Zwei neue Baugebiete gegen die Wohnungsnot - und viel Verwirrung um den Naturschutz

Die Augsburger Stadträte haben zwei neue, große Baugebiete auf den Weg gebracht. (Symbolbild) (Foto: Fu Qiang, 123rf.de)


Eine "enorme Nachfrage nach Wohnraum" hat das Amt für Stadtforschung in Augsburg ausgemacht. Mit zwei neuen Baugebieten, auf den Arealen Haunstetten-Südwest und Radegundis, wollen die Stadträte dieser Entwicklung gerecht werden. In der jüngsten Sitzung des Bauausschusses ging es jedoch weniger um Wohnungsbau als um die doch recht knifflige Frage nach der Grenze eines Naturschutzgebietes.

Es hatte fast ein bisschen was von Reise nach Jerusalem: Während Baureferent Gerd Merkle über Potenziale für neue Baugebiete referierte verließen einzelne Stadträte ihre Plätze, liefen um das Tischoval des Sitzungszimmers und präsentierten sich gegenseitig Kartenmaterial der Ausläufer der Westlichen Wälder.

Ein Naturschutzgebiet - oder doch nicht? Oder doch?

"Finger weg vom Naturpark", proklamierten die Grünen. "Die Flächen sind in der Natur, aber nicht im Schutzgebiet", hielt Beate Schabert-Zeidler dagegen. Die Pro-Augsburg-Stadträtin und der Grüne Cemal Bozoglu lieferten sich ein Duell um Radegundis - also um das Gebiet nördlich von Wellenburg, rund um das Gelände des ehemaligen Sägewerks.

Die Idee, an dieser Stelle zu bauen, ist nicht neu - wurde aber bislang zurückgestellt. Zum einen, weil das Entwicklungskonzept von 2010 den Stadträten nicht gefallen hatte. Zum anderen, da bisher der Grundsatz galt, bei Neubauten der Innenentwicklung - auf Brachen, alten Kasernenflächen und Baulücken - Vorrang zu gewähren. Angesichts des Bevölkerungszuwachses in Augsburg hat man sich davon nun verabschiedet, denn der Platz auf diesen innerstädtischen Arealen würde lediglich für 12 000 Wohneinheiten reichen und somit maximal den Bedarf der nächsten zehn Jahre abdecken, rechnete Baureferent Merkle vor. Zumal zahlreiche Flächen in Privatbesitz seien. In den Außenbereichen ergeben sich demgegenüber insgesamt rund 358 Hektar, etwa 14 300 Wohneinheiten könnten dort geschaffen werden, so schätzt die Stadtverwaltung.

Von diesen Außenflächen ist das Gebiet westlich der Radegundisstraße das umstrittenste. Man habe an dieser Stelle "Biotop-Charakter", sagte Bozoglu, der sich kurz darauf von CSU-Stadtrat Leo Dietz maßregeln lassen musste, er solle die Auswertung der Stadtverwaltung nicht in Frage stellen. Doch diese änderte im Zuge der Sitzung selbst ihre Meinung - nach Rücksprache mit dem Geodatenamt und einigen Neben-Diskussionen mit durch den Raum kreisenden Stadträten.

"Also doch?", zeigte sich Bauausschuss-Vorsitzender Stefan Quarg überrascht. "Wenn der Bereich tatsächlich im Landschaftsschutzgebiet liegt, haben wir eine andere Rechtslage", stellte der SPD-Mann fest. Sein Vorschlag: Radegundis bis zur nächsten Stadtratssitzung zurückzustellen und sich die Gegebenheiten noch einmal vor Ort anzuschauen. Erst abzustimmen, wenn es Klarheit in der Naturschutz-Frage gibt, beantragten schließlich die Grünen. Doch die Mehrheit der Räte folgte diesem Vorschlag nicht und beauftragte stattdessen die Verwaltung, nun erste Planungsschritte für ein Baugebiet einzuleiten.

Sozialer Wohnungsbau - "Ich kann es bald nicht mehr hören"

Tätig werden darf die Stadtverwaltung auch auf dem Gelände Haunstetten-Südwest, so der zweite Beschluss der Sitzung. Dort stehen 200 Hektar zur Verfügung - so viel wie auf allen alten Kasernenflächen im Stadtgebiet zusammen.

Ein erster Entwurf geht von Wohnhäusern im Osten, einem "Grünkorridor" in der Mitte des Areals, welcher der Naherholung dienen soll, und einem Gewerbegebiet im Westen aus. Als Puffer zur B 17 ist ein weiterer Grünstreifen angedacht. Zwischen 8000 und 12 000 Menschen könnten dort einmal leben.

Wer in mittelferner Zukunft in die Häuser in den Außengebieten einziehen soll, auch darüber gingen die Meinungen im Bauausschuss auseinander. "Wir brauchen auch teure Wohnungen, nicht nur Sozialen Wohnungsbau. Ich kann es bald nicht mehr hören", empörte sich Hedwig Müller (CSU). Ob denn die Chefärzte der Uniklinik in Neusäß wohnen sollten, fragte sie.

"Es ist doch nicht so, dass wir keine Neubaugebiete für Gutverdiener haben", erwiderte Volker Schafitel (Freie Wähler) und forderte: "Wir brauchen vor allem günstiges Wohnen"; während Florian Freund (SPD) vor einem "Reichenghetto" warnte und sich für eine "durchmischte Bevölkerung" aussprach.

Eine Entlastung für den Wohnungsmarkt werden die Gebiete ohnehin noch lange nicht sein. Von mindestens fünf bis zehn Jahren Planungszeit geht die Stadt für das große Areal im Südwesten Haustettens aus. Am Anfang stehen nun erst einmal Verhandlungen mit über 100 Grundstückseigentümern. Und südlich von Radegundis ist naturschutzrechtlich womöglich das letzte Wort noch nicht gesprochen.
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