Der Augsburger EV im Viertelfinale gegen Nürnberg: Späte Revanche?

Spiel 2 (Freitag, 10.3.) und 4 (Dienstag, 14.3.) finden im Curt-Frenzel-Stadion statt. Falls es dazu kommt steigt auch Spiel 6 in Augsburg (Sonntag, 19.3.)
 
"Steige empor, magischer Eislaufverein" - die Choreographie während des Finalspiels gegen Hannover.
 
Auf "Boots" wird es ankommen. Hier fährt er aufs Eis zum Hauptrundenheimspiel gegen Nürnberg. Eines wurde knapp verloren, im anderen siegte der AEV mit 4:0. Auch in Nürnberg gewann einmal der AEV, einmal die Franken.
 
In den Playoffs schenken sich die Spieler erst recht nichts. Szenen wie diese im Nürnberger Torraum wird es einige geben.
Augsburg: Curt-Frenzel-Stadion |

Ein Playoff-Viertelfinale gegen Nürnberg fand schon einmal statt. 1999 gab es einen dramatischen Kampf über fünf Spiele, im entscheidenden letzten setzte sich der Favorit durch. 18 Jahre später hat der AEV die Chance sich für das unglückliche Ausscheiden zu revanchieren, denn wieder heißt der Gegner Nürnberg. Die Franken sind wieder Favorit, aber die Schwaben haben durchaus Chancen. Wenn das Team so spielt wie bisher, mit aggressivem Forchecking, hart aber fair und tollen Special Teams, dann reicht auch eine "solide" Leistung der Torhüter.


März 1999, das entscheidende fünfte Spiel um den Halbfinaleinzug zwischen Nürnberg und Augsburg. Es steht unentschieden, die letzten Minuten laufen. Augsburgs Rick Girard trifft nur den Pfosten, Schiedsrichter Slapke stellt André Faust vom Platz - wegen "Halten des Stocks", einem Foul, das während der fünf Spiele zigmal ohne Konsequenzen blieb. Faust fährt zur Strafbank, Nürnberg trifft im Powerplay, und Radioreporter Bobby Siller fordert via Äther Pierre Rioux dazu auf, ein einziges Mal in seiner Karriere die Faust zu erheben - und den Unparteiischen niederzustrecken. Rioux, ein wahrer Gentleman auf Kufen, steht vor Slapke und schüttelt nur ungläubig den Kopf. Schlusssirene und Saisonaus für den schwäbischen Underdog, der dem Vorrundenmeister bis zuletzt alles abverlangt hatte.

Radioreporter fordert: "Rioux, hau ihn um!"
Playoffs 1999 vs. Playoffs 2017

18 Jahre später ist es so weit: Die bayerischen Rivalen treffen sich erstmals wieder in den Playoffs, jetzt misst sich der fränkische Dritte mit dem schwäbischen Sechsten. Wieder sind die durch den Schmuckhersteller Thomas Sabo üppig alimentierten IceTigers Favorit, der Etat der Franken ist fast doppelt so hoch wie der des AEV. Von den Spielern von 1999 sind noch Leo Conti (jetzt Marketing-Manager) und Duanne Moeser (Sportmanager) an Bord, sonst hat sich viel geändert:

Es wird jetzt wie in der NHL mit dem Modus "best-of-seven" gespielt, bis zu sieben Spiele liegen vor Mike Stewart und seinem Team, vier Mal muss gewonnen werden um ins Halbfinale einzuziehen. Bei Augsburgs letzten Playoffs 2010 reichten noch drei Siege zum Weiterkommen, der Modus ist also absolutes Neuland für den AEV und seine Fans.

1999 mündeten Verlängerungen nach nur zwanzigminütiger Overtime im Shoot-out - einen Sieg wie damals im zweiten Spiel wird es nicht geben, als Sergej Klimovichs 6:5-Penalty den ersten AEV-Sieg bedeutete. Denn mittlerweile wird in der DEL verlängert bis zum Sudden Death, und das kann mehrere "Drittel" lang dauern: Straubing wehrte sich am vergangenen Freitag bis in den sechsten Spielabschnitt gegen das Ausscheiden in der 1. Playoff-Runde.

Topscorer aus Nürnberg: damals Jiranek, heute Reimer
Verfluchtes Viertelfinale, verfluchtes Frankenland

Parallelen zu 1999 gibt es auch: Nürnbergs Martin Jiranek war Topscorer der Hauptrunde wie aktuell Patrick Reimer, die erste Reihe der Franken war damals (Jiranek, Miller, Momesso) das Nonplusultra der Liga wie heute Reimer, Reinprecht und Ehliz.

