Augsburger Panther: Der große Rückblick auf das fast perfekte Eishockeymärchen

Das Motto der Fans im Viertelfinale trug den AEV bis ins siebte Spiel. Fans und Schals bleiben in Augsburg, ein Großteil des Teams macht ebenfalls "immer weiter"
 
Die Erfolgstrainer Mike Stewart und Tray Tuomie.
 
Obwohl beide Torhüter im Viertelfinale angeschlagen waren leisteten Jonathan Boutin und Ben Meisner Großartiges gegen Nürnberg.
 
Mark Cundari war der punktbeste Verteidiger der vergangenen Saison - und bewies, dass er auch mit den Fäusten flink sein kann.
 
Justin Shugg kam nach TJ Trevelyans schwerer Verletzung und spielte sich vor allem durch seinen Hattrick gegen München in die Herzen der Fans.

Mike Stewart hat das Aus gegen Nürnberg noch nicht ganz verdaut: "Wir waren eigentlich das bessere Team und haben ans Weiterkommen geglaubt" meinte er nach der finalen 3:5-Niederlage. Was ihm und den Fans bleibt ist die Erinnerung an die beste DEL-Hauptrunde des traditionsreichen AEV und eine herausragende Leistung in sieben Playoff-Spielen gegen die Thomas Sabo Ice Tigers aus Nürnberg.

Und der Wunsch, mit einem eingespielten Team auch in der Saison 2017/18 wieder begeisterndes Eishockey zu zeigen und mindestens ein Spiel mehr zu gewinnen.

Das erfolgreiche Team bleibt beim AEV:
Auch Mike Stewart verlängert

Denn der Grundstock der tollen Mannschaft bleibt in Augsburg, 18 Spieler haben Verträge für die kommende Saison, so viele wie noch nie. Noch offen sind der Verbleib von Spielmacher Drew LeBlanc, der Außenstürmer Ben Hanowski und Justin Shugg sowie des Deutsch-Amerikaners Gabe Guentzel (Verteidigung). Die Gerüchteküche brodelt dementsprechend auf Sparflamme, nur von den Abgängen Justin Shuggs (zu teuer; bei Riga verdiente er 200.000 Euro) und Matt MacKays (eventuell zurück nach Schwenningen) wollen die üblichen Verdächtigen gehört haben. Dass Adrian Grygiel zurückkehrt nach Krefeld, der Heimat seiner Frau, bestätigte der AEV bei der Abschlussfeier. Grygiel und MacKay sollen ersetzt werden durch Christian Kretschmann aus Krefeld und Daniel Schmölz aus Schwenningen - in beiden Fällen wäre das ein Tauschgeschäft.

Und dann fehlte noch die Unterschrift des Erfolgstrainers - bis Sonntagmittag: Bei der Saison-Abschlussfeier teilte Mike Stewart den etwa 1.000 jubelnden Fans mit, dass er auch im kommenden Jahr im Curt-Frenzel-Stadion an der Bande stehen wird.

Die "Zweitliga-Truppe" überrascht kritische Fans und die Liga

Was war während der vergangenen Sommerpause geschimpft worden über den Kader: "Wie wollen die mit lauter Zweitligaspielern denn Erfolg haben?" "Das gibt's doch nicht, mit den miesen Goalies brauchen wir gar nicht antreten!", so kotzten sich ein paar Fans im Forum des AEV aus. Schlimmer noch: Der neue Torhüter Jonathan Boutin wurde auf Facebook übelst beleidigt und meldete sich dort nach Anraten von Panther-Hauptgesellschafter Lothar Sigl vorsorglich ab.

Der bessere "Zweitligist" AEV - neben Boutin aus Freiburg spielten Ben Meisner, Gabe Guentzel, David Stieler (alle aus Bremerhaven, wo Mike Stewart vor seinem Augsburg-Engagement coachte) sowie Hans Detsch (aus Kaufbeuren) vorher in der DEL2, und auch Jaroslav Hafenrichter wurde nach einem kurzen Gastspiel bei den Hamburg Freezers als Ex-Bremerhavener gesehen - überraschte dann sehr und ließ die Kritiker schnell verstummen.

