Augsburgs B-Klassen ohne Schiedsrichter: Wenn sonntags keiner pfeift

Die Pfeife übernehmen sollen in den Spielen der B-Klassen im Augsburger Stadtgebiet künftig Freiwillige des jeweiligen Heimvereins. Foto: Andriy Popov/123rf


"Du Vollblinder hast doch deine Brille daheim vergessen", schrie einst ein erboster Mittfünfziger über die Bande eines Amateurfußballplatzes, während sich der Weißbierschaum, der nicht in seinem Schnauzbart hängenblieb, in Richtung Rasen Bahn brach. Wozu ein Blinder eine Sehhilfe benötigt, bleibt dabei wohl auf ewig sein Geheimnis. Doch Sprüche wie dieser sind für Schiedsrichter an Spieltagen von der Jugend über die C-Klasse bis zur Bundesliga Alltag.

Sie müssen oft als Sündenböcke für Misserfolg herhalten oder als Ablade-Platz für den angestauten Wochenfrust einiger Beteiligten - wobei sich so mancher Amateurkicker wohl auch an Exemplare in Schwarz erinnern kann, die privaten Ärger an ihnen ausließen. Auch wenn die Beziehung zwischen Referees und Spielern oft nicht leicht ist: Keiner kann ohne den anderen. Ein Unparteiischer alleine auf einem sonst leeren Fußballplatz ergibt keinen Sinn. Wie schwierig es auch andersherum ist, zeigt gerade der Fall in den beiden B-Klassen Augsburg.

Dort sollen in der Rückserie keine neutralen Schiedsrichter eingesetzt werden. Der jeweilige Heimverein soll einen Spielleiter stellen. Mit akutem Mangel begründet das die Schiedsrichtergruppe. "Ein Skandal im Amateurfußball", poltern die betroffenen Vereine in einer Pressemitteilung. Sie befürchten, dass den ungeschulten Freiwilligen ein hitziges Spiel schnell entgleiten könnte - und darüber hinaus: Wettbewerbsverzerrung.

"Der Ärger ist programmiert, wenn die Heimmannschaft einfach einen Schiri aus ihren Reihen auswählt", sind sich die Trainer der B-Klassisten in der gemeinsamen Pressemitteilung, die das Logo der DJK Hochzoll trägt, einig. Der Fußball-Verband ziehe sich aus der Verantwortung, kritisieren sie und fühlen sich "allein gelassen".

"Sind wir Aktiven und ehrenamtlich Tätigen in den unteren Klassen denn weniger wert als die Anderen? Ist es so, dass der Amateurfußball kaputtgemacht werden soll, und sollen wir endgültig den Spaß an unserem Hobby verlieren?", fragt Petra Wiedemann vom BCA Oberhausen.

Obmann Färber: Betroffene Vereine
tragen Mitschuld

Vereine wie der BCA seien jedoch diejenigen, die den Mangel an Referees erst verursachen, kontert Thomas Färber. Er ist Obmann der Schiedsrichtergruppe Augsburg und damit personifizierte Zielscheibe für den Ärger der B-Klassisten. Färber verweist auf die Quote, die Vereine erfüllen müssen: Ab Landesliga aufwärts müssen sie je drei Schiris, von der Bezirksliga bis hinunter je einen Schiri stellen. Je ein Referee muss pro Jugendmannschaft ab den C-Junioren gestellt werden. Die Unparteiischen haben wiederum ein Soll an Einsätzen.

Einige Klubs aus den beiden B-Klassen erfüllen diese Vorgaben "nicht im Ansatz", merkt Färber an und wiederholt es noch einmal etwas lauter, jedes Wort betonend: "Nicht. Im. Ansatz." Färber ist hörbar angesäuert von der Diskussion. Und doch sagt er: "Ich kann den Ärger der Vereine verstehen." Das Problem ist, dass es schlicht zu wenig Schiedsrichter-Nachwuchs gebe. Und, dass viele Neulinge - eben nicht wie es früher oft der Fall war - nur mehr eine Partie am Wochenende pfeifen können oder wollen.

"Ich kann mir die Schiedsrichter nicht herzaubern", merkt der Obmann an. Man sei angewiesen auf die Vereine, schiebt er hinterher und moniert: "Was bringt es uns, wenn wir einen zusätzlichen Neulingskurs ausrichten, und beispielsweise der BCA keine Teilnehmer schickt?"

Vereine überlegen, Mannschaften abzumelden

Den Vorschlag, Linienrichter aus den Kreisligen abzuziehen, um Spiele in der B-Klasse zu leiten, heißt Färber nicht gut. Quantitativ wäre das freilich eine Lösung, qualitativ jedoch nicht. "Die sind 14, 15, 16 Jahre alt und in der Kreisliga dabei, um von erfahrenen Schiris zu lernen." Erst dann seien sie bereit, selbst im Herrenbereich Spiele zu leiten - wie etwa in einer der B-Klassen.

Eben jene Argumentation können wiederum die Vereine nicht nachvollziehen. "Für die emotionalen Spiele braucht man gestandene Schiedsrichter", zitieren sie Färber und schieben kritisch die Frage hinterher: Dann aber sollen unerfahrene Laien des Heimvereins diese Verantwortung schultern können? Einige Vereine seien derart skeptisch, dass sie darüber nachdenken, ihre Mannschaften abzumelden.

"Die niedrigste Klasse ist beileibe kein Altherrenfußball, ein Altersdurchschnitt von 20 bis 30 Jahren zeigt die sportlichen Ambitionen und es geht, wie immer auch jede Saison, um den Aufstieg in die A-Klasse", schreiben die Vereinsvertreter, die damit auch auf die Argumentation der Schiedsrichtergruppe reagieren, dass sie eben priorisiere, alle Jugendspiele zu besetzen.

Färber hofft indes auf einen Kompromiss. Der Obmann möchte den Vereinen Crashkurse für die Laien-Spielleiter anbieten. Zudem kündigt er an, dass für die Spitzen-Partien der beiden Ligen Schiedsrichter geschickt werden. "Wir sitzen ja alle im selben Boot", sagt Färber versöhnlich. "Und es ist ja hoffentlich nicht auf alle Ewigkeit."

Kommentar: Mehr Respekt, mehr Miteinander


Es gibt im Englischen einen Spruch, der da besagt: „You don’t know what you got till it’s gone.“ Du weißt erst, was du hattest, wenn es weg ist. Das trifft auch auf den Fall der beiden Augsburger B-Klassen zu. Wobei diese beiden Ligen freilich jetzt ein Problem ausbaden müssen, dass generell im Amateur- und Jugendfußball herrscht: Der mangelnde Respekt vor den Unparteiischen.

Ob Besserwissereien von überengagierten Eltern, Pöbeleien von Spielern oder Beleidigungen angetrunkener Kiebitze: Die Schiedsrichter müssen ein dickes Fell haben. Spricht man mit den Obmännern der Schiri-Gruppen ist der Tenor: Es wird immer schlimmer. Kein Wunder also, dass sich das immer weniger junge Leute antun möchten. Wer setzt sich schon gerne für ein paar Euro am Wochenende Anfeindungen aus?

Es braucht einen Wandel im Umgang mit den Referees. Selbst wenn manche von ihnen mal einen schlechten Tag haben, sollte man sie mit Respekt behandeln – so mancher Fußballer spielt schließlich auch viel Grütze. Vielleicht sind es Fälle wie der in den beiden B-Klassen, die zu einem generellen Umdenken führen. Weil man plötzlich merkt, dass auch Unparteiische nicht selbstverständlich sind.
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