Weit entfernt vom "großen Wurf": Stadtrat stimmt AVV-Tarifreform trotz Unzufriedenheit zu

Neuer Tarifplan: Ab 1. Januar 2018 wird die Augsburger Innenstadt zur Doppelzone und damit auch doppelt so teuer. Foto: David Libossek

Rund zwei Stunden haben am Donnerstag in der Sitzung des Augsburger Stadtrates die Diskussionen zur geplanten AVV-Tarifreform angedauert. Zwei Stunden, in denen oft von einem "großen Wurf" die Rede war, den die Stadträte gerne gesehen hätten. Einem 365-Euro-Ticket, mit dem jeder für einen Euro pro Tag zeitlich unbegrenzt im Gebiet des AVV die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen kann. Doch davon ist der neue Tarifplan noch weit entfernt. Während ein Teil der Stadträte die aktuelle Reform zumindest als "Schritt in die richtige Richtung" sieht, ist sie für den anderen Teil "nicht gelungen" oder gar "völlig kontraproduktiv". Mit 17 Gegenstimmen hat der Rat der Reform dennoch zugestimmt.

In der vergangenen Woche hatten bereits die Mitglieder der Kreisausschüsse aus den Landkreisen Augsburg, Aichach-Friedberg und Dillingen sowie der Wirtschaftsausschuss der Stadt Augsburg ihr Okay zum neuen Tarifplan gegeben, der zum 1. Januar 2018 in Kraft treten soll (wir berichteten). Mit der Reform sollen vor allem Vielnutzer belohnt und vom Abschluss eines zum Teil nun deutlich günstigeren Abos überzeugt werden. Bereits ab 30 Euro soll das Spar-Abo für die Zonen 10 und 20 erhältlich sein, das allerdings erst ab 9 Uhr gültig ist. Wem das zu spät ist, der muss auf das Basis-Abo zurückgreifen, das mit 50 Euro dem derzeitigen Umweltabo entspricht.

ÖPNV soll günstiger sein als die Fahrt mit dem Auto

"Das kann für uns nur ein Anfang sein", sagte Stephanie Schuhknecht (Grüne). "Wir wollen auf Dauer Mobilität ohne zeitliche Einschränkung für möglichst viele Menschen." Dennoch stimme ihre Fraktion der Reform zu, denn sie sei zumindest "ein guter Einstieg". Man dürfe das Positive nicht aus den Augen verlieren. Wer bislang aus Meitingen nach Augsburg pendle, zahle 135 Euro pro Monat. Mit dem Auto seien es etwa 120 Euro, rechnet sie vor. Nach der Reform koste dieselbe Strecke nur noch 90 Euro. "Damit ist der ÖPNV nun deutlich günstiger als die Fahrt mit dem Auto."

Ihn überzeuge die Reform nicht, erklärte ÖDP-Stadtrat Christian Pettinger und bringt ein anderes Rechenbeispiel. "Wer derzeit mit einem Umweltabo Plus von Pfersee in die Innenstadt fährt, bezahlt 36,80 Euro. Nach der Reform werden es 44 Euro sein. Diese Preissteigerung von 19,57 Prozent ist durch nichts zu rechtfertigen. Da werden die Leute den Nahverkehr bleiben lassen."

"Für die meisten bedeutet die Reform eine Erhöhung"

Sparen könne man nach der Reform nur noch in Bereichen, die sowieso kaum genutzt würden, monierte Alexander Süßmair (Linke). "Für die meisten bedeutet die Reform eine Erhöhung. Und zwar eine nochmalige Erhöhung zu der, die ja bereits stattgefunden hat." Gelegenheitsnutzer zu bestrafen, hält er für eine "völlig kontraproduktive Strategie". Zum Ausgleich für die teils günstigeren Abos sollen Einzelfahrten mit der Reform teurer werden. So gilt etwa das Augsburger Stadtgebiet künftig als Doppelzone. Damit wird für eine kurze Fahrt innerhalb der Innenstadt ein Preis von 2,90 Euro fällig. Lediglich wer maximal vier Haltestellen zurücklegt, kann eine Kurzstrecken-Karte für 1,45 Euro nutzen. "Gelegenheitsfahrer werden da lieber gleich mit dem Auto fahren", fürchtet Süßmair.

Auch Margarete Heinrich, Fraktionsvorsitzende der SPD, wollte dem neuen Tarifplan nicht zustimmen, der "vor allem Senioren und die Nutzer des Sozialtickets benachteiligt", die nun vor 9 Uhr gar nicht mehr günstig fahren könnten. "Wir schmeißen damit faktisch Leute raus, die nicht mehr wieder kommen", kritisierte auch Volker Schafitel (Freie Wähler) die zeitliche Einschränkung des Abos. "Ein Erfolgs-ÖPNV-Tarif ist das nicht. Ich fürchte, wir werden eher Fahrgäste verlieren."

Zustimmung trotz Kritik

Peter Grab (WSA) empfindet den neuen Tarifplan ebenfalls als "noch keinen gelungenen Entwurf. Ich werde dennoch zustimmen, weil er zielführend in die richtige Richtung geht". Ähnlich sieht das Claudia Eberle (CSM): Einige Änderungen seien aber dringend notwendig. So regte sie etwa an, dass der Nachtbus mit 2,70 Euro zu teuer würde. Man solle ihn entweder in den Normaltarif integrieren oder zumindest für Fahrgäste mit Abo günstiger machen.

"Der AVV ist wie ein riesiger Sack voll Flöhe, dem man eine Choreographie beibringen will", beschreibt Marc Zander (CSU) die Bemühungen im zuständigen Arbeitskreis, eine ausgeglichene Reform zu erarbeiten. Das 365-Euro-Ticket wäre der "große Wurf" gewesen, doch dafür müsste die Stadt einen zweistelligen Millionenbetrag in den AVV stecken. "Die Reform ist so sicher nicht perfekt, aber sie ist ein Versuch, den großen Wurf in Zukunft zu schaffen. Eine Ablehnung würde dagegen gar nichts ändern", argumentierte er.

Beschluss im Stadtrat: Evaluaierung und "gleitende Abos"

Die Mitglieder entschieden nach langer Debatte mit 17 Gegenstimmen für die Reform. Sie stimmten, wie schon der Kreisausschuss, auch für eine Evaluierung nach zwei Jahren. Ebenfalls beschlossen wurde ein Ergänzungsantrag der Grünen, nach dem "gleitende Abos" in den Tarifplan aufgenommen werden sollen. Mit diesen soll es möglich sein, Monatskarten ab dem Tag des Kaufes und nicht mehr nur ab dem ersten des jeweiligen Monats zu nutzen.
(Von Kristin Deibl)
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