Das FC-Augsburg-Alphabet: Die FCA-Saison von A bis Z

Legendärer Stangen-Steher: Alexander Manninger muss den FC Augsburg. Auch er ist eine Geschichte dieser Saison. Foto: Alexander Heinle

Der FC Augsburg erarbeitet sich ein sechstes Jahr Bundesliga und Bekanntheit in Europa. Der Saisonrückblick 2015/16 von A bis Z.

Aurora Borealis.

Das Nordlicht ist ein Naturphänomen, bei dem elektrisch geladene Teilchen des Sonnenwindes in der Atmosphäre physikalisch reagieren und zum Glühen gebracht werden. Oft leuchten sie grellgrün. Eben diese Farbe haben auch die Schuhe jenes Nordlichts, das für den FC Augsburg in der Winterpause erscheint: der Isländer Alfred Finnbogason. Zunächst ein Hoffnungsschimmer, bald ein glänzender Torjäger wie ihn der FCA lange vermisst hatte. Sieben Tore und drei Vorlagen strahlen von seiner persönlichen Statistik und wiesen dem Klub den Weg zum Ligaverbleib.

Belgrad-Wunder.

Der Moment, in dem Raul Bobadilla in Belgrad mit seinem Tor zum 3:1 den fürs Weiterkommen nötigen Zwei-Tore-Vorsprung herstellte, glich auch einer Liebgewinnung der Augsburger mit dem skeptisch betrachteten Europapokal. Nicht die ganz großen Lose aus dem Topf gezogen, die Mehrfachbelastung für die abstiegskämpfenden Spieler, nicht komplett gefüllte Ränge bei den Auftritten in der heimischen Arena – alles vergessen. Der FC Augsburg hatte seinen ersten gewaltigen Anti-Keine-Sau-Augenblick, sein erstes eigenes episches Europacup-Erlebnis.

Choreographie-Könige.

Ob der Römer gegen Partizan Belgrad, die Konterfeis der lebenden Vereinslegenden gegen Alkmaar oder die Drei-Viertel der Arena umfassende FCA-Logo-Gründungsjahr-Bezirkswappen-Darbietung gegen Bilbao. Die Fans des FC Augsburg verliehen mit ihren imposanten Choreographien in den Europapokalheimspielen den Festtagen das angemessene Flair. Und sie setzten noch einen drauf: Ein rot-grün-weißes Fahnenmeer durchzog die Arena gegen den FC Liverpool (siehe Jahrhundertspiel) – sogar während der laufenden Partie. Wie die Anhänger das im Achtelfinale wohl noch getoppt hätten? Schade, dass der FCA scheiterte.

Das andere Spiel – Simon.

„Tears in Heaven“ als einziges Lied vor dem Anpfiff, ein Ganzkörpergänsehaut-auslösender Trauergesang der Nordwand und Schlachtenbumler des Gegners, die vor der Arena Blumen ablegen. Fußball geriet beim Heimspiel des FC Augsburg gegen Hoffenheim in den Hintergrund. Zwei Fans waren nach der Partie in Mönchengladbach tödlich verunglückt. Ein weiterer liegt seit dem Autounfall im Koma. Ihm gedenkt die Kurve weiter nach jedem Heimspiel. Kämpfen, Simon, kämpfen!

Eiermann.

„. . . .und kurz vor der Halbzeit kriegst du so ein Ei. Da könnt’ ich schon wieder kotzen.“ Frohe Ostern wünscht Philipp Max nach dem 1:3 gegen Borussia Dortmund.

Fähnchen fatal.

Es laufen die letzten Minuten in München. 1:1, wieder einmal nervt der FC Augsburg den FC Bayern in dessen Arena. Da fällt Douglas Costa. Fällt hinein in Markus Feulner. Wenige Meter daneben schnellt eine Fahne hoch. Pfiff, Elfmeter, unberechtigt, Müller, Tor. „Er wäre der Star gewesen, wenn er Fair Play gemacht hätte und den drübergeschossen hätte“, kommentiert später Jan-Ingwer Callsen-Bracker.

Goldener Löwe.

