Zwischen den Fronten der Pflege

Werner Chodora war als Ombudsmann für Senioren ein Jahr lang Vermittler zwischen Heimbewohnern, Pflegekräften und Behörden. Den Vorwurf, er sei gescheitert, weist er zurück. Foto: Altenhilfe


Beschwerden in der Altenpflege sind oft eine "ganz heiße Kiste", sagt einer, der es wissen muss. Werner Chodora legt die Stirn in Falten und setzt zu einer rhetorischen Frage an: Wann handelt es sich wirklich um einen Übergriff auf einen Heimbewohner, wann um eine Fahrlässigkeit und wann steckt "wildes Denunziantentum" von unzufriedenen Angehörigen hinter einer Beschwerde? Ein Jahr lang war Chodora Ombudsmann für die Senioren Augsburgs. Der Stadtrat hatte die Stelle geschaffen, nachdem es 2014 massive Vorwürfe gegen das städtische Seniorenheim "Haus Lechrain" gegeben hatte. Nach einer einjährigen Probephase war für den Ombudsmann Ende April Schluss, die Augsburger Stadträte verlängerten das Projekt nicht.

"Vollkommen in Ordnung", sei diese Entscheidung gewesen. "Gescheitert", wie in der Tagespresse zu lesen war, sei er aber keinesfalls. Der Mann, der wirkt als könne ihn nichts aus der Ruhe bringen, scheint für einen Moment verärgert. Dass niemand mit ihm habe sprechen wollen, sei Quatsch. 20 Betroffene hätten sich mit Problemen an ihn gewandt. Was nach wenig klingt, sei durchaus beachtenswert. "20 Personen im Jahr sind etwa 2,5 Prozent der Bewohner beziehungsweise deren Angehörigen. Hochgerechnet auf zehn Jahre wären das 25 Prozent", rechnet Chodora vor. Zumal er nur für die städtischen Einrichtungen zuständig gewesen sei. Hätten sich andere Träger, wie etwa die Caritas, auch beteiligt, wäre der Bedarf freilich höher ausgefallen. Sozialreferent Stefan Kiefer habe bei allen angefragt - und eine Absage erhalten, erzählt der Ex-Ombudsmann.

Wenn alle Träger zusammen kämen, wäre dies "ein schönes Zeichen", wagt er einen wohl eher utopischen Blick in die Zukunft, denn die gesamte Branche habe Transparenz durchaus nötig.

Mit der Transparenz sei es aber auf beiden Seiten nicht immer ganz einfach, resümiert der Sozialpädagoge im Ruhestand. Regelmäßig komme vor, dass Pflegeheim-Bewohner oder Angehörige Vorwürfe zurücknehmen, wenn sie erfahren, dass die Vorwürfe nicht anonym behandelt werden könnten. In Fachkreisen gehe man davon aus, dass auch bei offiziellen Stellen wie der Heimaufsicht etwa 50 Prozent der Beschwerden zurückgezogen werden, wenn bekannt wird, dass der Träger das Recht hat, zu erfahren, wer eine Beschwerde erstattet hat. Die Angst der Verwandten, dass Nachteile für ihre Angehörigen entstehen könnten, sei groß.


Pflege: Verständnis für beide Seiten


Hinzu komme ein generelles Problem: "Die Angehörigen meinen, sie zahlen zu viel, die Pfleger meinen, sie bekommen zu wenig." Chodora wünscht sich Verständnis für beide Seiten - und freilich angemessenere Bezahlung für Pfleger.

Als personifizierte außergerichtliche Beschwerdestelle habe er sich auch mit "relativ viel Vertragsgeschichten" befassen müssen. Und da ist sie wieder: die "heiße Kiste" - übertrieben und unnötig kompliziert seien die Verträge, die die Unterbringung in den Altenheimen regeln. In einem konkreten Fall habe er gar einen "möglichen Widerspruch in verschiedenen Gesetzestexten" entdeckt, erzählt der 61-Jährige. Der Umzug eines Bewohners in eine andere Einrichtung sei die Ausgangslage gewesen. Auf die Frage, wie lange nach der Kündigung des alten Heimplatzes noch für die Unterbringung gezahlt werden müsse, hätten zwei Gesetze zwei unterschiedliche Zeitangaben geliefert. Der Sozialpädagoge fordert "andere, einfachere Formulierungen" - wie nötig dies wäre, illustriert auch die verklausulierte Antwort des Bayerischen Staatsministeriums für Gesundheit und Pflege auf Chodoras möglichen Widerspruch, die mit dem Satz beginnt: "§ 87a Abs. 1 SGB XI hat Vorrang gegenüber § 11 Abs. 1 WBVG." Bei der folgenden Begründung steigt dann selbst der geneigte Leser spätestens bei "Auslastungskalkulation im Rahmen der Pflegesatzverhandlung" aus dem Text aus. Chodora plädiert daher dafür, die alten Leute und deren Angehörige nicht mit derlei Juristen-Deutsch alleine zu lassen. Bei der Stadt Augsburg hätte er eine Vereinfachung der Verträge angeregt. Überhaupt: Seine Erfahrungen als Ombudsmann habe er alle an das Beschwerdemanagement der Altenhilfe und an die Heimaufsicht weiter geben können.

Im Seniorenzentrum Lechrain präsentiert die Altenhilfe inzwischen in Aushängen alle Stellen, bei denen man sich beschweren kann - von Hausleitung und Heimaufsicht über den Medizinischen Dienst der Krankenkassen bis zur Beschwerde-Hotline der Staatskanzlei. Begrüßenswert sei das, findet Chodora - und ein weiterer Beweis, dass seine Arbeit sich gelohnt habe.
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