Das FC-Augsburg-Alphabet

Eine denkwürdige Spielzeit ist abgepfiffen, in der sich der FCA einen Platz in der Europa League-Gruppenphase sicherte. Die erfolgreichste Saison in der Geschichte des FC Augsburg von A wie Aufzuchtbecken bis Z wie Zukunft.

Aufzuchtbecken. Bereits vor der Spielzeit feierte der FC Augsburg. Mit dem fertigen Nachwuchsleistungszentrum hat der Verein nun sein hauseigenes Aufzuchtbecken, aus dem es in Zukunft bestens ausgebildete Talente in die Bundesligamannschaft spülen soll.

Bier-Engpass. Irgendwie sah Andreas Weigel nicht nach Bayernbesieger aus. Mit seinem Equipment stapfte der Mannschaftsarzt durch den Bauch der Münchner Allianz Arena. Ob die Spieler ihre 1:0-Sensation in der Kabine ordentlich begießen würden, erkundigte sich ein Reporter. Der Doc offenbarte das Dilemma und diagnostizierte akuten Biermangel. "Hier gibt's kein Bier", entgegnete er und in seiner Stimme schwangen eine gehörige Dosis Fassungslosigkeit mit. Dabei ist das nach einem Sieg bei den Bayern doch unbedingt zu verabreichen. Wurde von den Spielern aber wohl später nachgeholt - ohne ärztliche Aufsicht.

Carsten Jancker. Ja, der Winterneuzugang wegen eines kurzfristigen Engpasses in der Defensive überraschte. Doch es handelte sich freilich nicht um die Sturm-Planierraupe, die einst für den FC Bayern durch die Strafräume der Republik walzte. Auch wenn ein Vater seinen Filius in der Tram zum Stadion aufklärte, dass der neue Abwehrrecke ein gewisser Carsten Jancker sei. Christoph ohne "ck" lieferte dann einen ordentlichen Einstand im Augsburger Gastspiel beim BVB - obwohl er in der Hinrunde lediglich für Herthas Regionalliga-Elf gegen Auerbach oder Zwickau gekickt hatte. Allerdings notbremste sich Janker nach 64 Minuten vom Platz. Sein einziger Auftritt in der heimischen Arena dauerte noch kürzer: eine Minute gegen den VfL Wolfsburg. Immerhin ist Janker ein Erfolgsgarant: Beide Male gewann der FCA 1:0.

Demo. Das Aufeinandertreffen von Polizei und einer Gruppe FCA-Schlachtenbummlern in Mainz wirkt beim Anhang noch nach. In der Vorsaison hatten sie sich so vehement über brutal vorgehende Polizisten beschwert, dass es zur Aussprache mit dem Verein kam. "Gründet eine Partei", schlug Walther Seinsch damals vor. Soweit kam es zwar nicht, dennoch machten die Fans konstruktiv auf ihr Anliegen aufmerksam und organisierten eine friedliche Demonstration. Und das freilich in Mainz.

Einszusieben. Vor jenem Auswärtsspiel leistete auch die Mannschaft Widerstand. Allerdings eher passiven. Sieben Schepperer tat es beim späteren Zweitliga-Absteiger Aalen. 1:7 endete der Test während der Länderspielpause. Dass sieben Akteure für ihr Land im Einsatz waren, ließ Stefan Reuter nicht als Ausrede gelten. "Das geht gar nicht", polterte der Manager.

Funkstille. Wer am 14. September, so gegen 15.46 Uhr, in Frankfurt sein Röhrenradio einschaltete, hörte vermutlich folgenden Funkspruch: "Fahnenschwenker an Pfeifenmann, bitte kommen. Over. War ein Elfmeter. Over. Kohr gegen Kadlec. Kräftig pusten. Over. Pause Pfeifenmann?" Wo auch immer der Notruf des Linienrichters Patrick Ittrich letztlich ankam, Schiedsrichter Manuel Gräfe erreichte er nicht. Der hatte das klare Vergehen von Dominik Kohr im Gegensatz zu seinem Assistenten nicht gesehen - und seine Pfeife blieb so stumm, wie sein defektes Headset. Auch dank dieser Technikpanne siegte der FCA 1:0 bei der Eintracht.

