Weil Frauen keine Ware sind

Sie kümmern sich um Frauen und Mädchen in extremen Notlagen: Die Mitarbeiter und Helfer von SOLWODI. Die Gründerin der Organisation Schwester Lea Ackermann ist die Friedenspreisträgerin 2014. Seit 2002 gibt es auch in Augsburg eine SOLWODI-Anlaufstelle. Soni Unterreithmeier nimmt sich seit zwölf Jahren der Sorgen von Frauen in Not an.


Ein wichtiges Thema für SOLWODI ist die Zwangsprostitution. In Augsburg sind ein Großbordell, elf weitere Bordelle und rund 130 Wohnungsbordelle der Arbeitsplatz für 600 bis 700 Prostituierte, so die Schätzungen der Augsburger Kriminalpolizei. Weil die Frauen nur kurze Zeit in einer Stadt bleiben, sind es 1500 bis 2000 Frauen jährlich, die sich in Augsburg prostituieren. Über 80 Prozent stammen aus Ost- oder Südosteuropa – und sie lassen sich nicht aus freien Stücken benutzen.

2013 haben sich in Augsburg bei der Polizei 157 Prostituierte neu gemeldet, die unter 21 Jahre alt sind. Das waren doppelt so viele, wie im Jahr zuvor. „Vier davon waren Deutsche, alle anderen brauchten einen Dolmetscher“, sagt Unterreithmeier. Angesichts des Alters, der Unerfahrenheit sei klar, dass „man denen das Gelbe vom Ei versprechen kann“, so Unterreithmeier. „Die sind hier völlig abhängig von den Leuten, die sie hergebracht haben. Da kann von Freiwilligkeit keine Rede sein.“

Die Sozialpädagogin erzählt von einer rumänischen Schülerin, ein Jahr vor dem Abitur, die sich ihren Traum vom eigenen Auto mit Prostitution in Deutschland erfüllen wollte. Sie glaubte die Lügen, dass sie in drei Monaten Sommerferien genügend Geld verdienen könnte. „Stattdessen landete sie bei einem Pärchen, dass sie als Leibeigene bedienen und dabei 24 Stunden am Tag für Freier bereit stehen musste“, erinnert sich Unterreithmeier.

Wie groß die Not ist, zeigen die Zahlen der Fachberatungsstelle von SOLWODI-Augsburg. Allein in 2013 gab es 54 Erstkontakte. „Insgesamt wurden in Augsburg im vergangenen Jahr 52 Frauen neu beziehungsweise aus dem Vorjahr weiter betreut“, verzeichnet SOLWODI-Augsburg auf der eigenen Internetseite. Neben Menschenhandel, Zwangsprostitution und Zwangsverheiratung muss sich Unterreithmeier zunehmend um die Probleme von Asylbewerberinnen kümmern. Diese hätten oft Gewalt durch Männer erfahren: in ihrem Heimatland als Ursache für die Flucht, während der Flucht oder hier in einer Unterkunft für Asylsuchende.

Erst seit 2013 hat Unterreithmeier die Unterstützung durch eine zweite Fachkraft – und ein Büro am Königsplatz. Von der Stadt Augsburg gibt es einen Personalkostenzuschuss und sie zahlt die Miete für das Zimmer. „Ohne Spenden könnten wir unsere Arbeit gar nicht tun“, stellt Unterreithmeier nüchtern fest.

Dabei leistete sie mit ihrer Kollegin Rita Hieble einen entscheidenden Beitrag bei der Erstellung eines Gesamtkonzepts zur Verbesserung der Situation der Prostituierten in Augsburg. Ziel sind „neue, spezifische Gesetze auf Bundes- und Landesebene, die die Prostitution neu regeln und den Städten und Gemeinden die nötigen Mittel in die Hand geben, die durch das Prostitutionsgesetz 2002 entstandenen Missstände zu bekämpfen, die in der Prostitution tätigen Frauen wirkungsvoll zu schützen und die Täter effektiv zu verfolgen und zu bestrafen“.

Durch die Vergabe des Friedenspreises an Schwester Ackermann hofft Unterreithmeier, dass die Arbeit von SOLWODI mehr öffentliche Aufmerksamkeit erfährt. Gleichzeitig wünscht sie sich, dass das Thema der Zwangsprostitution stärker in den Fokus rückt. „Uns geht es nicht um Moral. Uns geht es um Menschenrechte“, sagt Unterreithmeier. „Denn auch Frauenrechte sind Menschenrechte.“

Info: Die Beratungsstelle in Augsburg ist in der der Schießgrabenstraße 2, Telefon 0821/50 87 62 64, E-Mail augsburg@solwodi.de. Wer die Arbeit von SOLWODI unterstützen möchte, kann dies tun über das Spendenkonto bei der Liga Bank EG: BLZ 750 903 00, Konto 21 41 40.

Die Entstehung von SOLWODI

SOLWODI (SOLidarity with WOmen in DIstress / Solidarität mit Frauen in Not) ist ein überkonfessioneller und überparteilicher Verein, der Frauen in Notsituationen hilft. Der Ursprung liegt in Mombasa, Kenia, wo die Initiative 1985 ins Leben gerufen wurde.

Als Schwester Dr. Lea Ackermann Anfang der 1980er Jahre als Lehrerin in Mombasa war, kam sie dort ins Gespräch mit kenianischen Frauen, die aus Not heraus in der Prostitution arbeiten mussten. Diese schreckliche Situation veranlasste sie, 1985 den Verein SOLWODI ins Leben zu rufen, der bis heute Ausstiegshilfen und Beratung für kenianische Prostituierte anbietet.

Nach ihrer Rückkehr nach Deutschland fielen Lea Ackermann hier die Probleme ausländischer Frauen auf. So gründete sie 1987 den gemeinnützigen Verein SOLWODI e.V. in Deutschland.

SOLWODI arbeitet unabhängig und überkonfessionell für die Rechte von Migrantinnen, die in Deutschland in Not geraten sind, seien es Opfer von Menschenhandel, Ausbeutung, Gewalt oder Zwangsheirat.
Zu den Arbeitsschwerpunkten gehören psychosoziale Betreuung, Vermittlung juristischer Hilfe, Unterbringung und Betreuung in Schutzwohnungen, Integrationshilfen und auch Rückkehrberatung.

(Quelle: www.solwodi.de)
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