Die Torhüter:
Großer Fuß und kleiner Mann

Die Kritik an den Neuen in rot-grün-weiß entzündete sich hauptsächlich an Boutin, dem viele Fans den Stammplatz im Tor eines Erstligisten nicht zutrauten. Doch nach einer kurzen Eingewöhnungsphase bewies der große Goalie mit den noch größeren Füßen, dass er mehr kann als erwartet. Sicher, er fing sich immer wieder sogenannte haltbare Tore, führte sein Team jedoch auf einen niemals erwarteten Platz 6 und ins Viertelfinale. Jonathan Boutin war nach drei Jahren mit großen Namen im AEV-Tor - Ehelechner, Deslauriers, Mason - als relativ unbekannter No Name ein mehr als solider Rückhalt. Nach seiner Verletzung im dritten Viertelfinal-Spiel zeigte auch Back-up Ben Meisner eine herausragende Leistung, wie schon im Dezember, als Boutin nach einem harten Headshot einige Wochen wegen einer Gehirnerschütterung pausieren musste.

Was zeichnet diese beiden Schlüsselspieler aus? Boutin verlieh seinen Vorderleuten im Lauf der Saison immer mehr jene Sicherheit, die das riskante Forechecking erst ermöglichte. Damit ist er ein Grundpfeiler des attraktiven System-Hockeys, das Mike Stewart praktizieren lässt. Denn wenn mal ein unvermeidlicher Konter auf ihn gefahren wurde, dann mündete der selten in einem Gegentor. Hinzu kam, auch bei Ben Meisner, eine Ruhe nach Gegentreffern, die für Mentalcoach Ulf Wallisch und Torwart-Trainer Alex Westlund spricht: Zum Beispiel schoss Meisner im dritten Viertelfinale einen Riesenbock, als er neben seinem Tor den Puck vertändelte, hielt anschließend trotzdem sensationell und ermöglichte die Siege in Spiel 4 und 5.

Ein weiterer Pluspunkt der beiden Torhüter ist ihre Staatsangehörigkeit; weil beide Deutsche sind konnte eine zusätzliche Lizenz an einen Feldspieler vergeben werden. Diese Entscheidung, die vorab vielen Fans zu riskant erschien, erwies sich als goldrichtig: In den Playoffs musste nach Boutins Verletzung für zwei Spiele der Österreicher Florian Weinhandl die Back-up-Bank drücken und verhinderte so den Einsatz eines ausländischen Stürmers. In der regulären Saison saß in solchen Fällen ein Junioren-Torhüter auf der Bank und Augsburg konnte mit neun nichtdeutschen Feldspielern auflaufen.

Die Verteidiger:
Size doesn't matter - Mark Cundari spielt groß auf

Der Königstransfer in der Augsburger Stadtmauer war auf den ersten Blick nur ein kleines Steinchen. Mark Cundari verfügt mit einer Größe von nur 1,75 Metern nicht gerade über Gardemaß, aber der Wunschspieler von Mike Stewart ("Ich beobachtete ihn schon seit ein paar Jahren") schlug voll ein. Zuerst im wahrsten Sinn des Wortes, was Rapperswils Michael Hügli im Freundschaftsspiel zu spüren bekam (Video), dann mit einer tadellosen Leistung sowohl in der Abwehr als auch im Spielaufbau. Mit 31 Punkten (10 Tore, 21 Assists) war er der gefährlichste Verteidiger Augsburgs und der drittbeste der DEL. Wie wichtig Cundari für den AEV ist merkte man vor allem als er fehlte: Seine Ideen im Powerplay und sein überragendes Stellungsspiel wurden nach dem Nacken-Check durch Phil Dupuis in den letzten zweieinhalb Viertelfinalspielen schmerzlich vermisst.

