Gesetz nicht so gestaltet wurde, wie Schutzorganisationen es zum Schutz der Prostituierten fordern?

Unterreithmeier: Das liegt an den Lobbyverbänden

StadtZeitung:Etwa der Berufsverband für erotische und sexuelle Dienstleistungen? Dessen Sprecherin sagte ja zuletzt in der Augsburger Allgemeinen, dass die meisten Prostituierten keine Opfer seien.

Unterreithmeier: Für die wenigen deutschen Frauen, die als Prostituierte arbeiten, mag das stimmen. Aber selbst deutsche Aussteigerinnen berichten davon, wie zerstörerisch Prostitution ist. Viele Frauen, die zu uns kommen, leiden unter Depressionen. Prostituierte werden nicht als Mensch wahrgenommen, sondern nur als Projektionsfläche für sexuelle Fantasien - die oftmals auch noch sadistisch sind. Und wie gesagt, in Augsburg kommen 95 Prozent der Frauen aus dem Ausland. Für all diese Frauen spricht der Verband natürlich nicht.

StadtZeitung: In Augsburg wird gerade ein Bordell-Strukturkonzept erstellt. Wie schätzen Sie dieses ein?

Unterreithmeier: Es ist wichtig, eine Regulierung zu haben, die weitere Neuansiedelungen im Rotlichtmilieu eindämmt, denn: je mehr Einrichtungen, desto größer der Konkurrenzkampf. Das wiederum drückt die Preise und das ist schlecht für die Frauen. Auch andere deutsche Städte sind daran interessiert zu sehen, wie das Konzept in Augsburg wirken wird. Denn etwas Vergleichbares gibt es noch nicht in Deutschland. Einen Schlüssel zu definieren, wie viele Prostituierte es im Verhältnis zu den Einwohnern in einer Stadt geben sollte, ist ein sinnvoller Ansatz.

StadtZeitung: Gerade auch, weil Augsburg mit seinen vielen Bordellbetrieben inzwischen viele Freier von außerhalb anzieht?

Unterreithmeier:Ja. Nehmen Sie beispielsweise die sogenannten FKK-Tours. Das sind organisierte Fahrten, bei denen Sex-Touristen vom Bahnhof oder Flughafen abgeholt werden und mit dem Bus jeden Tag in ein anderes Großbordell gebracht werden. Sowas kenne ich aus keinem anderen Land. Auch das ist unserem liberalen Prostitutionsgesetz geschuldet.
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