Großgeister. Dortmund, Wolfsburg, Bayern: Wenn der FC Augsburg in der Rückrunde siegte, dann meist glamourös. "Vielleicht brauchen wir das", meinte Daniel Baier. Er meinte diese ganz große Bühne, die Glanzlichter. Die einzelne Glühbirne, die im Tabellenkeller von einem schnöden Kabel baumelt, strahlt eben nicht so hell. Ob die Elf deshalb derart düstere Nachmittage wie in Paderborn, Freiburg oder Berlin verbrachte, ist nicht übermittelt.

Hobelbank. Alexander Manninger hat einfach Gefühl in seinen Händen: Das nicht nur am Ball, sondern auch an der Werkbank. Der gelernte Tischler griff auf einem Pressetermin zum Hobel und ließ ihn galant übers Holz gleiten. Manninger kann aber auch verbal die Späne fliegen lassen. Die beiden Auftaktpleiten sowie ein 1:2 im Test gegen Heidenheim nagten an ihm. "Es muss jeder sich jetzt selbst an der Nase nehmen und fragen, ist es genug? Mir kommt es so vor, dass einige nicht alles für den Verein tun", flexte er drauf los - und der FCA siegte in Frankfurt (siehe auch: Funkstille).

Ikonen-Abgang. Ein Paukenschlag wäre zu leise gewesen. Es donnerte eher so, als würde eine ganze Percussionisten-Armee sämtliche Instrumente gleichzeitig abfeuern. Walther Seinsch verkündete auf der Jahreshauptversammlung seinen Abtritt. Nach 14 Jahren Präsidentschaft und dem Weg von der Bayernliga auf einen Europacup-Platz erwischte der Macher des Bundesligisten FCA einen perfekten Zeitpunkt. Nicht nur sein Amt, sondern ab der kommenden Saison auch 99 Prozent der Anteile an der FC Augsburg KGaA übergab er an Klaus Hofmann. Und der hat wie Seinsch das Zeug zur Kultfigur: "Hofmann rockt!", kommentierte umgehend ein User im FCA-Forum.

Jubiläums-Trainer. Die Aufregung sei immens gewesen, räumte Markus Weinzierl ein. Während er auf der Autobahn die Kilometer bis zum Amtsantritt Augsburg runterspulte, seien sie ihm durch den Kopf gegangen, die luhukayschen Fußstapfen, in die er treten würde. Nun hat er als Trainer 102 Bundesligaspiele auf dem Konto. Die Hunderter-Marke durchbrach er passenderweise beim 1:0-Triumph in München. Als zweitjüngster Jubilar nach einem gewissen Jürgen Klopp. Aus den Fußstapfen hat Weinzierl mittlerweile ordentliche Quadratlatschen gemacht - und wird diese nach der Vertragsverlängerung bis 2019 noch ordentlich ausweiten.

Kai-Uwe. Die Frohnatur Caiuby muss man einfach gern haben. Konkurriert er doch mit Bayerns Dante um den Titel in den Kategorien breitestes Dauerlachen und höchste Frisur der Bundesliga. Der Brasilianer, den die Fans in Duisburg anno dazumal liebevoll in Kai-Uwe umtauften, benötigt in Augsburg allerdings ein paar mehr Tore (Caiuby traf lediglich einmal) zum absoluten Publikumshelden. Den Frisuren-Titel nimmt der Gute-Laune-Bär aber sicher auch gerne mit.

Lazarett. Zerrungen, Risse und sonstige Wehwehchen: Doc Weigel hatte vor allem in der Rückrunde alle Hände voll zu tun. Von Altintop, über Hitz, bis zu Verhaegh. Nahezu jeder Spieler war eine Zeit lang Dauerpatient in Weigels Praxis. Der Teamarzt hätte sich da durchaus mal ein Bierchen verdient - und dann diese Zustände in München. . . (siehe auch: Bier-Engpass).