Nürnberg wurde vor 18 Jahren Vizemeister, hatte dann aber zu kämpfen mit dem "Viertelfinal-Fluch": Man schaffte es fast nie über die erste Playoff-Runde hinaus. Ausrutscher nach oben fanden statt vor zehn Jahren (Finale) und in der vergangenen Saison, wo im Halbfinale Endstation war.

Beide Teams spielen mittlerweile in korrigierten "Baufehlern", auch Nürnberg hatte nach dem Umzug aus dem "Linde" seinen Tribünenskandal in der neuen Arena mit eingeschränkter Sicht - der Gästeblock oben hinterm Tor ist deshalb weiterhin unbeliebt.

Das ist nicht der einzige Grund, warum die AEV-Fans ungern nach Nürnberg reisen. Denn sie hätten sich über vereinzelte fränkische Ausrutscher der anderen Art in all den Jahren tierisch gefreut, denn Augsburg haderte lange mit seinem speziellen "Nürnberg-Fluch": Tat man sich zuhause schon sehr schwer gegen Nürnberg, so ging auswärts jahrelang überhaupt gar nichts, die neue Nürnberger Arena erwies sich als uneinnehmbare Festung. Nicht so in der aktuellen Saison: Es gab kein zweistelliges Heimdebakel wie vor zwei Jahren, beide Teams gewannen je zwei Spiele. Der AEV startete mit einem 2:1-Sieg in Nürnberg in die Saison und gewann Anfang Februar mit 4:0 im Curt-Frenzel-Stadion; dazwischen siegten die Franken zweimal mit 3:2. Auch von den zwei Testspielen im Sommer gewann jede Mannschaft eines - 2016/17 steht es also 3:3.

Playoffs sind jedoch etwas ganz anderes, viele Spieler und Experten sagen, das wäre ein ganz anderer Sport: Jeder Spieler gibt jede Sekunde auf dem Eis alles, wirft sich in jeden Schuss, fährt jeden Check zu Ende und rennt wenn's nötig ist den einen Meter weiter, auch wenn die Muskeln noch so schmerzen.

Wann und wie kommen die Verletzten zurück?

Es ist eine enge und lange Serie zu erwarten. Mit ausschlaggebend wird sein, wann und wie fit die Verletzten wieder einsatzbereit sein werden. Beim AEV fehlten im letzten Spiel sieben Spieler, mit Steffen Tölzer und Mike Davies kamen in Düsseldorf zwei weitere hinzu. Nürnberg plagte das Verletzungspech vor allem in der Abwehr, die seit den Ausfällen von Teubert und vor allem Jurcina sehr wacklig steht.

Mit Auskünften zur Gesundheit ist man während der Playoffs sehr geizig, mehr als "Spieler X hat eine Ober- oder Unterkörperverletzung" erfahren weder Fans noch Gegner - und das kann heißen Prellung am Arm oder Gehirnerschütterung, Krampf im kleinen Zeh oder Kreuzbandriss. Vor allem Nürnbergs Trainer Rob Wilson soll möglichst erst eine Stunde vor dem Eröffnungsbully wissen gegen wen er spielen wird. Die Spieler beißen während der Endrunde schon mal die Zähne zusammen: Darin Olver zum Beispiel konnte 2010 kaum laufen, wurde bei der Rückkehr nach dem ersten Spiel in Wolfsburg von zwei Team-Mates gestützt - lief aber zwei Tage darauf wieder auf. Getaped, gekühlt und fit gespritzt gewann er mit Augsburg auch Spiel 2. Damals zeigte der AEV, dass auch die "kleinen" Teams Chancen aufs Weiterkommen haben: 2010 stand der AEV im Finale, hatte auf dem Weg zur Vizemeisterschaft Mannheim, Berlin und Wolfsburg ausgeschaltet.

Der Gegner: Vier Topscorer und ein Hitzkopf im Tor

Mit Patrik Reimer (54 Punkte, „Spieler und Stürmer des Jahres“), Steven Reinprecht (51 Punkte), Leo Pföderl und Yasin Ehliz (je 48 Punkte) stellen die IceTigers vier der fünf besten Scorer der Liga, Augsburgs Trevor Parkes folgt mit 44 Punkten auf Platz 11. Auffallend beim AEV ist das schnelle Umschalten auch der Stürmer, die zum einen ein aggressives Forechecking betreiben, aber auch schnell hinten aushelfen. Diese attraktive Spielweise war während der Hauptrunde oft erfolgreich, auch die bulligen und großen Nürnberger hatten gegen die Kleinen aus Augsburg ihre Schwierigkeiten.