Scott Valentine, der Zugang aus Krefeld, ist das Gegenteil von Cundari: Groß und robust räumt der Kanadier vor dem Tor auf; gefürchtet sind seine Hip-Checks und auch an der Bande lässt er es gern und laut krachen. Zu Saisonbeginn unterliefen ihm ein paar Fehler und er beging einige Fouls zu viel, was er bald abstellte und dann auch mit klugen Pässen glänzte.

Was man an Brady Lamb, Arvids Rekis und Steffen Tölzer hat - nämlich konsequent vor dem Tor agierende Verteidiger, bei Lamb zusätzlich einen harten und platzierten Schuss - wusste man in Augsburg.

Dazu kamen ein ständig besser werdender Derek Dinger (Saisonhöhepunkt: Doppelpack im Viertelfinale) und Neuzugang Gabe Guentzel, der sich nach kurzer Zeit gut aufs Tempo in der DEL eingestellt hatte. Sollte er gehen - über seine Vertragssituation ist nichts bekannt - müsste der AEV 22 Punkte (davon sechs Tore) in der Hauptrunde ersetzen; im Viertelfinale steuerte er fünf weitere Assists bei. Gerade als Deutscher ist er besonders wertvoll.

Förderlizenzspieler Simon Sezemsky kam meist beim Kooperationspartner Ravensburg zum Einsatz, für den Augsburger EV lief er nur bei Personalnot in der Hintermannschaft auf.

Die Stürmer:
Der Rumpler und das Leichtgewicht

Der AEV hatte nach Stewarts erster Saison bis auf Jon Matsumoto alle Wunschstürmer halten können und sich früh mit dem kreativen Außenwirbler Mike Davies aus Hamburg verstärkt; hinzu kamen mit Hafenrichter und Stieler zwei mit deutschem Pass. Auf die letzten beiden Unterschriften mussten die Fans länger warten, erst Ende Juli vermeldete die Panther GmbH die Verpflichtung von Evan Trupp, Trevor Parkes stieß gar erst im September zum Team.

Und wieder war der Aufschrei im Forum teilweise groß. Zu Trupp wurde geschrieben: "Ich bin schockiert!" oder "Wenn jetzt nicht ein Riese kommt, dann sollten wir uns in Augsburger Zwerge umbenennen", mangelnde Physis wurde bemängelt, aber auch Hoffnung auf einen flinken und quirligen Außenstürmer geäußert.

Zu Parkes hieß es dann, dass er zwar scoren könne, aber mutmaßlich doch nur ein Rumpler und nicht der erhoffte Center sei. "Das Team ist eine gigantische Wundertüte" - und die überraschte äußerst positiv. Trupp entpuppte sich als weiterer Kreativspieler, der mit dem robusten Parkes sehr gut harmonierte: Von den tollen Pässen vors Tor wurden nur die Gegner überrascht, während Trevor Parkes dort parkte und traf und traf und traf - mit 22 Toren in der Hauptrunde und weiteren drei in den Playoffs war er der Top-Torschütze des AEV; Trupp mit 26 Assists nach dem noch kleineren Mike Davies (31 A) der beste Vorlagengeber.

Die drei neuen Ausländer schlugen also voll ein, die alten - TJ Trevelyan, Drew LeBlanc und Ben Hanowski - hielten das Niveau der Vorsaison; einen tollen Einstand hatte auch der nach TJ Trevelyans Verletzung verpflichtete Justin Shugg. Von den präzisen Schüssen des Kanadiers, der in Riga (KHL) nicht glücklich war, träumt nicht nur Münchens Torhüter Leggio, den er in einem Spiel gleich dreimal überwand. David Stieler überraschte als passabler und defensiv starker Center, Hafenrichter als schneller Rollenspieler und MacKay als wichtig vor allem in Unterzahl. Einen großen Schritt machte Alex Thiel und die große Erfahrung von Aleksander Polaczek erwies sich als das beste Mittel gegen den "Spieler des Jahres": Patrick Reimer wurde aufgerieben im Viertelfinale, kümmerte sich mehr um den lästigen Polo als um sein Kerngeschäft, das Toreschießen.

