Wettlauf gegen die Zeit: Theater-Interim am Augsburger Martinipark wird teurer

Arbeiten im Akkord fürs Interim: Von hier aus soll das Publikum in Halle B 12 von der 620 Zuseher fassenden Tribüne ab Oktober auf die Bühne sehen. Beides muss erst noch errichtet werden - ein Wettlauf gegen die Zeit. Die Verantwortlichen sind jedoch zuversichtlich. Foto: David Libossek

Augsburg - Die Halle B 12 im Martinipark wird derzeit zu einer der beiden Interimsspielstätten für das Theater umgebaut. Der Zeitdruck ist enorm: Am 1. Oktober soll hier der "Freischütz" Premiere feiern. Die Verantwortlichen sprechen daher von einem bundesweit einmaligen Projekt - und müssen einräumen, dass die Kosten die beschlossene Bausumme übersteigen werden.

In Halle B 12 stehen zwei Männer auf einer knallroten Hebebühne und inspizieren die Decke, durch deren Fenster Licht auf den staubigen Betonboden fällt. Auf ihm ruhen weitere Baumaschinen, ansonsten ist die Lagerhalle leer. In 100 Tagen sollen hier 620 Zuseher von einer Tribüne aus die Premiere der Oper "Der Freischütz" sehen. Es ist schwer vorstellbar.

"Wir beim Theater haben glücklicherweise eine Menge Fantasie", entgegnet Friedrich Meyer, der seine Stimme erheben muss, weil irgendwo auf den rund 7000 Quadratmetern des Gebäudekomplexes eine Maschine röhrt. Der kaufmännische Direktor des Theaters ist überzeugt, dass "wir hier am 1. Oktober spielen werden". Ein Wettlauf gegen die Zeit; das Büro, das die theaterspezifischen Umbauten durchführt, erhielt den Zuschlag vor weniger als einem Jahr.

Im Verhältnis von Zeit zu Dimension sei es, merkt Stefan Schleifer vom Kulturreferat an, "ein bundesweit einmaliges Projekt". Eine Halle, in der einst Material zur Herstellung von Schwämmen lagerte, wird zum Kurzzeitkulturtempel. Mindestens fünf Jahre lang sollen hier Musiktheater und - bis Interimsspielstätte zwei, das Gaswerkareal, bereit ist - auch das Sprechtheater unterkommen. Daher entstehen eine Tribüne, eine Bühne mit der nötigen Technik sowie ein Orchesterbereich. Hinzu kommen ein Raum für Kulissen und Requisite, ein Orchesterprobensaal - größer als jener im sanierungsbedürftigen Theaterkomplex in der Innenstadt - und eine Probebühne.

Nachdem das Große Haus wegen akuter Brandschutzmängel schon im Juni schließen musste und der Kongress am Park wegen zu wenig lukrativer Spieltermine ausschied, musste es schnell gehen mit dem Martinipark. Schon im vergangenen Winter führte das Theater hier in einer provisorisch umgestalteten Halle B 12 "Der jüngste Tag" auf. Campingplatzatmosphäre, sagten Theatermitarbeiter beinahe liebevoll. Allerdings: Das Publikum fror und nahezu alle Schauspieler wurden krank.

Kosten für Heizung und Lüftung steigen um 400 Prozent

Auch jetzt ist die Heizung gemeinsam mit der Lüftungsanlage ein Problem für das Kulturreferat. Weil die Bauaufsicht fünf Jahre nicht mehr als Interim durchgehen lässt, gelten Auflagen wie für das Große Haus. Das lässt die Kosten von geplant 250.000 Euro um rund 400 Prozent steigen. Ein schmaler Grat, sagt Schleifer, eine Lösung zu finden, die "komfortabel und genehmigungsfähig ist" - und gleichzeitig möglichst günstig. "Das ist kein Luxus", wirft er ein. Der Umbau kostet somit dennoch fast 3,4 statt der beschlossenen 2,3 Millionen Euro. Hinzu kommt die Miete, die die Stadt an die Martini-Gruppe zahlt, die ihrerseits die Funktionsräume herrichtet.

Von einem schwarzen Tag wolle Meyer dennoch nicht sprechen. "Die sauren Tage waren die, als wir rigoros rausgestrichen haben, um die bühnenspezifischen Dinge auf ein Minimum zu bringen", sagt er. Denn bereits die Ausschreibungen ließen erahnen, dass dieses Projekt seine Tücken mit sich bringt. Die erste Ausschreibungsrunde im Bereich Heizung und Lüftung etwa. "Firmen, die sich meldeten: Null", bilanziert Schleifer. Anschließend seien teils hahnebüchene Summen aufgerufen worden. "Der Markt boomt, kaum einer will so viele Arbeiten in so kurzer Zeit umsetzen." Deshalb, so Meyer, sei der entscheidende Tag jener gewesen, an dem die Firmen feststanden. Zumal das Vorhaben nun einmal nicht mehr aufzuhalten gewesen sei. Die Abonnements seien verkauft, die Taktung des Spielplans mit 170 Vorstellungen im Jahr wäre über den Haufen geworfen, erläutert Kulturreferent Thomas Weitzel. Auch dürfe man die rund 200 Arbeitsplätze, die mit in den Park umziehen, nicht vergessen.

Schleifer fasst die Krux dem Thema dramaturgisch angemessen zusammen: "Wir können nicht mehr zurück."
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