Zwischen "deutschlandweit einmalig" und "eine Zumutung": So lief der "Bürgertalk" zum Modular

Auf dem Podium des Bürgertalks diskutierten (von links) Kulturreferent Thomas Weitzel, Ordnungsreferent Dirk Wurm, Oberbürgermeister Kurt Gribl, Moderator Horst Thieme und Umweltreferent Reiner Erben mit Befürwortern und Gegnern des Modular-Standorts am Wittelsbacher Park. Foto: Janina Funk
Etwa eine Stunde lang diskutieren hauptsächlich jüngere Teilnehmer im "Bürgertalk" zur Standortfrage des Modular-Festivals mit der Stadtregierung. Da meldet sich eine ältere Dame zu Wort - und setzt zu einem pointierten und versöhnlichen Beitrag an. "Ich bin auch eine Gegnerin des Modulars", sagt sie und macht eine rhetorische Pause, "eventuell gewesen".

Die Frau mit grauem Haar und rahmenloser Brille heißt Doris Beischler und ist Anwohnerin des Wittelsbacher Parks, der großen Grünanlage inmitten Augsburgs, in der das Jugendkultur-Festival seit mehreren Jahren stattfindet. Als Naturschützerin stellt sie sich den etwa 200 Gästen der Veranstaltung im Foyer der Kongresshalle vor. Beruhigt habe sie an diesem Abend vor allem "Herr Erben in Bezug auf die Fauna".

Herr Erben, das ist freilich Umweltreferent Reiner Erben, der neben Oberbürgermeister Kurt Gribl, Ordnungsreferent Dirk Wurm und Kulturreferent Thomas Weitzel bei diesem rund zweistündigen Bürgertalk auf dem Podium sitzt. Neben den Plätzen für die Vertreter der Stadtregierung und für Moderator Horst Thieme stehen zwei freie Stühle auf der Bühne. Darauf, so das Konzept der Veranstaltung, setzen sich abwechselnd Bürger aus dem Publikum, die ihre Argumente für und gegen den umstrittenen Standort vortragen.

2016 hat "die Wiese ausgeschaut wie Sau"

Um drei Aspekte geht es denjenigen, die den Wittelsbacher Park als Ort für das Jugendkulturfestival ablehnen: Anwohnerbelästigung, Lärm und Naturschutz.

Bevor Doris Beischler das Wort ergreift, referiert Referent Erben über den Einfluss des Modulars auf die Flora und Fauna des Parks, der nicht nur Naherholungsort für die Augsburger ist, sondern auch Landschaftsschutzgebiet. Auf einem solchen Areal könne man kein Festival veranstalten, so das Argument der Gegner. Erben gibt zu: Nach dem Modular 2016 habe "die Wiese ausgeschaut wie Sau". Ihm und den Verantwortlichen im Amt für Grünordnung sei klar gewesen, solche Zustände darf es nicht noch einmal geben.

Umweltkonzept ging auf: "2017 ist überhaupt nichts schiefgelaufen"

Den Organisatoren vom Stadtjugendring Augsburg hätte man daher die Vorgaben gemacht, sich ein Umweltkonzept zu überlegen. Und dieses sei aufgegangen. "2016 ist einiges schiefgelaufen, 2017 ist überhaupt nichts schiefgelaufen."

Es gab abgesperrte Bereiche zum Schutz der Bäume, einen Plan, wo und wie die Bühnen aufgestellt werden, ein "Vogelmonetoring", also eine Kontrolle der Brutnester, und ein Konzept zur Müllvermeidung, zählt Erben auf. Mit dem Wetter habe man allerdings Glück gehabt. Wenn es regnet, könnte es trotz Konzept durchaus sein, dass wegen matschigem Grund Bereiche des Parks "danach für ein, zwei Monate gesperrt werden müssen".

Das, so sei seine persönliche Meinung, müsse man als Stadtgesellschaft aber für ein solch bedeutendes Festival aushalten.

Standortfaktor Park:  Modular "in ganz Deutschland bekannt"

Die Bedeutung des Modulars für Augsburg heben zahlreiche Redner an diesem Abend hervor. "Die Location ist deutschlandweit einzigartig", sagt der Augsburger Musiker Bruno Tenschert. Ein anderer Mittdreißiger, der sich ebenfalls als Musiker vorstellt, betont: "Das Modular ist inzwischen in ganz Deutschland bekannt. Und ich denke, die Location ist ein Grund dafür." Lauter Applaus im Publikum.