Das Saisonhighlight: Die lange Schlacht gegen Nürnberg

Diese Viertelfinal-Serie hatte alles, was man sich als Eishockeyfan wünschen kann: Im ersten Spiel drehte der AEV eine frühe Nürnberger Führung und gewann verdient auswärts, weil es der Saboteur Brandon Prust im harten aber meist fairen Spiel übertrieb. Dann schlug Nürnberg im Curt-Frenzel-Stadion zurück, nutzte ein frühes Powerplay und gewann durch Konter mit 3:1. Spiel drei in Franken begann torreich, sah einen blendend aufgelegten AEV, dessen Aufholjagd (man lag schnell 1:3 zurück) trotz vieler Chancen nur bis zum Ausgleich reichte, dann schlug Nürnberg eiskalt zu. Spiel vier sah mit Ben Meisner einen Augsburger Ersatztorhüter in Gala-Form, das Curt-Frenzel-Stadion erwies sich als Hölle des Südens für die Nordbayern. Im fünften Spiel der nächste Auswärts-Steal, wieder ließ der sensationelle Meisner die Franken verzweifeln, während seine effektiven Vorderleute bei Kontern Nadelstiche setzten: 5:1-Sieg bei 13 zu 43 Torschüssen, eine surreal anmutende Statistik. Im letzten Heimspiel hätte der AEV den Sack zumachen können, aber ein sehr gut verteidigendes Nürnberger Team wehrte sich gegen das Ausscheiden und entschied das Spiel mit einem "Arschlochtor" (so gefordert von Nürnbergs Möchel im Fernsehinterview). Es kam zu Spiel sieben, wo ein sich trotz falscher Linienrichter-Entscheidungen (Abseits vor den Nürnberger Toren 1 und 4) nie aufgebender AEV kämpfte bis zum bitteren Ende.

Die Baustelle:
Der Umbau des Curt-Frenzel-Stadions

Augsburgs Eishockeyverein schaut also insgesamt in eine hoffnungsvolle Zukunft - nur eine Baustelle besteht weiter, denn der Umbau des Stadions zieht sich in die Länge. Seit sieben Jahren wird umgebaut, aktuell stehen Außenarbeiten wie die Wiederaufforstung in den Grünanlagen sowie neue Parkplätze neben der Bahn 2 an. Was immer noch fehlt ist die Überdachung der Außeneisfläche. Die wurde zwar vom Stadtrat beschlossen, wegen Geldmangel jedoch zurückgestellt. So haben die Profimannschaft und die Nachwuchs-Teams eine tolle Arena für ihre Spiele, viele Übungseinheiten müssen jedoch im Freien stattfinden, dasselbe gilt für den Schul- und Breitensport sowie den öffentlichen Publikumslauf. Nicht nur die AEV-Fans hoffen, dass das endlich angegangen wird.

Hier geht's zu den ausführlichen Statistiken der DEL-Hauptrunde

Und es besteht Hoffnung, 2018 könnte das Dach auf Bahn 2 endlich gebaut werden: Die noch zurückgestellte Maßnahme soll lt. Verwaltung 2,2 Mio. Euro kosten, ein Antrag diese Mittel freizugeben und eine Beschlussvorlage zu erstellen ist gestellt. Damit wäre gewährleistet, dass der AEV e.V. mit seinen Nachwuchsmannschaften weiterhin im vom DEB besonders geförderten 5-Sterne-Programm blieben und sich die Nachwuchsarbeit auch für die Profimannschaft auszahlt. Wie bei Marco Sternheimer: Der Junioren-Topscorer unterschrieb für die kommende Saison einen Förderlizenzvertrag für die 1. Mannschaft - nach Polaczek und Tölzer steht ein weiterer in Augsburg ausgebildeter Spieler auf dem Sprung zu den Profis.
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Gudrun Arndt aus Augsburg - Haunstetten | 29.03.2017 | 16:49  
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