Denn diese Spielweise wirkt sich auch auf die Verteidiger aus, die oft und gern erfolgreiche Ausflüge ins Angriffsdrittel wagen - abgesichert durch einen Stürmer kann Augsburg so taktisch überraschen. Zwar hat bei den Verteidigern Nürnbergs Jesse Blacker mit 33 Punkten die zweitmeisten Punkte gesammelt, aber mit Mark Cundari (31 Punkte; Platz 4) und Brady Lamb (28 Punkte; Platz 10) haben sich auch zwei AEV-Spieler in die Top Ten gescort.

Mike Stewart meint: "Unser bester Verteidiger steht im Tor" und sprach seinem Duo das Vertrauen auch für die kommende Saison aus: Pünktlich zur heißen Saisonphase meldete die Panther GmbH die Weiterverpflichtung von "Boots" und Ben. Jonathan Boutin wurde in 37 Partien eingesetzt, gewann davon 22 und wehrte 91,1 Prozent der auf sein Tor abgegebenen Schüsse ab. Aktuell ist er in Topform, seine Fangquote im Februar lag bei 93,75 Prozent und gegen Nürnberg (!) gelang ihm ein Shut-out. Back-up Ben Meisner weist nach der Hauptrunde bei 21 Spielen eine Fangquote von 88,7 Prozent auf. Auch er stand bei einigen Siegen im AEV-Tor.

Im IceTigers-Tor wechselten sich Andreas Jenike (23 Spiele, mit 93,3 Prozent die beste Fangquote der DEL) und Jochen Reimer (31 Spiele, 91 Prozent Fangquote) ab. Der Bruder des Topscorers fiel immer wieder durch Ausraster auf, gab zum Beispiel nach einem Gegentor den "Flying Reimer", als er sich Stockhand voraus auf Münchens Pinizotto stürzte. Ein paar Wochen darauf schlug er aufs Bein des vor ihm liegenden Philip Gogulla (Köln).

Wie kann der AEV gewinnen?

Wenn die Angeschlagenen und Verletzten auflaufen können ist eine Überraschung drin. Dass Nürnberg zu schlagen ist hat Mike Stewarts Team bewiesen - das 4:0 liegt keinen Monat zurück und in den letzten Spielen der Hauptrunde haben die IceTigers etwas geschwächelt.

Da eine Best-of-seven-Serie mindestens über vier Spiele geht und man vorher schon mehrmals gegeneinander antrat kennen sich die Teams in- und auswendig. Taktische Um- und Einstellungen können Erfolg bringen, auch gegen die Tricks und Kniffe von Rob Wilson, dem frisch gekürten „DEL-Trainer des Jahres“. Wichtig ist es abschalten zu können, den Druck nicht zuzulassen, der nach einem oder zwei verlorenen Spielen auf einem lastet. Oder nach drei gewonnenen, denn der letzte entscheidende Sieg ist oft der schwerste. Nürnberg geht als leichter Favorit in die Spiele, Thomas Sabo will es nach dem Halbfinalaus im vergangenen Jahr diesmal wissen, hat mit Brandon Prust und Rob Schremp noch einmal eine Menge an Erfahrung hinzugekauft.

Die Special Teams: Vorteil Augsburg

Die Special Teams sprechen für den AEV, der mit 50 Überzahltoren ligaweit die meisten erzielt hat und mit einer Powerplay-Erfolgsquote von 21,74 Prozent auf Platz 3 liegt. Nürnberg kann mit einem sehr guten Penaltykilling dagegenhalten, 83,94 Prozent bedeuten Platz vier. Die Franken hatten allerdings viel Zeit zum Üben, saßen 708 Minuten auf der Strafbank, Platz 8 in der Sünderstatistik; bei den am häufigsten ausgesprochenen 2-Minuten-Strafen sind sie mit 249 Ligaspitze,

Augsburg stellte in der Hauptrunde mit insgesamt 600 Strafminuten (und nur 180 mal 2 Minuten) die drittfairste Mannschaft – viele Möglichkeiten mit einem Mann mehr zu treffen wird Nürnberg wohl auch in den Playoffs nicht haben. Und das Powerplay der Franken war bisher durchschnittlich, 18,78 Prozent bedeutet Rang 7, ebenso das Unterzahlspiel des AEV: 79,74 Prozent, Platz 8 nach der Hauptrunde. Nach einem Durchhänger im Dezember und Januar hat man sich hier jedoch stark verbessert und blieb in den letzten Spielen meist schadlos.

Bleibt es im Viertelfinale bei diesen Werten hat der AEV einen großen Vorteil, gerade während der Playoffs entscheiden die Special Teams enge Spiele. Zum Beispiel in der Schlussminute des entscheidenden letzten Spiels, wenn ein Nürnberger von der Strafbank aus mitansehen muss, wie der AEV den Siegtreffer erzielt…
1
Einem Autor gefällt das:
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.