Da sind die Rundfunkreporter allesamt erleichtert, dass der Zungenbrecher auf zwei Beinen, Pierre-Emile Højbjerg (gesprochen Höibjer, schwäbisch Heuberg), den FCA verlassen hat und auch der linguistisch komplizierte Tim Matavz (Matausch, ggf. Mattawsch) endlich außer Landes ist; da holt Stefan Reuter doch glatt einen Innenverteidiger, der ihnen einen Seemannsknoten in die Zunge zwirbelt, ihren schreibenden Kollegen die Finger krümmt und Trikotbeflockern die Schweißperlen auf die Stirn treibt: Jeffrey Gouweleeuw. Vielleicht sollte man den Nachnamen aus dem niederländischen übersetzen und eindeutschen. Jeffrey Goldener Löwe. Für Scrabble-Spieler gehört jedoch die holländische Version zum festen Klugscheißer-Repertoire.

Hemad in Bronze.

Knapp fünf Tonnen schwer holt er an der Arena zum Volleyschuss aus: Helmut Haller, genannt Hemad, das Hemd. Das bronzene Denkmal des Künstlers Wolfgang Auer wird vor der Saison hinter der FCA-Nordwand enthüllt. Dort erwartet das Hemad – ob bei sengender Sonne oder prasselndem Regen – treu und mit einem verschmitzten Lächeln Spieltag für Spieltag die Augsburger Anhänger, die selbst das Denkmal für die Vereinslegende organisiert haben.

Ikurrina.

So heißt die baskische Flagge. Auch ihre Farben trugen zur Verbrüderung der Athletic Bilbao-Fans mit Augsburgs Schlachtenbummlern bei: Rot, Grün und Weiß. Im San Mames verneigte sich das Heimpublikum später vor den reisenden Schwaben, die bis spät nach Abpfiff weitersangen.

Jagd auf Mr. Koo.

Hannover, Seoul, Stuttgart, Augsburg, Beirut: Kein James-Bond-Film, sondern die aberwitzige Reise von Ja-Cheol Koo, der vom Mainzer Spiel in Hannover zum Länderspiel nach Südkorea fliegt, um dort zu erfahren, dass sein Ex- und Herzensklub, der FC Augsburg, ihn wiederhaben will. Koo kann nicht Nein sagen, darf auf die Partie gegen Laos verzichten, fliegt für Medizincheck und Unterschrift in Augsburg zurück nach Deutschland, um kurz darauf in den Libanon zu jetten – denn beim zweiten Spiel der Nationalelf muss er wieder dabei sein.

Kellerkinder.

An vier Wochenenden hielt der FC Augsburg, so sagt man gemeinhin im Fußball, die Rote Laterne. Das Schlusslicht, das einst am letzten Waggon eines Zugs angebracht war. Dass hinter dem FCA tatsächlich nichts und niemand mehr kam, verpasste selbst den genügsamsten und optimistischten unter den Augsburger Anhängern Sorgenfalten auf der Stirn. Gut dass man, auch das ist im Jargon enthalten, die Rote Laterne weitergeben kann (siehe Zuletzt-Lacher).

Lausbub Matteo.

Guardiola, Müller, Aubameyang, Klopp – in der Interviewzone der Augsburger Arena ist stets ein anderer der wahre Star: Matteo Hitz, der Sohn von Torwart Marwin. Immer umtriebig unterwegs zwischen all den Fußballerwaden oder auch mal den Papa während des laufenden TV-Interviews darum bittend, ein Schokoladenpäckchen zu öffnen. Nur selbst in die Mikrofone sprechen, das ist nicht sein Ding. Ein echter Star überzeugt eben durch Taten statt durch Worte.

Maulwurf-Marwin.

Das kann man auch über Matteos Papa sagen. Seine flinken, in grellgrüne Handschuhe gepackten Hände fingen für den FC Augsburg einige Punkte ein. Zehn Mal stand die Null. Dass er auch unter dem Handschuh einen Grünen Daumen hat, stellte Hitz bei einem dieser gegentorlosen Spiele unter Beweis: in Köln. Während neben ihm fleißig über einen Elfmeterpfiff gegen den FCA diskutiert wird, dreht Hitz mit Unschuldsmiene Pirouetten auf dem Elfmeterpunkt, pflügt, buddelt, gräbt mit seinen Stollen den weißen Fleck kräftig um. Und die botanische Stolperfalle schnappt zu: Anthony Modeste rutscht aus, verschießt, Augsburg gewinnt und Fußballdeutschland führt eine herrliche Diskussion über Marwin und sein Loch.