Er wohne zudem an der Freilichtbühne, sagt der Mann mit Sakko und weißen Turnschuhen noch. Die mache auch Lärm, aber da müsse man halt ein bisschen tolerant sein.

Anwohner des Wittelsbacher Parks stört "der Krach"

Lärmbelästigung - das zweite große Thema: Es sei so laut gewesen, "mir ist ein Spiegel von der Wand gefallen", klagt eine Anwohnerin aus dem Hotelturm. Eine Frau aus dem nahen Beethoven-Viertel moniert: "Wir haben auch bei geschlossenem Fenster den Krach gehört." Die Hotelturm-Bewohnerin fasst zusammen: "Ich bin für das Modular, aber muss es denn im Wittelsbacher Park sein?"

Ein Standortwechsel, antwortet Ordnungsreferent Wurm, löse das Problem nicht, denn Anwohner, die sich durch laute Musik belästigt fühlen könnten, gebe es überall in der Stadt. Wichtig sei, dass die Grenzwerte eingehalten werden. Dieses Jahr hätte vor allem an einem Abend ein starker Westwind in Kombination mit einer "basslastigen Band" einen Strich durch die Rechnung gemacht, sagt Wurm. OB Gribl betont, in 80 Prozent der Fälle seien die Grenzwerte eingehalten worden.

"Das bin dann ich, die Euren Dreck weg machen muss" 

Einen Vorschlag für alle geplagten Anwohner macht etwas später die "eventuell" überzeugte Doris Beischler. Sie erzählt: "Familie Beischler packt einfach die Koffer und fährt das Wochenende aufs Land." Als die Jugendlichen im Publikum jubeln, schiebt sie aber gleich mahnend hinterher, die Festivalbesucher sollen doch bitte nicht an die Hauswände urinieren oder sich auf die Grundstücke der Anwohner übergeben. "Das bin dann nämlich ich, die Euren Dreck weg machen muss."

Wenn die Anwohner weniger belästigt würden, der Lärm so gering wie möglich bliebe und die Natur geschützt werde, dann passe der Standort, sagt Beischler, die auch noch eine Spitze für die Stadtspitze auf Lager hat. "Als Anwohner hätten wir schon gehofft, dass das Festival aufs Gaswerkgelände verlegt wird - wie uns versprochen wurde."

Gaswerkareal 2018 "sicher noch nicht so weit"

Auf ein Schreiben der Stadt Augsburg bezieht sie sich damit, in dem den Bewohnern rund um den Wittelsbacher Park eröffnet worden war, dass das Modular 2016 das letzte Mal in ihrer Nachbarschaft sei. Gribl erklärt, er habe mitgeteilt, "dass wir dabei sind, einen anderen Standort zu suchen. Nichts anderes gilt heute." Das Gaswerkareal in Oberhausen, auf dem derzeit ein neues Kulturquartier entsteht, sei für 2018 sicher noch nicht so weit.

Der Park sei schön, hebt Franz Schenck vom Stadtjugendring hervor, "aber es gibt auch andere schöne Orte, wo wir hingehen könnten, wenn die Rahmenbedingungen stimmen". Eine solche Alternative habe man bisher aber noch nicht gefunden, sagt der Vorsitzende der Jugendorganisation und nennt ein paar Beispiele: Messe, zu teuer. Festwiese in Göggingen, zu klein.

Zudem wünschen sich die Veranstalter einen Standort, der sich nicht zu weit draußen befindet, denn eben diese zentrale Lage in einer großen Stadt mache das Modular einmalig.

Endgültige Entscheidung soll im November fallen

Schenck versichert, die Kritik und die Anregungen der Anwohner ernst zu nehmen. Bevor der Stadtjugendring allerdings mit den Planungen fürs nächste Jahr starten kann, muss die Stadt sich endlich festlegen, an welchem Standort die Jugendkultur 2018 gefeiert werden soll.

Wie geht es also weiter? Jetzt seien die entsprechenden Gremien gefragt, sagt Gribl. Zunächst soll die Debatte im Kulturausschuss weitergeführt werden, dann im Stadtrat. Eine Entscheidung, so kündigt der OB an, solle im November fallen.

Dann weiß auch Familie Beischler endlich, ob sie nächstes Jahr wieder die Koffer für ein Wochenende auf dem Land packen wird.
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