Magdeburg. Irgendwo in der staubigsten und finstersten Ecke des Fußballgedächtnisses lagern Vereinsanhänger Dinge ein, an die sie sich gerne nicht mehr erinnern würden. Sicher verstaut in einer alten Truhe werden diese schmerzhaften Erinnerungen zurückgelassen. Doch manchmal regt sich unter dem schweren Deckel etwas und dann sucht es einen wieder heim: Ein Name, ein Tor, ein kalter Schauer. Christian Beck, 1:0 für Magdeburg. Pokalaus in Runde eins (vergleiche: Einszusieben).

No-Mans-Land. Einöde, Tristesse, No-Mans-Land. Gegen Eintracht Frankfurt verirrten sich gerade Mal 27 111 Zuseher in die Arena. 3549 rote Sitze blieben leer. Klassensprecher Daniel Baier kramte die Absenzenliste raus: "Ich hätte mir mehr Unterstützung erhofft. Es sind 2000 oder 3000 Frankfurter Fans da und wir kriegen das Stadion nicht voll. Vielleicht bin ich jetzt der Depp oder Buhmann, aber dann brauchen wir auch nicht von Europa reden. Dann spielen wir vor leeren Rängen." Europa ist jetzt da, Baier kein Buhmann - und die Arena zur internationalen Premiere hoffentlich proppenvoll.

Ordnung muss sein. Das dachten sich auch die Spieler des FCA und entschieden pflichtbewusst 52 Prozent ihrer mehr als 7500 Zweikämpfe für sich. Das ist der Vizetitel in der Bundesliga. Zehnmal stand so huubstevensnesk die Null. Fast 11.000 Pässe brachten Weinzierls Mannen zum Mitspieler, rund 3700 nicht. Über 350 Mal dribbelte ein Rot-Grün-Weißer einen Gegenspieler aus, mehr als 220 Mal ging der Alleingang in die Hose. Rund 540 Mal foulte ein FCA-Akteur, etwa 520 regelwidrige Tacklings mussten die Fuggerstädter einstecken.

Pyjama-Party. Ob sie im Schlafsack auf der alten Couch im Keller pennten und heimlich bis spät nachts videospielten, wurde nicht verraten. Auf jeden Fall hatten die Kumpel Tobi Werner und Lukas Kruse genügend Gesprächsstoff, als der Paderborner Torhüter nach der 0:3-Niederlage seiner Paderborner beim alten Augsburger Weggefährten nächtigte. Werner hatte in der Woche zuvor orakelt, er werde seinem Spezi doppelt einschenken. Tat er dann auch, woraufhin Kruse von einem "komischen Gefühl" sprach. Hach, echte Seelenverwandte eben.

Quintupel. Während man in München das Single beweint, jauchzt man in Augsburg vergnügt über das persönliche Quintupel. Fünf Jahre Fußballoberhaus am Stück: ein Riesending, das der FCA nach 29 Ligarunden per 2:1-Sieg über Stuttgart eintütete.

Raul Bobadilla, ohohohohoh. Er ist der unangefochtene Liebling der Massen: Raul Bobadilla. Dass der temperamentvolle Argentinier seine kämpferische Einstellung auch mal neben dem Platz auslebt, wird ihm verziehen. Er malocht in jeder Partie wie ein Gaucho zwischen den Viehherden Patagoniens. Schoss nebenbei zehn Tore und legte viermal auf. Krönte sich zum Hacken-König von München. Und tanzte anschließend freilich zur aus der Gästekurve geschmetterten Bobadilla-Hommage. Definitiv der Song der Saison.