Neongelb.

Es mutete ja schon seltsam an, dass der FC Augsburg seine neuen Leibchen in der Zentrale der hauptsponsernden Versicherungsgesellschaft in München präsentierte. Am 16. Spieltag sind dann jene Arenabesucher im Vorteil, die auch im Dezember im Stadion eine Sonnenbrille tragen. In grellgelbem Gesamt-Outfit läuft die Mannschaft gegen Schalke 04 auf. Immerhin: Die fluoreszierenden Leibchen blenden offenbar auch den Gegner. Augsburg siegt und verlässt nach neun Spieltagen die Abstiegsränge.

Ohne viel Worte.

Europapokal, K.O.-Runde, Liverpool, Klopp, You’ll Never Walk Alone, Fahnenmeer-Choreo, krachende Zweikämpfe, mutige Augsburger, biedere Reds, ekstatische Stimmung, größtes Spiel der Vereinsgeschichte – noch immer Ganzkörpergänsehaut.


Phantom-Verteidiger.

Zu Beginn der Spielzeit verletzt, dann nicht berücksichtigt und schließlich im Clinch mit Markus Weinzierl: Lange zweifelt mancher FCA-Fan daran, dass es diesen Daniel Opare wirklich gibt. Aber er musste ja existieren. Schließlich hatte der FC Augsburg für ihn doch drei Millionen Euro an den FC Porto überwiesen. Der Rechtsverteidiger, immerhin bei Real Madrid ausgebildet, erscheint dann tatsächlich noch drei Mal auf der Bühne Bundesliga. Und taucht schließlich mit einer Zyste im Knie wieder ab.

Qualvoll und kurios.

Immerhin wohnt Opare einem seltenen Ereignis in dieser Saison bei: einem Heimsieg des FC Augsburg. Dahoim an der B17 gewinnt der FCA ganze dreimal. Gerade gegen die mauernden, mutmaßlich Kleinen tut er sich oft quälend schwer. Aber die Arena erlebt auch kuriose Dramen. Gegen Mainz und gegen Leverkusen heißt es am Ende jeweils 3:3, weil sich die Weinzierl-Elf kurz vor Schluss noch Tore fängt. Bayer holt gar einen 0:3-Rückstand auf.

Röhrenfernseher.

Daran erinnert zumindest das, was sich während der Auslosung zur Europa-League-Gruppenphase vor der Augsburger Fußball-Kultkneipe „11er“ abspielte. Menschen versammelten sich davor auf dem Bürgersteig, um einen Blick auf die Bildschirme zu erhaschen. Freilich schauen sie auf HD-4K-All-Inclusive-Superflachbildschirme. Trotzdem lässt einen die Szene an die nostalgischen Bilder denken, die man etwa vom Wunder von Bern kennt. Hach, Fußball verbindet.


Stangen-Steher.

Ein bisserl durch die Hintertür war es dann doch, wie der FC Augsburg seinen Torwart Nummer zwei den Verein verlassen ließ. „Das hätte man auch anders machen können“, kommentiert Alexander Manninger nach seinen letzten Minuten für den FC Augsburg. Es bleibt bei der Einwechslung kurz vor dem Ende der Partie gegen den Hamburger SV. Kein Abschied vor dem Anpfiff, kein übergroßer Bilderrahmen mit Manninger-Fotos. Der Torsteher mit der markanten Kiefermuskulatur ging auch als Nummer zwei stets ans Limit – und nahm kein Blatt vor den Mund, wenn die Mannschaft Gurkerlpässe spielte oder manchen nicht die Einstellung an den Tag legte, die er sich selbst abverlangte. Ein Großer hat den Verein verlassen; die Fans spüren das und bereiten Manninger in der Arena dann doch einen angemessenen Abgang.

Troublemaker.

Eigentlich schwebt ja dem früheren Torwart Tim Wiese eine Karriere im Wrestling vor. Aber auch Klaus Hofmann, Präsident des FCA, zeigt seine Qualitäten für den amerikanischen Showkampf. Er wirft, so berichtet die Bild, in der VIP-Loge des FC Ingolstadt nach der 1:2-Niederlage einen Stuhl – und diverse Schimpfworte gleich hinterher. So sehr ärgert er sich über sein Pendant beim FCI, Peter Jackwerth. Der habe, sagt Hofmann später, peinlich gejubelt – obwohl der Siegtreffer der Schanzer doch aus einem unberechtigten Strafstoß resultierte. Ob es tatsächlich so geschehen ist, bleibt letztlich ungeklärt. Eine Bestätigung der Vorfälle ziehen die Ingolstädter zurück. Vielleicht ja aus Angst vor Troublemaker Hofmann.

Urviecher.

Freilich wandelt der FC Augsburg noch nicht auf den Spuren des Dinos HSV. Aber, dass man im kommenden Jahr in sein sechstes Jahr Bundesliga geht, ist für FCA-Verhältnisse durchaus eine kleine Ewigkeit. Ein Mini-Dino also – wie seinerzeit der Microchpachycephalosaurus. Das bedeutet so viel wie „sehr kleine Dickkopfechse“. Passt doch irgendwie ganz gut zum FCA.

VfB-Verklopper.

Angstträume und Panikattacken befallen die Spieler des VfB Stuttgart, wenn sie gegen den höllischen Nachbarn FC Augsburg antreten müssen. Das schwäbische Derby entscheidet der FCA zweimal für sich (4:0 und 1:0) – es sind die Siege sechs und sieben in Serie gegen den VfB. Vielleicht ist ja ganz erholsam für die Stuttgarter, dass ihnen dieses Duell nun erst einmal erspart bleibt.

W-Frage.

Das Wechseltheater beginnt bereits vor der Saison. Da sagte Markus Weinzierl dem FC Schalke quasi in letzter Sekunde ab. Die Vorstellung findet ihre Fortsetzung in der Rückserie, als gescheiterte Verhandlungen Weinzierls mit RB Leipzig publik werden. Nach dem öffentlichen Komödienstadl darum, wer wem abgesagt hat, löst die W-Frage in Augsburg schnell die T-Frage (die nach der Zukunft des Theaters) als größte ungeklärte der Stadt ab.

X-facher Puppen-Kalauer.

Freilich, die Augsburger lieben ihre Puppenkiste. So sehr, dass auch die Gegner, die in der Arena antreten, eine Marionette statt einen Vereinswimpel erhalten. In dieser Spielzeit ist das die von Kater Mikesch (was die englische Presse dazu veranlasste zu fragen, warum Augsburgs Kapitän Verhaegh Liverpools Jordan Henderson eine gruselige Katze übergibt). Trotzdem, liebe Medienkollegen: Dass Augsburg die Puppen tanzen lässt, ist nun wirklich ein ausgereizter Kalauer. Wie wär’s angesichts der vielen Baustellen mit: Augsburg planiert die Liga? Oder als einzige bayerische Großstadt mit CSU-Bürgermeister: Augsburgs Gegner sehen schwarz? Naja, auch nicht so viel besser.

You’ll Never Walk Alone.

Das trifft Ende Februar auf die Fans des FC Augsburg zu. Alle Wege führen da nach Liverpool. Überall, selbst in Paris und London, tummeln sich Rot-Grün-Weiß ausgestattete Schlachtenbummler an Bahnhöfen und Flugplätzen. In Liverpool versammelt sich die gewaltige Augsburger Armada zum Fanmarsch durch die Stadt zum Stadion – in dem sie allein schon durch die Feierszenen nach der 0:1-Niederlage die legendäre Kop-Tribüne wirken lassen wie ein erfolgsverwöhntes Klatschpappen-Publikum. Ein Abgang mit Ausrufezeichen aus dem Europa-Abenteuer.

Zuletzt-Lacher.

Das hat sicher an den Kräften gezehrt. Dennoch rappelte sich der FC Augsburg gerade zu Ende der beiden Halbserien der Saison auf, um die Punkte gegen den Abstieg zu sammeln. Letzten Endes kann man sich in Augsburg wieder über eine gefühlte Meisterschaft freuen – denn das ist der Klassenerhalt nach so einer Saison allemal.
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