Strafstoß-Fachangestellter. Wenn Paul Verhaegh an den Kreidepunkt tritt, tut er das mit der Nüchternheit eines Finanzbeamten beim Prüfen eines Antrags. Fünf Mal hatte er aus elf Metern eingenetzt, dann scheiterte er in München. An einem Elfmeter-Fachangestellten wie Verhaegh perlt sowas aber ab, wie Angstschweiß an einer kalten Betonwand. Also chippte er den Ball gegen 96 einfach in die Mitte, was selbst dem angespannten Markus Weinzierl ein Lächeln abrang.

Torwarttor. 1:2 stand es gegen Leverkusen, als Marwin Hitz in der Bayer-Box auftauchte. Meistens ist es ja nur verzweifelte Formsache, dass der Torhüter im Angesicht eines Rückstands die Offensive sucht. Doch der Schweizer sprintete nach einer eigentlich schon vertanen Ecke nicht blindlings gen eigenes Tor. Er schlawinerte sich stattdessen unbemerkt auf einen Logenplatz, um eine Flanke gekonnt zu verwerten. Dabei hatte Hitz das zuvor noch nie getan. Naja, nicht ganz. "Ich habe nur einmal ein Eigentor geköpft", sagte der spätere Torschütze des Monats.

Unbekannte Laute. Mit der Aussprache des Namens Matavz, also Matausch, verdrehte es so einigen Kommentatoren ja schon die Zunge. Die Bayern-Leihgabe Pierre-Emile Højbjerg und dessen im Dänischen, Norwegischen, Färöischen sowie dem Altisländischen beheimateten "ø" samt den zwei "j" zog den Zungenknoten dann endgültig zu. Aus dem "Höibjer" wurde also kurzer Hand ein schwäbisch-verträglicheres "Heuberg". Besser als die Kollegen der Sportschau, bei denen aus Tobi nicht selten der Stuttgarter Timo Werner wurde.

Verbalgeplänkel. Das Augsburger Publikum sei ein parteiisches, monierte einst Thomas Tuchel etwas seltsam anmutend. Sein Nach-Nachfolger Martin Schmidt wurde etwas direkter: "Die singen zwar nicht, kommentieren aber alles." Allen Unanständigkeiten des Augsburger Anhangs zum Trotz siegte Mainz 2:0.

Wie einst Real Madrid. Königliche Gerüchte dringen nach Augsburg. Die kommen aber nicht via berittenem Boten, der mit einer Pergamentrolle in der Seitentasche durchs Rote Tor galoppiert. Es sind mediengemachte Transferspekulationen, die einen gewissen Abdul Rahman Baba betreffen. Eine Adelung nicht nur für den Ghanaer, sondern für das in der Regel gute Händchen der Augsburger Scouts.

X-beliebig. "In Europa kennt Euch keine Sau", spotteten so manche Gästefans. Mag sein, aber x-beliebig ist der FC Augsburg deshalb definitiv nicht. In Zeiten von Fußball-Kunstprojekten wie in Leipzig oder Sinsheim verklärt sich das Bild eines neuen Vereins in der Liga schnell. Der FCA hat zwar eine noch junge Erstligavergangenheit. Doch er kann locker mit sogenannten Traditionsvereinen standhalten: Helmut Haller, Rosenaustadion oder auch die Episode mit Mäzen Peter Eiba und Trainer Armin Veh: Der Klub hat eine illustre Vergangenheit, viel Herz und Familiäres in der Gegenwart und wird nun seine ersten internationalen Schritte machen. Und in Europa kennt den FCA vielleicht ja auch bald jede Sau (siehe auch: Zukunft ).

Yohann Zveig. Seine Komposition schallt in der kommenden Saison mindestens dreimal durch die Augsburger Arena: die Hymne zur Europa League.

Zukunft. Einen der bemerkenswertesten Erfolge der vergangenen Spielzeit feierte der FCA Anfang April am Verhandlungstisch: Stefan Reuter bis 2020, Markus Weinzierl bis 2019: Die Architekten der Augsburger Erfolgsgeschichte tüfteln weiter am Projekt FCA.
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